06. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für B4p – Bericht aus Palermo (3) · Kategorien: Italien, Tunesien · Tags: , ,

In Palermo kommen immer mehr Leute aus anderen Ländern an, die sich an B4p beteiligen werden. Insgesamt sind wir damit rund 35 bis 40 Personen (zuzüglich die 12 von der „Oloferne“). Die meisten werden mit der Fähre nach Tunis fahren. Heute morgen gab es die Pressekonferenz an der „Oloferne“. Es kamen nur ein, zwei lokale Fernsehteams, die Interviews führten, aber bei Beginn der offiziellen Konferenz verschwanden. Die vorbereiteten Botschaften wurden dann größtenteils vor Angehörigen unserer Kampagne vorgetragen. In Palermo wird uns deutlich, dass die italienische Mobilisierung nicht die Sozialen Zentren erreicht hat. Auch AnarchistInnen sind unsichtbar. Das gleiche gilt für linke Musikzusammenhänge. Das ist insofern schade, als dass es in Palermo mit „Gente Strana“ (http://www.myspace.com/gentestranaposse) eine sehr bekannte linke HipHop-Gruppe gibt, die in ihrem aktuellen Video die Problematik ertrunkener MigrantInnen vor Lampedusa und Sizilien aufgreift. Niemand aus diesem Spektrum, die von uns angesprochen wurden, wussten von B4p. Heute beginnt beginnt auf Sizilien das grosse Festival „Rap Militante“ (auf Facebook: https://www.facebook.com/events/306904262721706).

Aus einem Workshop in Palermo an der Piazza Santa Chiara zum Thema Angehörige von Verschwundenen: Wir begannen mit einem Input von Rabih, einem tunesischen Blogger und Journalisten, der in Italien lebt, zur Zusammenarbeit mit den Angehörigen von Verschwundenen. Wichtig ist, keine falschen Hoffnungen zu wecken oder unerfüllbare Versprechen zu machen. Wir sind keine RepräsentantInnen irgendwelcher Behörden der Europäischen Union oder ihrer Mitgliedstaaten. Etwaige vage Hinweise auf mögliche Entschädigungen oder andere Wiedergutmachungen sollten ausbleiben. Am besten auch nicht auf französisch kommunizieren, sondern unbedingt auf arabisch oder mit entsprechender Übersetzung, um Missverständnisse zu vermeiden. In Monastir sind am 13. Juli Nachmittags Workshops mit Angehörigen von „Harragas“. Der Workshop in Monastir dient auch der Vorbereitung auf den 18.12.2012, dem globalen Aktionstag für die Rechte von MigrantInnen. Monastir und Sfax sind die Häfen, von denen die meisten Boote 2011 übersetzten. Im Frühjahr 2011 sind um die 25.000 TunesierInnen als „Harraga“ nach Italien aufgebrochen. Initiativen kommunizieren und suchen mit den Angehörigen der Verschwundenen über das in Tunesien populäre Facebook. Informationen auch auf dem Blog von Federica Sossi (http://leventicinqueundici.noblogs.org) und von Rabih (http://bousufi.blogspot.it). Die Forderung der Angehörigen der Verschwundenen bezüglich der Vermissten lautet schlicht „Unsere Söhne – Wo sind sie?“. Auf politischer Ebene gibt es drei Hauptforderungen: Bewegungsfreiheit, ein Ende des Visaregime und der Krimininalisierung von Migration. Außerdem werden Informationen über das Verbleiben der Vermißten von der italienischen Regierung gefordert. Die Initiative wird von rund 90 Angehörigen (Müttern) getragen. Die tunesische Regierung ist anscheinend bereit, sich bei der Thematik zu engagieren. Italien gab im Januar 2012 an eine 6-köpfige Delegation von tunesischen Familien Visa über 20 Tage aus, um ihnen die Recherche nach ihren Angehörigen zu ermöglichen. Das war vor sechs Monaten, fünf von ihnen sind noch hier. Angehörige von Verschwundenen haben selbst versucht, mit einer Delegation in Abschiebeknäste (C.I.E.) hineinzukommen; vergeblich. Tunesien unterstützt die Anstrengungen anscheinend finanziell. Vermutlich würde es helfen, wenn Tunesien auf diplomatischer Ebene intervenieren bzw. die Familien in Italien mit tunesischen Offiziellen unterstützen würde.

Vor drei Monaten gab es einen 5-tägigen Hungerstreik von tunesischen Familien vor dem tunesischen Konsulat in Italien mit der Forderung nach Informationen über ihre Angehörigen. Die tunesische Regierung sandte Fingerabdrücke von 300 Vermissten nach Italien. In Tunesien wurden unter Ben Ali Fingerabdrücke für die Identitätsfeststellung genutzt, deswegen existieren diese bereits. Nach einigen Wochen kam die Antwort, dass niemand von ihnen dokumentiert nach Italien eingereist war. Italien nutzt allerdings digitale Fingerabdrücke; es ist unklar ob die Vergleiche derart erfolgen können. Zwischen Januar und Mai 2011 waren die Abschiebungen nach Tunesien ausgesetzt. Im April 2011 gab es ein neues entsprechendes Abkommen. Das wurde mit finanzieller Hilfe für das tunesische Verteidigungsministerium und zwei Patrouillenschiffen an die Küstenwache erkauft. Die tunesischen Grenzen werden aber scheinbar wenig überwacht. Teilweise verändern sich die Strategien, das Meer zu überqueren. Nicht immer mit alten Booten, sondern zusammen mit Fischern, etwa versteckt unter Netzen. Kapitalismus pur: Dies ist sicherer, aber teuerer. – Nach dem Brand im Lager Lampedusa letztes Jahr versuchen Viele, direkt nach Sizilien zu gelangen. Der Brand brachte schlechte Stimmung gegen TunesierInnen mit sich, die mittlerweile anscheinend am gleichen Tag wieder deportiert werden. Subsaharische MigrantInnen werden in andere italienische Lager verteilt. Abschiebungen werden teilweise mit heftigen Zwangsmassnahmen ausgeführt, etwa Fesselungen und Knebelungen. Unter anderem werden wohl osteuropäische Fluggesellschaften eingesetzt. Bis zu 30 Betroffene werden gleichzeitig abgeschoben.Sizilien wird auch als Zwischenstation für Abschiebungen aus anderen Gegenden Italiens genutzt. Von den rund 25.000 in den letzten beiden Jahren aus Tunesien und Libyen Übergesetzten seien etwa 80 % bereits abgeschoben. Fluchtversuche sind nicht mehr wie unter Ben Ali kriminalisiert, es folgt also keine Strafverfolgung, wenn die Leute wieder zurück in Tunesien sind.

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