30. April 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Deutschland, Tunesien · Tags: ,

“Making a revolution, defending a revolution“

Die Veranstaltungen mit den tunesischen AktivistInnen finden an folgenden Terminen statt:

  • 7. Mai 2012 Berlin
  • 9. Mai 2012 Göttingen
  • 12. Mai 2012 Basel
  • 15. Mai 2012 Köln
  • 17. Mai 2012 Frankfurt

Veranstaltungsplakat

Am 17. Dezember 2010 verbrannte sich der tunesische Kleinhändler Mohamed Bouazizi, in der Kleinstadt Sidi Bouzid, nach wiederholten Angriffen und Demütigungen durch die Polizei und setzte damit das Fanal für eine Aufstandsbewegung, die zunächst das Regime in Tunesien und anschließend das in Ägypten hinwegfegte und die auch heute noch in großen Teilen des arabischen Raums und darüber hinaus andauert.
Die tunesische Bewegung begann zunächst als Sozialrevolte in den ländlichen „abgehängten“ Regionen und erreichte Anfang Januar 2011 Tunis, wo sie sich mit anderen Bewegungen verband, was schließlich zum Sturz des Regimes Ben Ali führte.
Seither ist Tunesien permanent in Bewegung und trotz vieler Rückschläge ist die Bewegung keineswegs am Ende. Anhaltende Streikbewegungen, Straßenblockaden im ganzen Land und eine Vielzahl unterschiedlichster sozialer Kämpfe sind Ausdruck dieser weiter anhaltenden Bewegung.
Sehr früh zeigte sich, dass die Person Mohamed Bouazizi nicht bloß ein Einzelschicksal darstellte, sondern stellvertretend für eine ganze Generationenlage in Tunesien steht: eine junge Generation, die hochgebildet, einem gesellschaftlichen Ausschluss unterworfen ist, der ihnen keine Ressourcen für die Sicherung ihrer Existenz lässt. Die Modernisierung Tunesiens durch das Ben Ali-Regime war nicht nur geprägt durch Korruption und Bereicherung durch den herrschenden Clan, einem Spitzel- und Polizeistaat, der jeglichen Protest schon im Keime und brutal unterdrücken sollte, sondern ebenso durch ein ökonomisches Entwicklungsmodell, das sich im Nachtrab der EU als Billiglohnland, im Bereich einfachster unqualifizierter Arbeit und im Tourismus, definierte. Gefragt waren Arbeitskräfte, die einfachste Tätigkeiten zu Hungerlöhnen verrichteten. Die große Zahl der schulisch und universitär gut ausgebildeten jungen Menschen fand darin keinen Platz und musste entweder emigrieren oder im informellen Sektor eine prekäre und notdürftige Überlebenssicherung entwickeln. Und gerade hier waren die Menschen permanenten Polizeischikanen und Demütigungen ausgesetzt. Und diejenigen, die eine Arbeitsstelle in der Industrie oder dem Tourismus fanden, mussten hier für Löhne arbeiten, die ein Überleben kaum sichern konnten.
Um ihr Überleben zu sichern mussten die Menschen neue soziale Beziehungen entwickeln. Dies hatte nicht nur eine Revitalisierung familiärer Sicherungssystem zur Folge, sondern der gesamte Sozialraum wurde zu einem Unterstützungssystem, das ausgebaut werden musste, um die Reproduktion und das Überleben zu sichern. Diese Transformation sozialer Beziehungen der Überlebenssicherung, die außerhalb und gegen staatliche Eingriffe stattfand, und zu einer neuen Vergemeinschaftung von Unten führte, bildet den Hintergrund der Organisierung der revolutionären Bewegung bis heute.
Der Aufstand begann nun gerade in den Regionen, in denen diese Zustände am deutlichsten waren: Im ländlichen „abgehängten“ Raum, in dem die Überlebensressourcen am prekärsten waren und sind. Und es sind vor allem die prekären und arbeitslosen jungen Menschen, die den Kern der revolutionären Bewegungen seit Dezember 2010 bilden.
Viele dieser jungen Menschen sind auch heute die aktiven Kerne der Sozialbewegung, vor allem in den Kämpfen der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen, in den Straßenblockaden und in anderen sozialen Bewegungen.

Solibewegung

Nur verhalten bildete sich eine kleine, aber rege Solibewegung in einigen Städten auch in der BRD und in der Schweiz. Einige von uns erfuhren von einem transnationalen Kongress, der 2 im Mai 2011 in Tunis stattfinden sollten und beschlossen dorthin aufzubrechen, um Kontakte zu knüpfen, gemeinsam zu diskutieren ….
Nun, es war kein Kongress, sondern das Vorbereitungstreffen für ein Transnationales Treffen im Herbst 2011 in Tunesien.

s. hierzu und auch für weitere Infos zum Transnationalen Treffen

An dem Vorbereitungstreffen nahmen, neben tunesischen Gruppen auch viele Gruppen aus Europa, v.a. aus Südeuropa, und ein paar Menschen aus der BRD teil. Die Gruppen aus der BRD organisierten in der Folge einige Mobilisierungs- und Infoveranstaltungen für das Transnationale Treffen und hieraus wiederum bildete sich ein Kreis verschiedener Städteinitiativen, die gemeinsam die Mobilisierung und die Teilnahme an dem Transnationalen Treffen organisierten, das schließlich vom 29. September bis zum 2. Oktober 2011 in Tunesien stattfand. Einige von uns haben mittlerweile z.T. mehrmals Tunesien besucht und dorthin Kontakte aufgebaut, die weit über die Teilnahme an einem gemeinsamen Treffen hinausgehen.

Treibendes Motiv der Solibewegung hier ist die Frage der gemeinsamen Perspektiven unserer Kämpfe und der der Menschen in Tunesien und in anderen Ländern. Die AktivistInnen in Tunesien selbst verlangen von uns keine klassische internationale Soliarbeit, sondern gehen davon aus, dass die bestmögliche Unterstützung für sie Kämpfe in den Metropolen selbst sind. Und an diesen sind sie ebenfalls sehr interessiert.

Hieraus entstand die Idee eine Rundreise mit AktivistInnen der tunesischen Sozialrevolte zu organisieren, in dessen Zentrum die Frage nach möglichen Verbindungen unserer Kämpfe steht. Und das gegenseitige Kennenlernen soll ebenfalls einen großen Raum haben. Neben einer öffentlichen Veranstaltung soll es daher Treffen mit unterschiedlichsten politischen und sozialen Initiativen in allen Veranstaltungsorten geben.

Inhalte der Rundreise und Veranstaltungsreihe

Eingeladen sind und kommen werden vier AktivistInnen aus Tunesien, die von Anbeginn der revolutionären Kämpfe bis heute dabei waren und sind:

Eine Aktivistin ist in einem Frauennetzwerk aktiv und wird vor allem über die Situation und die Veränderungen der gesellschaftlichen Bedeutung und der Aktivitäten von Frauen in der Revolution und den Kämpfen berichten. Zu dieser Frage sind Arbeitstreffen mit Frauengruppen und Initiativen in der BRD organisiert.

Ein Aktivist ist in Regueb Koordinator der UDC (Union des diplomés chômeurs – Organisation der Arbeitslosen mit Diplom). Er wird über die Kämpfe der Arbeitslosen in Tunesien berichten, die eine der treibenden Kräfte der Bewegungen sind. Zur Thematisierung der Frage der Organisierung von Arbeitslosen wird es Arbeitstreffen mit Gruppen in der BRD geben, die in diesem Feld aktiv sind (Agenturschluss, Erwerbsloseninitiativen etc.).

Zwei Aktivisten, Mitglieder des „Mouvement des Jeunes Tunisiens Libres“, sind organisierte prekäre Arbeiter und haben im letzten Jahr unter anderem den internationalen Kongress Reseau des luttes mitorganisiert, bei dem es um die Verbindung der Kämpfe prekärer ArbeiterInnen beiderseits des Mittelmeeres ging. Wir wollen hier eine Auseinandersetzung mit Jobbergruppen und kritischen Gewerkschaftsgruppen zu Fragen der Organisierung, der internationalen Arbeitsteilung und der Gemeinsamkeit der Kämpfe organisieren.

Wir werden den AktivistInnen weitere politische und soziale Initiativen und Projekte vorstellen, um ihnen ein möglichst umfassendes Bild von der Situation in der BRD zu liefern (Antifa, Anti-AKW, Flüchtlingsunterstützung, MigrantInnengruppen etc.). Ebenso wird es über die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte der AktivistInnen hinaus Diskussionstreffen und Gespräche mit AktivistInnen unterschiedlichster politischer und sozialer Bewegungen und Projekte in der BRD geben.

Die AktivistInnen werden zudem nicht nur zu ihren jeweiligen Schwerpunktgebieten referieren, sondern insgesamt über die Geschichte und Aktualität der Kämpfe in Tunesien berichten.

Die Rundreise dauert insgesamt drei Wochen (vom 30.4.2012 bis zum 21.5.2012). An insgesamt 6 Orten werden Veranstaltungen mit den AktivistInnen organisiert. Da in jeder Stadt weitere Diskussionen; Arbeitstreffen etc. geplant sind, sollen die AktivistInnen jeweils 3 bis 4 Tage an einem Ort sein. Veranstaltungsorte sind Berlin, Göttingen, Basel, Köln und Frankfurt (in der Reihenfolge der Besuche).

Ziele

Wir wollen mit der Rundreise und der Veranstaltungsreihe zunächst ein Informationsangebot machen, um insbesondere einer interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit von Informationen über die Situation in Tunesien quasi aus erster Hand zu geben. Zum anderen wollen wir aber auch mit den AktivistInnen, den BesucherInnen der Veranstaltungsreihe und politisch interessierten Gruppen und Personen darüber diskutieren, wie und an welchen Punkten internationale Solidarität wirksam werden kann. Dabei soll auch diskutiert werden, welche Handlungsmöglichkeiten wir hier in der BRD haben, gegen die deutschen Profiteure des Ben Ali-Regimes und der Restaurationstendenzen in Tunesien vorzugehen und ebenso, was wir hier tun können, wenn es zu Erpressungen und Drohungen seitens der deutschen Industrie kommt, wie jüngst das Beispiel des Kabelherstellers Leonie aus Nürnberg.

Termine
Die Veranstaltungen mit den tunesischen AktivistInnen finden an folgenden Terminen statt:

  • 7. Mai 2012 Berlin
  • 9. Mai 2012 Göttingen
  • 12. Mai 2012 Basel
  • 15. Mai 2012 Köln
  • 17. Mai 2012 Frankfurt

In den Tagen vor und nach den Veranstaltungen sind Treffen und andere Aktivitäten in den einzelnen Städten geplant. Bitte beachtet die Hinweise in den einzelnen Städten.

Die Rundreise wird von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt finanziell
unterstützt.

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