08. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für B4p Bericht von der Fähre Palermo – Tunis (1) · Kategorien: Italien, Tunesien · Tags: ,

Heute (Samstag 07.07.2012) war für die meisten der Tag des Übersetzens mit der Fähre nach Tunesien. Alle ohne Ticket haben schließlich doch eines bekommen, allerdings mussten vier mit der späteren Fähre (Grimaldi-Linie) einschiffen. (Übrigens: Tatsächlich sind welche von uns viel viel zu früh aufgestanden, denn am Ende fuhren beide Schiffe mit dreistündiger Verspätung ab. Die zweite Fähre startete 1 1/2 Stunden nach der ersten).

Bekamen wir per SMS: Auf der Fähre der Grimaldi-Linie (die spätere) wurde eine Abschiebung durchgeführt. Ein Tunesier war gefesselt von acht Polizisten an Bord gebracht worden. Er musste die Überfahrt in der gleichen Kabine verbringen, wie welche von uns. Anscheinend lebte er zuvor 15 Jahre in Palermo (folgt hierzu noch ein ausführlicherer Bericht?).

Nach einem Plenum auf der Fähre mit rund 35 von uns (Grandi Navi Veloci-Linie) haben wir entschieden, wie geplant Flyer zu verteilen und die Reisenden zu Gesprächen einzuladen. Währenddessen wurde die Besatzung auf uns aufmerksam und beäugte uns misstrauisch. Schließlich tauchte ein Crewmitglied auf und wies energisch darauf hin, dass die (soweit ersichtlich, italienische) Crew nicht gefilmt werden dürfe.

Nachdem wir unser Anliegen erklärt haben, beruhigte er sich sofort und „gestattete“ überdies das Verteilen von Infomaterial – sofern die Crew nicht gefilmt würde. Er drückte sogar Zustimmung aus.

Ganz anders ein anderer Passagier, der sich kurz in unser Plenum einmischte und gestikulieren andeutete, unsere Flyer zerreissen zu wollen. Kurz darauf starteten wir die Verteilaktion.

Die daraus entstehenden Gespräche – immer im kleinen Kreis, an den Tischen oder auf den Gängen – waren sehr intensiv und interessant. Reaktionen waren vielfach von Neugier und Verständnis und Zustimmung geprägt. Es gab eine Reihe von Gesprächen über Migration, die teilweise auch bekannte Vereinfachungen bedienten: Klar würden MigrantInnen schlecht behandelt, aber zuviele von ihnen in einem Land seien eben problematisch.

Aber nur sehr wenige Kontakte verliefen wirklich frustrierend oder anstrengend. Einer hielt einen langen Monolog um zu erklären, dass Israel an allem Schuld sei.

Vielleicht war die Verteilaktion deshalb so produktiv, weil die Fähre symbolhaft die beiden Welten verbindet, in denen sich die Reisenden (größtenteils aus dem Maghreb) bewegen. Als größtenteils aus Europa Stammende sind wir Teil dieser Matrix und verlassen Europa gleichzeitig. Vielleicht ernteten wir mit unserem Anliegen deshalb viel Interesse.

Wow: Zufällig stiessen wir auf dem Schiff auf ein kleines tunesisches Dokumentar-Filmteam, das sechs Wochen in Italien zu den „Harragas“ recherchiert hatte. Weil sie kein Visum bekamen reisten sie über Malta ein, um (teilweise undercover) auch in Knästen zu forschen. Ein weiteres Treffen mit ihnen ist geplant.

Für 17 Uhr hatten wir an dem Ort, wo wir uns ausgebreitet hatten (neben der Bar und dem geschlossenen Swimmingpool), zur Assamblea eingeladen. Zuvor haben wir Moderationskriterien und Übersetzungen vorbereitet und versucht, eine konstruktive Atmosphäre zu schaffen: Ein Ort nicht zu sehr versteckt in der Ecke, eine einladende Anordnung von Stühlen, Mikrofon gegen den Schiffsdiesel und Umgebungsgeräusche an der Bar. Nur das Aufhängen des B4P-Transpis wurde von einem Schiffs-Security verhindert.

Der Zuspruch zur Versammlung war prima: In wechselnder Besetzung waren – mit uns – stets rund 60 bis 100 Leute anwesend. Die Vorstellung von B4P erfolgte auf Italienisch und Arabisch, die weiteren Beiträge (z.B. von C., E.) auf Französisch mit anschließender arabischer Übersetzung. Die Übersetzungsecken für Englisch und Französisch wurden erst später und auch nur zaghaft in Anspruch genommen.

Erstaunlich (und so z.B. in Deutschland bestimmt unmöglich): Das Bar-Personal hatte überhaupt nichts gegen unsere Kundgebung am Swimmingpool. (By the way erreichte uns heute die Nachricht aus Tunis, dass vor zwei Tagen eine neue Verodnung gegen unangemeldete Versammlungen erlassen wurde. Helmut, kannst du das mal recherchieren?).

Viel Beifall erntete der Bericht von E. über das EU-Migrationsregime mit Privilegien für einige, während anderen immer höhere Hürden in den Weg gelegt werden. Sein Fokus lag auf Migration aus afrikanischen Ländern und auf Fluchtgründen. Er endete mit der Forderung nach Unterstützung von Bewegungsfreiheit und der Möglichkeit, dort auch zu arbeiten.

Der tunesische Dokumentarfilmer kommentierte: „Das System muss sterben!“.

R. hielt eine flammende, mit viel Beifall aufgenommene Rede zur historischen Chance der tunesischen Revolution und was diese für junge Leute bedeutet. 30.000 TunesierInnen haben das Land in Richtung Europa verlassen, um bessere Lebensbedingungen zu finden. Nicht nur TouristInnen sollen Tunesien anschauen dürfen: Vor allem die jungen Menschen als TrägerInnen der Revolution müssen umgekehrt ebenso nach Europa reisen dürfen! Viele Familien haben Kinder oder Angehörige verloren. Auch hier: Zustimmendes Kopfnicken und Beifall. Schluß: Wir werden gegen Grenzen kämpfen! Choucha (subsaharische Flüchtlinge) und Lampedusa (TunesierInnen) sind die gleichen Kämpfe.

Es gab allerlei weitere Beiträge, die alle qualitativ und ernstgemeint waren. Eine wunderbare Veranstaltung!!

Nach der Versammlung kam ein Tunesier zu uns, der mit Frau und Kind mit Aufenthaltstitel in Palermo lebt. Wegen Familienangelegenheiten fuhr er nach Tunesien und wurde auf der Rückfahrt nicht mehr nach Palermo gelassen: Angeblich hatte er kein Papier dabei, das seinen Aufenthaltstitel beweisen könnte. Er blieb auf dem Schiff (inzwischen mehrere Tage), um erneut zu versuchen nach Italien einzureisen und seine Familie zu sehen. Währenddessen lief sein Aufenthaltstitel (und damit wohl für die gesamte Familie) ab. Unklar ist, ob er in Tunesien eine neue Aufenthaltserlaubnis beantragen kann. Es hieß seitens der Crew, er solle nun mit Gewalt vom Schiff befördert werden.

Etwa eine Stunde vor Einfahrt in den Hafen versuchten wir, diese Prozedur zu verhindern – zunächst per Diskussion mit dem bereits von vorher bekannten Crewmitglied, das wir hierfür massenhaft umringt hatten. Letztlich war klar, dass der Rauswurf samt Überstellung an die Polizei unvermeidlich würde, und die Crew immerhin einverstanden war dass zwei von uns dabei sind. So geschehen, er wurde in die Kajüte und später nach draussen tgebracht. Nach Personalienaufnahme konnte der Betreffende gehen. Wir vermitteln italienische AnwältInnen und bleiben in Kontakt.

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