22. Mai 2013 · Kommentare deaktiviert für Tunesien, Djerba: eine Kleinstadt rebelliert – Verurteilungen wegen Aufstand während Jasmin-Revolution · Kategorien: Tunesien · Tags:

Eine Kleinstadt rebelliert
Auf Djerba wurden zehn Männer zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt – wegen Sachbeschädigung während der Jasmin-Revolution

Von Thomas Schmid

AJIM. Es ist gespenstisch ruhig in der kleinen Hafenstadt Ajim auf der tunesischen Ferieninsel Djerba. Die Hauptstraße, wie im ganzen Land üblich nach dem Staatsgründer Habib Bourguiba benannt, ist ausgestorben. Die Rollläden der Geschäfte sind heruntergelassen, die Cafés allesamt geschlossen, bloß die Bäckerei, die Apotheke und das Krankenhaus sind geöffnet. Es herrscht Generalstreik. Nur hier in Ajim, überall sonst auf der Insel geht das Leben weiter wie immer. Aber Ajim, ein Städtchen mit 16.000 Einwohnern, will ein Zeichen setzen.

Plötzlich kommt Leben in die Straße. Ein langer Demonstrationszug formiert sich. Doch es werden keine Parolen geschrien. Für wen auch? Man ist unter sich. Jeder weiß vom Skandal. Es gibt hier keine Öffentlichkeit, der etwas mitgeteilt werden müsste. Kein Tourist verirrt sich hierher, in den Südwesten der Insel, der dem nahen Festland zugewandt ist. Die Hotelhochburgen, Wellness-Centers, Golf- und Tennisplätze liegen auf der andern Seite, am offenen Meer. Aber immerhin ist ein Korrespondent des staatlichen Rundfunks hergeeilt.

Es ist gerade einen Monat her, da wurden zehn junge Männer aus Ajim zu je zehn Jahren Haft verurteilt. Sie hatten – so jedenfalls die Anklage – die örtliche Polizeistation in Brand gesetzt. Die Tat, von wem auch immer verübt. ereignete sich vor über zwei Jahren, am 15. Januar 2011. Am Vortag war der langjährige Diktator Zine El Abidine Ben Ali vor einem Volksaufstand ins Exil geflohen. Überall im Land gingen damals Polizeistationen und Lokale der verhassten Regierungspartei RCD in Flammen auf. Es herrschte Revolution. Auf Djerba ging es noch relativ ruhig zu. Die Insel hat nur einen einzigen „Märtyrer“ zu beklagen: Salah Knafou, 50 Jahre alt, Vater von fünf Töchtern, wohnhaft in Ajim, erschossen in Ajim am 15. Januar von der Polizei.

„Der Mörder meines Sohnes läuft frei umher“, schreit dessen 86-jähriger Vater verzweifelt, „er gehört erschossen oder wenigstens lebenslänglich hinter Gitter.“ Der Alte, der, eine rot-weiße Kefija um den Kopf gewickelt, mit den Demonstranten wacker Schritt hält, ist kaum zu bremsen: „Wer gibt mir meinen Sohn wieder? Wer soll die Familie nun durchbringen? Der Mörder soll zur Hölle fahren!“

Die Ereignisse sind im Einzelnen schwer zu rekonstruieren. Die Versionen widersprechen sich. Fest steht jedoch, dass am Nachmittag des 15. Januar 2011 der Polizist Salim Fazani von einer aufgebrachten Gruppe angepöbelt, vielleicht angegriffen wurde oder vielleicht auch nur sich angegriffen fühlte und mehrere Schüsse abgab. Und fest steht, dass Salah Knafou tot zurück blieb, gezielt erschossen oder vielleich auch nur von einem Querschläger getroffen. Wenige Stunden später, nach Einbruch der Dunkelheit, brannte die Polizeistation. Auch ein Zimmer des unmittelbar benachbarten Privathauses, in dem der Polizeichef Khaled Mathlouti wohnte, wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Gegen den Polizisten, der die tödlichen Schüsse abgab, wurde nie ein Verfahren eröffnet. Zehn junge Männer aus Ajim hingegen wurden – in Abwesenheit, was die tunesische Strafprozessordung, anders als die deutsche, zulässt – wegen Sachbeschädigung und Brandstiftung zu je zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Keiner von ihnen hat je vor Gericht gestanden. Keiner wurde verhört. Sechs der zehn leben heute, nach Auskunft ihrer Rechtsanwälte, illegal in Frankreich. Sie hätten eben, wie Tausende andere auch, ein Boot bestiegen, um auf der andern Seite des Mittelmeers ihr Glück zu versuchen. Einer der Verurteilten ist offenbar schon vor 24 Jahren im zarten Alter von drei Monaten gestorben. Wahrscheinlich führte eine schlichte Namensverwechslung zur Verurteilung. Die übrigen drei leben mehr oder weniger versteckt in Ajim.

Ismail Chanbani ist einer von ihnen. Der 28-jährige Fischer läuft in der Demonstration mit. Aus Sicherheitsgründen lebe er bei Freunden und nicht mehr in der Familie, sagt er, aber natürlich fahre er jede Nacht zur Arbeit aufs Meer hinaus. Er sei unschuldig, beteuert er. Der bei den Unruhen geflohene Polizeichef habe eine alte Rechnung begleichen wollen und ihn deshalb willkürlich auf die Liste der Anzuklagenden gesetzt. Ob er keine Angst hat, eines Tages festgenommen zu werden und zehn Jahre zu brummen? Chanbani, ein recht einsilbiger Mann, lacht etwas verlegen. Dann sagt er: „Morgen werde ich vor Gericht erscheinen. Freiwillig.“ Die Anwälte haben Berufung eingelegt, und morgen soll ein neues Verfahren beginnen – in Anwesenheit der drei Angeklagten, die in Ajim versteckt leben. Laufen sie nicht Gefahr, gleich verhaftet zu werden? „Das Risiko gehen wir alle drei ein“, sagt der Fischer trocken.

Hinter dem Fall Ajim verbirgt sich das Problem einer unfähigen und unwilligen Justiz. An die 300 Todesopfer hat die tunesische Jasmin-Revolution gekostet. Tausende wurden unter der Diktatur Ben Alis in den Kellerverliesen des Innenministeriums gefoltert. Gewiss, es kam zu einigen wenigen aufsehenerregenden Prozessen. Aber statt systematisch gegen Mörder und Folterknechte zu ermitteln, so moniert Sihem Bensedrine, die bekannteste Menschenrechtlerin Tunesiens, gehe die Justiz mit Vorliebe gegen jene vor, die in der Revolution ihr Leben riskiert haben. In jüngster Zeit häufen sich zudem Verfahren gegen Rapper und Sprayer. In Tunis wurden im April vier Rapper zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie in einem Video-Clip die Polizisten als Hunde beschimpft hatten. Und Mitglieder der Sprayer-Gruppe „Zwewla“ („die Armen“) riskieren fünf Jahre Gefängnis, weil sie auf die Mauern „In Tunesien ist der Arme ein lebender Toter“ sprühten. „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“, das sagt auch der tunesische Volksmund. Das Rechtsempfinden ist jedenfalls weithin gestört.

Am Tag nach dem Generalstreik von Ajim tagt in Médenine, der Stadt auf dem Festland, zu dessen Regierungsbezirk ganz Djerba gehört, das Gericht neu. Dem Richterkollegium gegenüber sitzen drei Angeklagte: ein Dekorateur, ein Friseur und der Fischer Chanbani. Direkt hinter ihnen stehen an die 30 Rechtsanwälte in Talar, ein Teil der insgesamt 83 Juristen, die kollektiv die Verteidigung der drei Männer übernommen haben. Einige von ihnen haben sich aus der fernen Hauptstadt herbemüht. Und hinter der Phalanx der Verteidiger drängeln sich an die hundert Einwohner von Ajim, unter ihnen auch der alte Vater des „Märtyrers“ Salah Knafou. Sie alle sind in Bussen angereist, um den drei Angeklagten Beistand zu leisten.

Mehdi Ben Hmouda, der für die Verteidiger das Wort ergreift, verlangt materielle Beweise für die angebliche Schuld der Beklagten. Er fordert Zugang zu den aufgezeichneten Gesprächen zwischen dem Polizeichef von Ajim, der Klage gegen die zehn jungen Männer erhoben hat, und dem Innenministerium in Tunis. Der Prozess wird auf den 11. Juni vertagt. Das Gericht verzichtet auf die Festnahme der anwesenden drei jungen Männer, die vor einem Monat zu zehn Jahren Haft verurteilt wurden. Vielleicht hatte der Vorsitzende Richter einen Sinn für das Rechtsempfinden der Zuschauer. Vielleicht fürchtete er – bei 83 anwesenden Verteidigern – einen nationalen Skandal. Der Fischer, der Dekorateur und der Friseur jedenfalls können einen Etappensieg verbuchen. Sie werden sich nicht mehr verstecken.

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