28. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Rezension: Asef Bayat, Life as Politics 2010 · Kategorien: Lesehinweise, Libyen, Mittelmeerroute, Tunesien · Tags: ,

Asef Bayat, Life as Politics: How Ordinary People Change the Middle East, Stanford University Press: Stanford 2010. 310 Seiten. USD 21,95 (deutsche Ausgabe mit einem neuen Beitrag zu den Frühlingsrevolutionen in Vorbereitung beim Verlag Assoziation A, Berlin, http://www.assoziation-a.de/vor/Leben_als_Politik.htm). In: Sozial.Geschichte Online 7 (2012), 195-302

Rezension: http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-30301/Sozial_Geschichte_Online_7_2012.pdf

Asef Bayats Buch enthält einen Schlüssel zu den Frühlingsrevolutionen im Maghreb und im Nahen Osten, vielleicht gerade weil es in den zehn Jahren vor dieser Revolution geschrieben und am Vorabend der Revolution veröffentlicht wurde. Es ist ein soziologisches Buch, aber gut lesbar. Ausgehend von einem im Jahre 2000 veröffentlichten Aufsatz, „From ‘Dangerous Classes’ to ‘Quiet Rebels’“, entfaltet Bayat eine Perspektive, in der nicht die Ereignisgeschichte, nicht die Politik, nicht die Organisationen und nicht die Bewegungen im Vordergrund stehen, sondern eine Präsenz der Unterschichten, die in langen Wellen zu unaufhaltsamen und den repressiven Regimes nicht zugänglichen Veränderungen führt. Die Frühlingsrevolutionen waren ein Ausdruck davon und eine Zwischenstation, aber nicht der Endpunkt dieser Entwicklungen.

Bayat ist Professor für Soziologie und Middle East Studies an der Universität von Illinois; zuvor hielt er eine entsprechende Professur in Leiden inne. Geboren 1954 in einem iranischen Dorf, sechzig Kilometer entfernt von Teheran, verbrachte er seine Schulzeit und die ersten Studienjahre in Teheran, wo er sich in der studentischen Linken engagierte und unter anderem auch Vorlesungen Ali Shariatis besuchte. Der Wechsel nach England, ein Jahr vor der iranischen Revolution, war für ihn ein Schock: Erfüllt mit linken Gewissheiten sah er sich vor die Notwendigkeit gestellt, alles noch einmal neu zu lernen. Und kurz darauf, bei Besuchen im revolutionären Teheran, erlebte er, dass die dortigen Vorgänge in der Terminologie der westlichen Sozialwissenschaften nicht recht zu beschreiben waren. Ab Mitte der 1980er Jahre forschte und lehrte Bayat an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten, wobei er sich gleichzeitig ab 1986 17 Jahre lang überwiegend in Kairo aufhielt, als Lehrer an der dortigen Amerikanischen Universität. Wir beschreiben diesen Lebenslauf so ausführlich, weil aus ihm zwei Eigenarten Bayats hervorgehen: zum einen das Bewusstsein von der Lücke zwischen den westlichen Sozialwissenschaften und den Lebenswirklichkeiten im arabischen Raum und im Iran, zum anderen die Fähigkeit, die Entwicklungen im Iran und in Ägypten zu vergleichen.

Life as Politics enthält überarbeitete Fassungen von Aufsätzen aus den Jahren 2000–2009, ohne dass es zu allzu störenden Überschneidungen kommt. In der eigens geschriebenen Einleitung präsentiert Bayat die Kernthese des Buchs und versucht, einen Begriff zu finden für den beharrlichen sozialen Druck von unten, von Seiten der städtischen Unterschichten, der unterschwellig und in langen Wellen bereits zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hat.

Für diesen Prozess, den er ursprünglich als „quiet encroachment“ beschrieben hatte, als stilles und unterschwelliges Vordringen der Unterschichten, führt er den Begriff des „social non-movement“ ein. Soziale Bewegungen klassischen Musters, wie sie sich in Europa seit Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt haben (Bayat folgt der Definition, die Charles Tilly in Social Movements and National Politics gegeben hat; vgl. S. 19), präsentieren in der Regel Forderungen gegenüber den Autoritäten und verfügen über ein Repertoire von Strukturen und Aktivitäten, um Druck auszuüben und die eigene Sache politisch in Szene zu setzen. Derartige Bewegungen konnten sich unter den autoritären arabischen Regimes nur in Ansätzen entwickeln, und der Begriff bezieht sich vielleicht ohnehin nur auf das europäische 19. Jahrhundert. Aber allerorten gibt es einen „cry for change“, und es gibt, besonders in den Armenvierteln der großen Städte des Nahen und Mittleren Ostens, die „kollektiven Aktionen nicht-kollektiver Akteure“, gemeinsame und in großer Zahl ausgeführte Praktiken, welche die Straßen und die Armenviertel in Orte einer sozialen Transformation verwandelt haben. In dem, was er als „non-movements“ bezeichnet, erkennt Bayat die wichtigsten Kräfte des sozialen Wandels im arabischen Raum und im Iran. Als Beispiele nennt er die Landbesetzungen, das Anzapfen von Strom- und Wasserleitungen, die informelle Ökonomie und die Einvernahme der Straßen als öffentliche Orte von unten, die internationale Migration, das Ringen der muslimischen Frauen um Präsenz und die Verhaltensformen der Jugendlichen. All dies sind keine „Sozialbewegungen“ im klassischen Verständnis Tillys, aber es sind die großen Kräfte der Veränderung.

Im Jahre 1997 hat Bayat ein anderes Buch veröffentlicht, eine Auseinandersetzung mit der iranischen Revolution unter dem Titel Street Politics. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte er einen begrifflichen Mangel gegenüber den kollektiven, aber nicht koordinierten Aktionen der Armutsbevölkerung aus der Teheraner Südstadt festgestellt und dieses Defizit mit dem Begriff eines „passiven Netzwerks“ zu beheben versucht. Die „street politics“ leben auch im vorliegenden Buch wieder auf. Dieses enthält zwei Hauptteile: einen ersten Teil über die „non-movements“ und einen zweiten über die „street politics“.

Der erste Teil von Life as Politics enthält zunächst den grundlegenden Aufsatz „The Quiet Encroachment of the Ordinary“ aus dem Jahr 2000, in dem Bayat seinen Ansatz abgrenzt gegenüber Beschreibungen städtischer Sozialbewegungen, die sich seit den 1960er Jahren wesentlich auf Lateinamerika bezogen (Janice Perlman, Manuel Castells), denn im Mittleren Osten gab es – vor der Revolution – keine Stadtteilkomitees, keine Delegiertentreffen und keine Suppenküchen. Bayat grenzt sich ebenfalls ab vom Widerstandsbegriff bei James Scott und seiner Schule sowie bei Foucault.

Bei Scott geht es um Intentionen, bei Bayat um nicht unbedingt intendierte Folgen einer alltäglichen massenhaften Praxis; bei Scott geht es um die Verteidigung eines sozialen Status, bei Bayat um neue und unmittelbare, aus der Überlebensnotwendigkeit geborene Anforderungen. Die staatliche Macht, die im Mittleren Osten eine so bedeutende Rolle spielt, kommt bei Scott kaum vor, und auch bei Foucault nur in vermittelten Formen. Bayat sieht im „quiet encroachement“ einen lang anhaltenden Prozess der Reproduktion und Redistribution sozialer Güter und der Erlangung und Absicherung sozialer Räume. Der Begriff hat, in seiner Betonung der langfristig wirksamen Veränderungen des Alltags, eher eine Braudelsche Dimension. Einen Umschlag ins Politische gebe es erst dann, wenn unverzichtbare Errungenschaften des „encroachment“ durch den Staat bedroht würden – ein Konflikt, der über kurz oder lang unausweichlich sei und der in den Formen der „street politics“ ausgetragen werde. In Gefahrensituationen kollektivieren sich passive Netzwerke, so Bayat: Sie gehen auf die Straße und proklamieren den Umsturz. Am Ende dieses paradigmatischen Aufsatzes kommt Bayat auf die Globalisierung zurück: Die Strukturanpassungsprogramme und der Rückzug der Staaten aus der sozialen Moderation haben die Armut verschärft, aber sie haben zugleich Räume der Selbstorganisation eröffnet und das Reich der Notwendigkeiten für die Armutsbevölkerungen erweitert.

Der folgende Aufsatz, das vierte Kapitel des Buchs, setzt die eben beschriebene Argumentation fort und bezieht sie auf die konkreten Verhältnisse im Iran, in Ägypten und in der Türkei. Bayat grenzt das „quiet encroachment“ ab gegen Aktionsformen, die den Armutsbevölkerungen im Mittleren Osten eher nicht zu Gebote stehen, und gegen islamistische Bewegungen. Das fünfte Kapitel beschreibt, wie die feministischen Strömungen im Iran auf den Rückschlag, der mit dem Iran-Irak-Krieg 1980 einsetzte, mit einem „quiet encroachment“ des öffentlichen Sektors reagiert haben.

Das sechste und das siebte Kapitel, beide 2007 geschrieben, nähern sich bereits den heutigen Zuständen. Sie beschreiben die Inanspruchnahme von Jugendlichkeit als Bewegungsform beziehungsweise Nicht-Bewegungsform, und zwar vergleichend für den Iran und Ägypten. In beiden Ländern hat der Prozess massenhafter Verschulung überhaupt erst zur Ausbildung einer Jugend als Lebensphase geführt, damit aber auch zur Ausbildung einer aufmüpfigen Präsenz auf den Straßen und an anderen Orten. Ein Drittel der Bevölkerung im Iran sind Studierende, und in Ägypten ist es nicht viel anders. Bayat beschreibt zunächst, wie sich im Iran „passive Netzwerke“ und die Präsenz der Jugendlichen herausgebildet haben: Musikkulturen, die Nutzung des Handys, eine unterschwellige sexuelle Revolution. Die Jugendlichen empfinden sich dabei zwar als religiös, haben zu den religiösen Ritualen des Regimes allerdings keinen Bezug. Wohl aber nutzen sie die religiösen Feste, um eigene Partys zu feiern. Anders in Ägypten, wo sich – bei ganz

ähnlicher demographischer Entwicklung und Urbanisierung – eine Dichotomie zwischen „joy“ und „sex“ einerseits und einer neuen nicht-staatlichen Religiosität anderseits ausgebildet hat – oftmals zum Nachteil der jungen Frauen. Erst in den letzten Jahren ist es in Ägypten zu einer auch politischen Artikulation der Jugendlichen gekommen, wobei der Gebrauch des Internet seit 2006 und die Verfügbarkeit von Facebook seit 2009 eine wichtige Rolle gespielt haben. Eine etwas dichtere Beschreibung der sozialen Realität, wie in diesem Kapitel, hätte man sich auch an vielen anderen Stellen im Buch gewünscht. Bayat ist im Iran aufgewachsen, seine Töchter in Ägypten, seine Frau forscht über die ägyptische Jugend – für dieses Gebiet liegt also eine besondere Kompetenz vor. Das sechste Kapitel ist jedenfalls mit besonderem Gewinn zu lesen.

Der zweite Teil des Buches, „Street Politics“, enthält zunächst, als achtes Kapitel, eine lesenswerte Miniatur über die Topographie von Straßen und Plätzen, an denen sich revolutionäre Erhebungen kristallisiert haben: Enghelab, Tahrir, Taksim. Das neunte Kapitel untersucht den (aufgrund bestimmter Ängste und Interessen immer wieder aktivierten) Mythos vom Islamismus der Armen. Bayats Antwort auf diesen Mythos: Die Islamisten sind verarmte Mittelschichten, sie wohnen aufgrund der Mietsteigerungen zum Teil in den Slums, aber sie haben keinen, und wenn, dann nur einen taktischen Bezug zur städtischen Armut. Im zehnten Kapitel stellt Bayat diesen Ängsten einen „Kosmopolitismus der Armen“ entgegen.

Im großstädtischen Alltag entwickeln die Armen die Fähigkeit, sich untereinander zu erkennen und zu verständigen, und zwar über unterschiedliche Herkunftsprägungen, Religionszugehörigkeiten und Stadtteilidentitäten hinweg. Im elften Kapitel beschreibt Bayat dann das Revival der „Straße“: Es entfaltet sich zunächst in panarabistischer, propalästinensischer Rhetorik, seit 2002 aber auch zunehmend mit alternativen Forderungen und Bewegungsformen.

Auf den dritten Teil des Buchs, der einen inzwischen überholten Ausblick beinhaltet, möchten wir hier nicht eingehen – wohl aber noch auf das zwölfte Kapitel, welches nach der Zukunft islamischer Revolutionen fragt und 2008 geschrieben wurde. Der Globalismus verhält sich, so Bayat, im Grunde antithetisch zu Revolutionen im klassischen Sinn. Neue Kommunikationen und eine global linkage lassen die alten, letztlich immer national beschränkten Revolutionen obsolet erscheinen. Islamistische Revolutionen werde es also nicht geben – eher Rebellionen, „non-movements“ und vielleicht auch Bewegungen, die sich in den Kontext einer neuen Globalität von unten einbringen.

Wir haben es bei diesem Buch insgesamt mit einem Überblick zu tun, der nicht nur eine Reihe eurozentrischer Paradigmata in Frage stellt, sondern zugleich auch eine eigene, in vielerlei Hinsicht neuartige Hypothese aufstellt, die geeignet ist, unser Denken über soziale Dynamiken zu revolutionieren. Das fängt an beim Begriff der Sozialbewegungen, der, wenn wir den Definitionen Tillys folgen, wahrscheinlich eher einen europäischen Sonderfall bezeichnet, sodass er sich für ein Denken in globalen Maßstäben nicht eignet. (Sogar Thompson, der letztlich der Quell für das Nachdenken über Sozialbewegungen ist, beschreibt ja einen historischen Sonderfall.) Das gilt nicht minder für einen Revolutionsbegriff, der immer wieder an 1789 orientiert war und von den Leninisten auf ein Weltniveau gehoben wurde, auf welchem er stets nur in Form von Modernisierungsregimes Anwendung fand und zu Massakern führte. Es geht weiter mit unseren Begriffen von Funktionalität, die – in Bezug auf die Stadt – von den Autoren des Nordens, von Henri Lefebvre über Saskia Sassen bis hin zu Mike Davis, auf das globale Kapital bezogen bleiben. In Bezug auf die Analysen des globalen Kapitals selbst gilt dies ohnehin. Diese Analysen bleiben wichtig, aber es steht ihnen keine Zentralität zu.

Wir selbst sind Kinder des Nordens, aus dem 20. Jahrhundert stammend. Für den Norden war unsere Analyse des Kapitals als soziales Verhältnis adäquat, denn sie enthielt die progressive Einvernahme der Bevölkerungen des Nordens in das Kapitalverhältnis, eben jene spezifische Kombination von Rationalisierung, Sozialstaat und Imperialismus, die das 20. Jahrhundert im Norden geprägt hat. Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Die Bevölkerungsmassen der Südkontinente wurden nicht einvernommen, sondern marginalisiert. Wenn es darum geht, das Gravitationsfeld der Analyse zu entkolonialisieren und die Analyse auf die autochthonen Interessen der Unterschichten im globalen Maßstab zu beziehen – und alles andere wäre doch wohl „konterrevolutionär“ – , kommen wir nicht umhin, vieles von dem in Frage zu stellen, was wir auch nach 1989 noch unhinterfragt in unseren linken Köpfen tragen. Es gibt inzwischen eine Literatur, die ein neues Denken beflügeln könnte, und innerhalb dieser Literatur ist Bayats Buch ein hervorragender Beitrag. Weitere Bausteine finden sich zum Beispiel in den Büchern von Abdumaliq Simone, in einigen Büchern, die den Subaltern Studies verpflichtet sind, und in den Arbeiten Raúl Zibechis.

Wenn Teile der untergehenden arabischen Heere die Fahnen wechseln und sich an die Spitze der Aufstände stellen, verwandeln sich die jungen Männer in Soldaten und die Frauen in Kochtrupps der Etappe – die soziale Dynamik wird durch Krieg erstickt. Doch selbst in Libyen nehmen nach dem Krieg die jungen Leute ihre Kritik an den alt-neuen Verhältnissen wieder auf, und in Syrien wie im Jemen weigert sich die arabische Straße, sich nach militärischem Muster aufzustellen. In dieser Verweigerung liegt vielleicht mehr Hoffnung, als man von Europa aus wahrzunehmen vermag.

W. Bergmann / Helmut Dietrich

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