31. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Tunesien, Ägypten: Krisenmanagement der internationalen Arbeitsteilung · Kategorien: Ägypten, Deutschland, Italien · Tags:

Produktionsbezogene Krisenintervention von LOG.kompass für das Unternehmen Dräxlmaier angesichts der Aufstände in Tunesien und Ägypten:

Krisenreaktion just in time

Die Aufstände in Tunesien und Ägypten hatten und haben nicht nur das Ziel, Diktatoren zu verjagen. Es geht, so der Ruf der Armen auf der Straße, nach wie vor um den „Sturz des Systems“ und um ein Leben in Würde. Wie wirken sich die Aufstände auf die Produktionsbedingungen aus, insbesondere auf die Billiglohnfabriken des europäischen / deutschen Kapitals?

Der soziale Graben am Mittelmeer ist nach wie vor unvorstellbar tief. Der Lohn in den Grossfabriken von Steiff (Sidi Bouzid) und der Autozuliefererfirmen Leoni und Dräxlmaier sowie von Benetton in verschiedenen tunesischen Städten belaufen sich nach wie vor auf weniger als 10 Prozent des Lohns für dieselbe Arbeit in Deutschland oder Norditalien, d.h. auf einen Monatslohn zwischen 100 und 200 Euro.

Die Produktionsstätten der internationalen Arbeitsteilung in Tunesien und Ägypten werden mit anderen Produktionsstandorten derselben Unternehmen in Rumänien oder in Mexiko in Konkurrenz gesetzt. In einer ersten Phase der offenen Kämpfe (Anfang 2011) auch in den Fabriken, als Manager eingeschlossen und Produktionsanlagen von den aufgebrachten Armen demontiert wurden, wurden Lohnzuwächse in Höhe von 10 bis 30 Prozent zugestanden. Doch seitdem drohen Produktionsverlagerungen, wenn Streiks ausgerufen werden, und es herrschen Angst und Vorsicht im Innern der Fabriken.

Anders ist die Situation im Staatssektor (Schulen, Krankenhäuser, Rathäuser etc.) und in den verstaatlichten Unternehmen, die wegen Rohstoffförderung nicht ins Ausland verlegt werden können: Die Phosphatförderung im Gafsa-Becken gehört zu den originären Aufstandsregionen der tunesischen Arabellion.

Der Kampf ums Einkommen schlägt nach wie vor in Bereichen außerhalb der multinationalen Fabriken in offene Auseinandersetzungen um. Blockaden der Fabriken von außen, Sit Ins, Blockaden der Überlandstraßen bestimmen das Bild zahlreicher lokaler Aufstände. In vielen Stadtteilen wird die Strom- und Wasserrechnung nicht bezahlt. Staatliche, durch Kämpfe erzwungene Lebensmittelsubventionen sind überlebenswichtig.

Das ist der Hintergrund für einen neuen Kampfeszyklus, der von oben mit neuen IWF-Diktaten für das Jahr 2013 angekündigt wird. Und eine neue Art der Krisenintervention entsteht: Da die Billigproduktion just in time erfolgt, können die Grossbetriebe aufstandsbedingte Produktionsausfälle nicht durch Lagerlogistik ausgleichen. Nötig werden ausgeklügelte Logistik-Kriseninterventionen, in denen Flugrouten, Wegeplanung und netzartig gesteuerte Produktionsauflagen an anderen Produktionsstätten eine zentrale Rolle einnehmen. Es entsteht eine Kommando-Struktur, von Europa (oder den USA) aus, die dem globalen Krisenreaktionsmanagement gleicht.

Es werden die MigrantInnen, die herumreisenden mobilen Bevölkerungen und damit die Zirkulation von Wissen und Erfahrung sein, die mit einer Gleichzeitigkeit der Kämpfe von unten antworten werden. Die Arabellion hat diese Perspektive im Mittelmeerraum eröffnet.

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