19. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für B4p Alle Berichte Palermo-Tunis-Choucha-Monastir 05.-14.07.2012 · Kategorien: Nicht zugeordnet · Tags: ,

*Boats4People – Berichte der internationalen Reisegruppe an Land und auf
der Fähre*
*Kurzbericht zur Station Palermo (5. und 6. Juli 2012)
*
Am Morgen des 5. Juli ist das B4P-Boot Oloferne im Hafen von Palermo
eingelaufen und wurde von einer kleinen Gruppe AktivistInnen
empfangen. Die Oloferne wurde mit Boats4People-Transparenten
ausgestattet und am nächsten Tag für eine Pressekonferenz genutzt, zu
der mehrere lokale Fernsehsender und Zeitungen gekommen sind und
Aufnahmen und Interviews gemacht haben.

Am späten Nachmittag begann die angekündigte zentrale B4P-
Veranstaltung im schönen großen Innenhof eines Kirchengebäudes, das
von vielen schwarzafrikanischen MigrantInnen als Treffpunkt genutzt
wird. Über 100 BesucherInnen verfolgten die verschiedenen Berichte
und Beiträge:
– über lokalen Projekte zur Integration (Anti-Diskriminierung) und
medizinischen Versorgung von MigrantInnen;
– zu den Zielen des B4P-Projektes;
– Erfahrungsberichte von zwei Migranten aus Ghana und Nigeria, die
als Boatpeople aus Libyen über Lampedusa nach Italien gekommen waren;
– von einem Rechtsanwalt zu Rückschiebungen und Internierung;
– von einem jungen tunesischen Blogger zu seinem Projekt zur
Unterstützung der Angehörigen von verschwundenen Boatpeople;
– von einer tunesischen Mutter zu ihrem vermissten Sohn;
– von einem Aktivisten aus Amsterdam zur Kampagne gegen Frontex.

Im Innenhof waren viele Transparente mit der Forderung nach
Bewegungsfreiheit aufgespannt und mehrere Ausstellungen zu Frontex,
zu den Vermissten sowie zu Fluchtgeschichten aufgebaut. Der
transnational zusammengesetzte Informationsabend endete mit einem
Konzert und dem Aufruf, sich am nächsten Abend am Meer an der
Gedenkveranstaltung für die Opfer des EU-Grenzregimes zu beteiligen.

Am nächsten Tag (6. Juli) hat eine kleine Delegation das
Abschiebegefängnis in Trapani besucht. Zeitgleich gab es einige
Workshops in Palermo, u.a. zum Thema der Vermissten. Danach wurden
B4P-Flyer in der Innenstadt verteilt, in denen ebenfalls zur
Gedenkveranstaltung eingeladen wurde.
Diese fand direkt am Meer an einer Promenade statt, es wurden wieder
Transparente aufgehängt sowie viele Kerzen angezündet. Kerzenlichter
gab es auch in Sichtweite auf See auf zwei Booten. Große
Aufmerksamkeit fand die ca. 20 Meter lange Banderole, die auf dem
Gehweg ausgerollt wurde und auf der die Daten, die Namen – soweit
bekannt – sowie die Todesumstände der mittlerweile über 18.000 Opfer
des EU-Grenzregimes aufgelistet sind. Beispielhaft verlasen
TeilnehmerInnen der Gedenkveranstaltung die Namen einiger Opfer,
kombiniert mit einer Lesung mit Gesang sowie mehreren spontanen
ausdrucksstarken Beiträgen beteiligter MigrantInnen.
*Kurzbericht 2: Auf den Fähren (7. Juli 2012) – Orte
versammelter Migrationsgeschichte(n)

*Während das B4P-Boot Oloferne noch in Palermo ankerte, um dann mit
der 13-köpfigen Besatzung Richtung Monastir in See zu stechen, hatte
die mittlerweile auf über 40 Leute angewachsene transnationale B4P-
AktivistInnengruppe zur Überfahrt von Palermo nach Tunis auf den
kommerziellen Fähren eingecheckt. Aus Platzgründen musste ein Teil
auf eine zweite der hintereinander startenden Fähren ausweichen, aber
auf beiden waren sicherlich zu über 90 % tunesische MigrantInnen an
Bord, die vor allem von Italien aber auch aus anderen europäischen
Ländern zum Urlaub oder Besuch ihrer Familien nach Tunesien fahren.
Vor diesem Hintergrund haben beide B4p-Gruppen auf der 10-stündigen
Überfahrt sehr viele interessante Begegnungen machen können, denn die
auf den Booten versammelten TunesierInnen haben alle reichlich
Migrationsgeschichten im Gepäck.
Schon vor dem Start der ersten Fähre aus Palermo wurde an deren
Reling kurze Zeit ein großes Transparent aufgehängt, auf dem die
Forderung „pour la liberte de circulation“ und „no one is illegal“
gemalt war. Und auf diesem Boot, auf dem sich mit 35 Leuten die
größere AktivistInnengruppe mit sowohl italienischen als auch
arabischen Sprachkenntnissen befand, gelang es späterhin, mit der
Fährencrew das Verteilen von B4P-Infomaterial sowie das Abhalten
einer Versammlung – sogar unter Einsatz der mitgebrachten
Lautsprecheranlage – auszuhandeln. Zunächst wurden zahlreiche
kleinere, zumeist sehr spannende Tischgespräche geführt und dabei zu
einer Versammlung neben der Bar eingeladen. Der Zuspruch zu dieser
außergewöhnlichen Asamblea war prima: in wechselnder Besetzung waren
– mit uns – stets rund 60 bis 100 Leute anwesend. Die Vorstellung von
B4P erfolgte auf Italienisch und Arabisch, die weiteren Beiträge auf
Französisch mit anschließender arabischer Übersetzung. Viel Beifall
erntete ein Beitrag unseres kongolesischen Mitstreiters über das EU-
Migrationsregime „mit Privilegien für einige, während anderen immer
höhere Hürden in den Weg gelegt werden“. Der Fokus dieser Rede lag
auf der Migration aus afrikanischen Ländern und auf den
Fluchtgründen. Er endete mit der Forderung nach Unterstützung von
Bewegungsfreiheit und der Möglichkeit, dort in den Zielländern auch
zu arbeiten.
Ein tunesischer Dokumentarfilmer, der mit einem Team in Italien über
die Situation der Harragas recherchiert hatte und zufällig mit uns
auf diesem Boot auf der Rückreise war, kommentierte diese Rede: „Das
System muss sterben!“
Einer unserer tunesischen B4P-Aktivisten hielt eine flammende, mit
viel Beifall aufgenommene Rede zur historischen Chance der
tunesischen Revolution und was diese für junge Leute bedeutet.
„30.000 TunesierInnen haben das Land in Richtung Europa verlassen, um
bessere Lebensbedingungen zu finden. Nicht nur TouristInnen sollen
Tunesien anschauen dürfen: Vor allem die jungen Menschen als
TrägerInnen der Revolution müssen umgekehrt ebenso nach Europa reisen
dürfen! Viele Familien haben Kinder oder Angehörige verloren…“.
Auch hier: Zustimmendes Kopfnicken und Beifall. Schluß: „Wir werden
gegen Grenzen kämpfen! Choucha (subsaharische Flüchtlinge) und
Lampedusa (TunesierInnen) sind die gleichen Kämpfe.“ Es gab allerlei
weitere Beiträge, die alle qualitativ und ernstgemeint waren. Eine
wunderbare Veranstaltung!!

Gleichzeitig war die kleinere B4P-Gruppe auf der zweiten Fähre mit
einer Abschiebung konfrontiert. In einem der Räume an Deck saß
bereits eine Stunde vor Abfahrt ein Tunesier mit gefesselten Händen
und umgeben von 5 italienischen Polizisten in Zivil. Wie einige der
im Raum befindlichen TunesierInnen ließen auch wir den Betroffenen
spüren, dass wir auf seiner Seite stehen. Nach einer kurzen direkten
Ansprache war aber schnell klar, dass er keinen Konflikt eingehen
wollte und späterhin erfuhren wir von einem Mitreisenden, der mit dem
Abzuschiebenden in arabisch gesprochen hatte, dass dieser 15 Jahre
als Papierloser in Italien gelebt hatte und es sicher nach der
Abschiebung erneut versuchen wird. Und die tunesischen Mitreisenden
zeigten sich solidarisch, indem sie für ihn bei seiner Familie
anriefen und ihm kurz vorm Anlegen in Tunis ein Paar neue Schuhe und
Kleider schenkten.
Wir lernten währenddessen einen Mann aus Monastir kennen, der vor 9
Jahren als Harraga auf dem Boot nach Italien gelangte, dort immer
hart gearbeitet hatte, aber erst bei Zahlung von 5000,- Euro an einen
Arbeitgeber den unbefristeten Arbeitsvertrag erhielt, der ihm vor
einigen Monaten endlich die Legalisierung ermöglichte. Es war nun
seine erste Reise zurück zur Familie, seine Mutter wollte es nicht
glauben und konnte seit einer Woche vor Aufregung nicht schlafen …
und wir haben ihn eingeladen und er war interessiert, in Monastir an
unseren Aktivitäten teilzunehmen.

Als Grassroot-Aktion und -Kommunikation im besten Sinne kann das
bezeichnet werden, was am 7. Juli auf den Fähren von Palermo nach
Tunis stattfand, einem Ort, der symbolisch wie praktisch die beiden
Welten verbindet, zwischen denen die Migrierten sich bewegen. Ein Ort
aller möglichen und unmöglichen Erfahrungen und Geschichten und damit
eines sozialen Wissens, das viel öfter direkten Eingang in die
politischen Kämpfe gegen das Grenzregime finden sollte. Insofern
erscheint uns diese Etappe auch für B4P von besonderer Bedeutung.
*Bericht von der Station in Tunis (8. bis 10. Juli 2012)
*
Sonntag, 8. Juli: Rückschiebung verhindert und Koordinationstreffen
Der Tag begann morgens mit einer schlechten Nachricht: Unserem jungen
senegalesischen Freund, der sich schon an der Westafrika-Karawane
2011 beteiligt hatte, wurde bei Ankunft aus Dakar von der
Grenzpolizei am Flughafen in Tunis die Einreise verweigert. Er fiel
unter den Generalverdacht gegenüber vielen subsaharischen Reisenden,
sich angeblich nur zur Durch- bzw. Weiterreise nach Europa in
Tunesien aufhalten zu wollen. Weder der Nachweis einer Hotelbuchung
noch der wiederholte Hinweis auf seine Beteiligung am Treffen des
Weltsozialforum konnte die Behörden zunächst umstimmen: unser
Mitstreiter sollte am gleichen Abend wieder zurückgeschoben werden.
Er saß sogar schon im Flugzeug nach Dakar, als durch die Präsenz und
den Protest von einer Gruppe von B4P-AktivstInnen im Flughafen sowie
schließlich mittels einer von einem Gewerkschafter offiziell
überbrachten Einladung nach Monastir der senegalesische Freund in
letzter Minute – und ohne Gepäck – doch noch einreisen konnte und
seitdem Teil der transnationalen Reisegruppe ist.
Diese Gruppe war in Tunis nun auf ca. 50 Personen angewachsen und der
Sonntag diente vor allem der Koordination und Vorbereitung der
nächsten beiden Tage. Nach internen und informellen Treffen gab es
abends eine gemeinsame Versammlung mit unseren tunesischen
FreundInnen vom Psycho-Club. Dies ist eine Gruppe von vor allem
Psychologie-StudentInnen, die sich am Boats4People-Projekt beteiligen
und die u.a. selbst mehrfach in die Camps nach Choucha gereist waren,
um die dortigen Flüchtlinge und MigrantInnen zu unterstützen. Pscho-
Club hatte auch Räume und Workshops für eine kleine Konferenz am
nächsten Tag vorbereitet.
Zudem beteiligten sich am Sonntag einige Frauen der B4P-Gruppe an
einem Treffen einer italienischen Frauengruppe und tunesischen
Müttern bzw. Angehörigen von Verschwundenen, die u.a. zusammen eine
Protestwoche in Tunis vorbereiteten.

Montag, 9. Juli: Protest der Mütter und Konferenz
Um 10 Uhr war vor dem Ministerium für Soziales eine Kundgebung der
Mütter von Verschwundenen angekündigt, und ein Teil der B4P-Gruppe
beteiligte und unterstützte diesen Protest mit Transparenten und dem
Verteilen unserer dazu passenden B4P-Flyer und Postkarten.
Leider hatten wir und auch der Psycho-Club zu kurzfristig von dieser
Aktion erfahren, und für 10 Uhr (bis 14 Uhr) waren gleichzeitig die
Räume für die Konferenz gebucht und diese auch öffentlich
angekündigt. Insofern begann diese zur gleichen Zeit mit Workshops
und Beiträgen über die EU-Migrationspolitik, deren Auswirkungen auf
Länder wie Tunesien sowie zur Situation in den Lagern von Choucha. In
einem zweiten Teil dieser Konferenz kamen dann bis zu 80 Leute –
darunter rund 20 tunesische Interessierte – zu einer Versammlung
zusammen, in der über Kämpfe und Widerstand gegen das Grenzregime
berichtet und diskutiert wurde. Neben der Vorstellung von lokalen
Protesten und von einigen transnationalen Projekten und Kampagnen
ging es auch um das Verständnis von Kämpfen. Ist allein der Umstand,
ein Harraga zu sein und damit ganz praktisch das Grenzregime zu
unterwandern, nicht auch Kampf? Auch wenn sich diese soziale Bewegung
nicht unmittelbar politisch artikuliert. Oder ist es weniger ein
Kampf sondern eher Verzweiflung, sich „ins Meer zu stürzen“ und dabei
womöglich zu sterben? Schließlich wurde die Frage einer gemeinsamen
Kampagne zur Abschaffung der Visumspflicht im mediterranen Raum
aufgeworfen sowie aus unterschiedlichen Positionen die von der
tunesischen Regierung aktuell beabsichtigte
Grenz“öffnung“ (Erleichterung der Reisefreiheit und kommunales
Wahlrecht) innerhalb des Maghreb kommentiert. Beides konnte aus
Zeitmangel zum Ende der Konferenz leider nicht weitergehend
diskutiert werden.

Dienstag, 10. Juli: vertiefende Debatte und Premiere des Theaterstückes
Am frühen Morgen reiste eine Delegation aus unserer B4P-Reisegruppe –
mit 10 Aktiven aus 9 verschiedenen Ländern! – nach Choucha. Sie
wollen dort die Anreise und Teilnahme von Flüchtlingen und
MigrantInnen aus den Lagern beim Treffen des Weltsozialforums in
Monastir koordinieren.
Die beiden Fragen am Ende der Konferenz vom Vortag, also zu einer
möglichen Kampagne gegen das Visumsregime sowie die Positionen zur
Grenzöffnung im Maghreb, wurden am Vormittag in einem kleineren
Treffen nochmals aufgegriffen und vertieft. Das war damit verbunden,
dass in erster Linie die FreundInnen des Psycho-Club Gelegenheit
bekommen sollten, ihre Einschätzungen und Positionen etwas
ausführlicher darzustellen als es am Vortag möglich war.
Bezüglich der Grenzöffnung im Maghreb und der ablehnenden Stimmung
wurde erläutert, dass viele Menschen in Tunesien der Regierung
grundsätzlich misstrauen würden, dass manche die einseitigen
Öffnungen in Tunesien (ohne gleichzeitige Erleichterungen in den
andere Maghrebländern) falsch finden, dass es protektionistische
Gegenargumentationen gebe (zu wenig Arbeitsplätze für TunesierInnen
und dann noch mehr Konkurrenz) bis hin zur Befürchtung, dass der
fundamental-islamische Einfluss (z.B. aus Algerien) damit zunehmen
könnte. Es würden Informationen und auch eine ausgewogene öffentliche
Diskussion fehlen, um diesen eigentlich sinnvollen Schritt zu einer
Maghreb-Union zu vermitteln …
Zur Frage einer Kampagne gegen die Visumspflicht wurde angemerkt,
dass Migration und die Forderung nach Bewegungsfreiheit in der
tunesischen Gesellschaft ein breites und wichtiges Thema sei.
StudentInnen seien zudem mit für die meisten unbezahlbaren Gebühren
auf Universitäten in Europa konfrontiert, sogar Geschäftsleute würden
den rassistischen Ausschluss durch die Visumspolitik immer wieder bei
Kontrollen und willkürlichen Rückweisungen erleben. Aber es sollte
nicht vergessen werden, dass auch ohne Visapflicht viele
TunesierInnen nicht reisen könnten, weil sie nur über ein ganz
prekäres Einkommen verfügen und schlicht das Geld nicht hätten. Es
gab Einigkeit, dass die Öffnung der Grenzen nach Europa natürlich
nicht alle Probleme lösen würde und dass eine Kampagne gegen das
Visumsregime die Prekarisierung und den sozialen Ausschluss großer
Teile der Bevölkerung mit thematisieren müsse. Dass wir solch eine
Kampagne als Teil einer grundlegenden Transformation der
Gesellschaften verstehen…
Zudem müssten einige Fallstricke beachtet werden: Die EU bietet
durchaus Visa-Erleichterungen an, aber damit verbunden sind
verschiedene Bedingungen. Geschäftsleute und StudentInnen sollen im
Rahmen sogenannter Mobilitätspartnerschaften einfacher Zugang
bekommen, in Europa benötigte Arbeitskräfte können temporär
einreisen. Und solche Erleichterungen werden zudem noch an die
Bedingung geknüpft, dass die tunesische Regierung die
Migrationskontrolle gegenüber dem subsaharischen Afrika verschärft.
Insofern besteht die Gefahr, dass Visa-Erleichterungen mit neuen
Spaltungen erkauft werden und wir müssen in einer möglichen Kampagne
deutlich machen, dass wir eine bedingungslose Abschaffung des
Visumregimes fordern und diese für uns im Rahmen des Kampfes um
globale Bewegungsfreiheit steht.
Praktisch stellt sich die Frage, wie eine Sensibilisierungskampagne
aussehen könnte, und dass dafür neue kreative Aktionsformen zu
entwickeln wären. Denn Demonstrationen und Streiks gebe es jeden Tag,
oft mit brutalen Konfrontationen mit der Polizei verbunden, was
vielen Menschen Angst mache. Wie ließe sich in Stadtteilen eine
solche Kampagne bekanntmachen und mobilisieren? Wäre eine Infotour
oder Karawane durch verschieden Städte eine Möglichkeit? Mit diesen
Fragen ging diese spannende und vertiefende Diskussionsrunde zunächst
zu Ende, und Vorschlag war, in Monastir in den kommenden Tagen zu
versuchen, daran anzuknüpfen.
Am Abend des Dienstags hatte schließlich in einer Bar auf der
Dachetage in der Nähe der Kasbah (und damit mit tollem Blick auf die
Altstadt von Tunis) das von einigen B4P-AktivistInnen aus Berlin
vorbereitete Theaterstück Premiere. Mit einfachen Mitteln – und damit
quasi überall aufführbar – wird die Geschichte von zwei Harragas vor
dem Hintergrund der tunesischen Revolution nachgespielt. Eine tolle
Uraufführung mit einer beeindruckenden Darstellung unseres
tunesischen Mitstreiters, die hoffentlich in Monastir und
darüberhinaus zu Folgevorstellungen führen wird…

*11.7.: Choucha-Delegation und Einladung von Flüchtlingen zum Forum nach
Monastir*

Am 11. Juli 2012 fuhr eine Delegation von elf AktivistInnen aus neun
afrikanischen und europäischen Ländern zum Flüchtlingslager Choucha an
der tunesisch-libyschen Grenze. Wir wollten acht VertreterInnen
verschiedener Communities nach Monastir einladen, wo ein Forum
stattfindet zur Vorbereitung des Welt-Sozial-Forums, welches 2013 in
Tunesien stattfinden wird.
Unsere Delegation wurde vom Militär daran gehindert das Lager zu
betreten und wir erfuhren, dass der UNHCR das tunesische
Verteidigungsministerium angerufen und dazu aufgefordert hatte. In den
Medien wurde verkündet, dass das Lager nur mit Genehmigung dieses
Ministeriums besucht werden dürfe. Wir erklärten den Soldaten, dass wir
mit den Flüchtlingen reden wollten, die vor einigen Wochen durch das
Forum offiziell eingeladen wurden, nach Monastir zu kommen, und dass wir
hier seien, um ihren Transport zu organisieren. Wir wurden aufgefordert,
die Namen dieser Flüchtlinge zu nennen, aber wir weigerten uns und
riefen sie selbst an. Wir konnten die Flüchtlinge unter den Bäumen vor
dem Camp treffen, aber einige von denen, die eingeladen wurden, konnten
nicht nach Monastir gehen, aufgrund von Terminen mit dem UNHCR oder weil
sie es nicht wagten und Angst vor Bestrafung hatten. Andere waren
telefonisch nicht erreichbar. Nach einigen Diskussionen beschlossen acht
Leute mitzufahren und die Flüchtlinge von Choucha in Monastir zu
vertreten: zwei Frauen und ein Mann aus Äthiopien, Männer aus dem
Tschad, Sudan, Darfur, Somalia und Bangladesch, fast alle von ihnen
abgelehnte AsylbewerberInnen. Zusammen mit einigen von ihnen schrieben
wir eine Pressemitteilung über die tatsächliche Situation in Choucha,
die Kämpfe und die Forderungen der Flüchtlinge (siehe Anhang). Auf dem
Weg und während des Forums erzählten uns die Flüchtlinge ihre
Geschichten und beschrieben die unerträglichen Zustände im Lager. Sie
baten uns dringend, sie zu unterstützen, um eine humane Lösung für alle
zu finden, da das Lager nicht mehr zu ertragen sei.
Wir verteilten Flyer “Freiheit statt Frontex”. Eine Gruppe aus dem
Choucha-Camp, die von italienischen Grenzschützern nach Libyen
zurückgeschoben wurde, unterzeichnete mit Hilfe einer italienischen
Rechtsanwältin Vollmachten für eine Klage gegen die italienische Regierung.

Gemeinsam mit den Flüchtlingen, die heute nach Choucha zurückkehren
mussten, rufen wir Euch/Sie alle auf, darüber nachzudenken, wie man
Druck auf die Regierungen der europäischen Staaten ausüben kann, damit
sie ihre Grenzen öffnen und, in Zusammenarbeit mit dem UNHCR und der
tunesischen Regierung, Schutz und Rechte der Flüchtlinge und
MigrantInnen gewährleisten und humane Lebensbedingungen für alle
sicherstellen. Lager wie Choucha müssen geschlossen werden und alle
Menschen müssen volle Bewegungsfreiheit haben!

*Kurzbericht von der Station Monastir (12, 13. und 14. Juli 2012)

*Donnerstag, 12.7.: Ankunft und WSF-Eröffnung

Die B4P-Reisegruppe ist am 11.7. von Tunis nach Monastir
weitergezogen, um dort an dem Vorbereitungstreffen des
Weltsozialforums (WSF) teilzunehmen, das 2013 in Tunesien stattfinden
soll. Nach einem internen Koordinationstreffen mit Austausch und
Berichten zu den vergangenen Tagen sowie über die aktualisierten
Planungen für Monastir startete am frühen Abend die
Eröffnungsveranstaltung des WSF-Treffens. Ca. 500 TeilnehmerInnen
und Interessierte, vor allem aus dem Maghreb, aus afrikanischen
Ländern und aus Europa, kamen im Innenhof der alten Burg zusammen. Es
gab mehere Redebeiträge von unterschiedlichen VertreterInnen aus dem
Sozialforumsprozess sowie aus sozialen Bewegungen und Gewerkschaften
Tunesiens, danach folgte ein Konzert. Für B4P hatten wir Transparente
aufgehängt und einen Infostand aufgebaut. Unser Material, die
verschiedensprachigen Aufrufe sowie die Postkarten und Buttons,
fanden viel Interesse. Zudem war auf den Flyern sowie auf den an
mehreren Stellen in der Stadt Monastir und auch in der Burg
aufgehängten riesigen Werbebannern für das WSF-Treffen das
Boats4people-Logo sehr prominent abgedruckt. Und auch im
Gesamtprogramm des nächsten Tages war Migration und B4P eines der
wesentlichen inhaltlichen Themen.

Freitag, 13.7.: Versammlung, Arbeitsgruppen und zentrale Hafenaktion

Das detaillierte Migrations-Programm mit Plenum und Arbeitsgruppen
findet sich auf der Webseite, und an der Auftaktversammlung nahmen
über 200 Leute teil, der Hörsaal war bis bis zum letzten Platz
gefüllt. Nach der Vorstellung des B4P-Projektes gab es u.a. einen
Bericht zu einer aktuellen Delegationsreise nach Libyen, wo
Flüchtlinge und MigrantInnen erneut in großen Lagern unter
unmenschlichen Bedingungen eingesperrt sind. Offensichtlich übernimmt
die neue Regierung in Zusammenarbeit mit den bewaffneten Milizen die
Wachhundrolle, die das Gadafi-Regime im Interesse und mit
finanzieller Unterstützung der EU gegenüber der Migration eingenommen
hatte.
Zwei Mütter von toten und verschwundenen Harragas kamen anschließend
zu Wort und forderten nicht nur Wiedergutmachung und Aufklärung
sondern auch die Abschaffung des tödlichen Visumsregimes. Schließlich
berichtete ein Vertreter einer Flüchtlingsdelegation aus Choucha von
der nach wie vor unerträglichen Situation im Lager an der Grenze zu
Libyen.

Drei Arbeitsgruppen folgten am Nachmittag:
Zum Workshop über die Toten und Verschwundenen an den Grenzen kamen
ca. 60 TeilnehmerInnen zusammen, es wurden sieben Projekte aus
verschiedenen Ländern (u.a. in Tunesien, Algerien, Mali,
Griechenland, USA-Mexiko) vorgestellt. Ein Austausch der Projekte,
der jeweiligen Erfahrungen und auch Probleme, wurde begonnen und war
sehr inspirierend, es wurde eine erste Grundlage für gemeinsame
Forderungen und Aktivitäten geschaffen. Zum 18.12.2012 – dem
internationalen Tag der Rechte der MigrantInnen – soll das Thema der
Verschwundenen und Toten an den Grenzen auf globaler Ebenen zum
Schwerpunkt gemacht werden.
Im zweiten Workshop über Migration im Maghreb stand das
Flüchtlingslager Choucha im Mittelpunkt und es wurde eine gemeinsame
Presseerklärung mit aktuellen Forderungen verabschiedet.
In der dritten Arbeitsgruppe wurde über die Forderung nach globaler
Bewegungsfreiheit diskutiert und über mögliche weitere
Mobilisierungen und Kampagnen in Tunesien beraten. Unter anderem gibt
es den Vorschlag für eine Karawane für das Recht auf Migration durch
mehrere tunesische Städte (siehe unten). Auf einem Abschlussplenum
wurden diese Ergebnisse der Arbeitsgruppen nochmal zusammengetragen.

Dass B4P im Rahmen des Treffens des WSF einen hohen Stellenwert
hatte, kam auch dadurch zum Ausdruck, dass zur zentralen B4P-Aktion
im kleinen Hafen von Ksibet el Mediouni, einem Nachbarort von
Monastir, mehrere Busse für alle TeilnehmerInnen gechartert wurden
und somit mehrere hundert Menschen teilnehmen konnten. Allerdings
nahm die Aktion selbst teilweise einen unglücklichen Verlauf: das B4P-
Boot Oloferne lief schon weit abseits des Hafens auf Grund, die
Ankunft der B4P-Delegation erfolgte deshalb allein in den
begleitenden Fischerbooten. Und wegen starkem Wind und auch
mangelnder Koordination konnte nur ein sehr kleiner Teil der
vorbereiteten Feuerballons eingesetzt werden. Geplant war, dass
mehrere hundert solcher Leuchtzeichen zum Gedenken an die Opfer des
Grenzregimes an der Küste losfliegen sollten.
Dafür gab es bei Ankunft der Fischerboote eine beeindruckende
künstlerische Performance, indem mehrere nackte Menschen mit (blut)
roter Farbe bemalt am Pier in Hockstellung saßen. Eine
Pressekonferenz fand statt und die Banderole mit der Liste der Toten
des EU-Grenzregimes wurde erneut ausgerollt und einige der Namen
verlesen.

Samstag, 14. 7.: perspektivische Arbeitstreffen mit Watch the Med und
Psycho-Club

Während das B4P-Boot Oloferne sich für die letzte Etappe nach
Lampedusa vorbereitete, hat unsere transnationale Reisegruppe – an
dem für viele TeilnehmerInnen letzten Tag vor der Heimreise – noch
zwei perspektivische Arbeitstreffen veranstaltet.
Zum einen gab es ein Treffen mit Lorenzo Pezzani und Charles Heller,
den Gründern von Watch-the-Med. Hintergrund und Idee sowie die ersten
Schritte zur Realisierung dieses interaktiven Kartenprojektes wurden
vorgestellt (dazu folgt demnächst ein eigener Text), es wurde über
die unterschiedlichen Elemente und Potentiale diskutiert. Deutlich
wurde, dass mit diesem Projekt die bislang eher symbolisch-mediale
Intervention von B4P überschritten werden kann. Und dass es nicht nur
darum geht, die Umstände für „Left-to-die“-Boote zu rekonstruieren
und entsprechende Verantwortlichkeiten bei Nato, Frontex oder
Grenzschutz politisch zu denunzieren und juristisch anzuklagen.
Vielmehr wäre das besondere perspektivische Ziel von Watch-the-Med,
ein SMS-basiertes Notrufsystem einzurichten, über das im Falle von
Bootsunglücken mit einem Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteure so
schnell und breit der politisch-öffentliche Druck aufgebaut wird,
dass die Küstenwachen die gefährdeten Boatpeople retten müssen.
Natürlich gab es viele offene Fragen, ob und wie das praktisch
funktionieren kann, und in den kommenden Wochen sollen
unterschiedliche Akteure angesprochen und gewonnen werden, zur
Umsetzung des Projektes beizutragen.

Zum zweiten gab es ein (Abschluss-)Treffen mit den Mitgliedern des
Psycho-Club bezüglich weiterer Aktivitäten in Tunesien. Ausgehend von
der Arbeitsgruppe des Vortrages wurde der Vorschlag für eine Karawane
für Bewegungsfreiheit konkretisiert. Denkbar wäre zunächst (ev. im
Dezember 2012) eine kleinere Infotour mit einem Bus und einer
begrenzten Anzahl von AktivistInnen, um mit diesen praktischen
Erfahrungen dann eine zweite, größere Karawane für 2013 zu starten.
Das Recht auf Migration soll inhaltlich im Mittelpunkt stehen,
MigrantInnen – Angehörige von verschwundenen Harragas, Abgeschobene,
TransitmigrantInnen – von Beginn an beteiligt sein. Neue Formen
kreativer Sensibilisierung müssen entwickelt werden, um insbesondere
die ärmere Bevölkerung anzusprechen. Und in den kommenden Wochen soll
versucht werden, in Tunesien wie auf europäischer Seite erste
Kerngruppen zu bilden, die den Vorschlag weiter konkretisieren. Eine
entsprechende Kommunikationsliste wurde erstellt. Und ob dieser
Karawanenvorschlag als Folgeprojekt und im Rahmen von B4P stehen soll
oder zu einer eigenständigen Initiative wird, soll in den
Auswertungs- und Perspektiventreffen von B4P diskutiert werden.

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