12. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Türkei Protest: „Die Revolution der ‚Anderen'“ – neue Begegnungen und Aktionen · Kategorien: Hintergrund, Türkei · Tags:

„[…] Interessante Begegnungen

Die Ereignisse in der Türkei sind der erste wirkliche Kontakt der Volksmassen mit den linken Gruppen überhaupt. Aber auch umgekehrt. Interessante Begegnungen, die für alle Beteiligten lehrreich sind, ereignen sich täglich. Fangruppen der Fußballvereine und Demonstranten, die nicht in den linken Gruppen politisiert wurden, skandieren direkte Schimpfwörter gegen Erdogan und die Polizisten. Linke Gruppen, Feministinnen, LGBT-Organisationen und andere versuchen, die sexistischen Schimpfwörter durch politische Slogans zu ersetzen, ohne die Gefühle der anderen Demonstranten zu verletzen. Feministinnen veranstalteten eine Aktion und übermalten sexistische Slogans an den Wänden bzw. ersetzten bestimmte Wörter durch andere. Trotz der Sorge darum, dass die Übermalung von Slogans von anderen diese verletzen könnte, wurde die Aktion sehr positiv aufgenommen.

Auch manche Anekdoten aus Istanbul sind bemerkenswert: Als eine Fangruppe „Ihr seid alle Hurenkinder!“ skandierte, reagierten Transsexuelle, die in der Nähe waren, mit den Worten: „Freunde, wir sind auch Huren und wir kämpfen hier gemeinsam mit euch, Seite an Seite. Huren sind keine bösen Menschen“. Daraufhin begann die Fangruppe zu skandieren: „Tayyip tritt zurück!“ In sozialen Netzwerken wurde berichtet, dass manche Bordelle am Taksim während der brutalen Polizeiangriffe verletzten und von Gas getroffenen Demonstranten halfen. Viele Menschen, die mit einem bestimmten Heterosexismus zum Taksim-Platz kamen, kämpfen inzwischen Seite an Seite mit Mitgliedern der LGBT-Organisationen gegen das Tränengas.

Die Demonstranten im Gezi-Park haben vor ein paar Tagen eine Kommune gegründet. Essen, Medikamente und Bücher, die Demonstranten oder Unterstützer der Aktionen mitbringen, stehen gratis zur Verfügung. Gemeinsame Arbeitsteilung, nicht hierarchische Gesellschaftsorganisation und kollektives Leben sind für die Mehrheit der Demonstranten ziemlich neue Erfahrungen.  Sie entwickeln gemeinsam in ihrer Utopien ein Modell der Gesellschaft und versuchen nun, dieses Modell zu verwirklichen.

Kurzum: Der Gezi-Park ist eine neue Erfahrung für alle Beteiligten und ein Lernprozess, in dem alle voneinander neues lernen.

Konservativ-Islamische Hegemonie bricht zusammen

Dass die türkische Gesellschaft immer konservativer und islamisierter wird, war seit langem ein Thema für die oppositionellen Gruppen. Die Regierungspolitik, die die Privatsphäre reguliert und auf dieser Basis die Gesellschaft polarisiert, war ein enormer Druck auf die nicht konservativen Teile der Gesellschaft. Der Widerstand hat diesen Druck auf aufgebrochen. Menschen, die bisher der Autorität gegenüber immer gehorsam waren, widerstehen jetzt der Autorität. Über Widerstand gegen die Polizei oder davon, von Tränengas getroffen worden zu sein, wird öffentlich gesprochen. Menschen erzählen sich Barrikadengeschichten.

Die dicke Luft über der Türkei wurde aufgelöst. In der Bevölkerung herrschen Optimismus und Selbstbewusstsein. Zum ersten Mal warten die Massen nicht darauf, dass das Militär das Kommando übernimmt und alles brutal wieder in Ordnung bringt. Dieses Mal nehmen sie die Sache in die eigene Hand. Dieses Siegergefühl wird unabhängig vom Ausgang der Demonstrationen der wichtigste Gewinn der Bevölkerung sein. Dass der unbesiegbare Erdogan dem Widerstand ratlos gegenübersteht und sowohl von seinen eigenen Parteigenossen als auch von guten Verbündeten wie dem Pentagon kritisiert wird, erhöht das Selbstbewusstsein der Demonstranten. Das Volk verliert die Angst vor dem Staat. Dieses Gefühl verbreitet sich schnell in den Alltag, und Menschen werden mutiger gegen staatliche Autorität. Die konservative und autoritäre Hegemonie, welche die Herrschenden seit dem Militärputsch von 1980 gepflegt haben, ist durch den Widerstand innerhalb von drei Tagen zusammengebrochen.

Fröhliche Revolution

Eines der wichtigsten Merkmale der Gezi-Park-Proteste ist die optimistische Stimmung. Demonstranten sind motiviert und haben einen Sinn für Humor. Überall werden lustige Geschichten über Tränengas und Polizeigewalt erzählt. Die Fotos von Besiktas-Fans, die mit einem Bagger zwei Polizeipanzern nachjagen, verbreiten sich durch die sozialen Netzwerke. An den Wänden der Großstädte sind nicht nur politische Slogans zu sehen, sondern auch witzige Sprüche, wie z.B. über tränengassüchtige Demonstranten. Bei den Notfallnummern der Polizei wird angerufen und sich beschwert, dass seit Stunden kein Tränengas eingesetzt wurde und man Entzugserscheinungen habe.

Trotz dieser positiven Stimmung ist die Bilanz des Polizeiterrors dramatisch. Mindestens zwei Tote, mehr als 4000 Verletzte und noch mehr Festnahmen. Die brutalen Polizeiattacken in vielen Städten und Vorstädten Istanbuls dauern an. Die Polizei beschoss die Demonstranten mit Unmengen  unterschiedlicher Gasgranaten. Zudem zielten Polizisten mit Granatwerfern direkt die Köpfe der Demonstranten, was bei Treffern Hirnblutungen und schwere Kopfverletzungen verursachen kann. Aus kurzer Distanz schossen Polizisten gezielt mit Hartgummigeschossen auf die Demonstranten. Durch diese Geschosse und durch Gasgranaten haben mindestens zehn Menschen bereits ihre Augen verloren. Mitglieder der Jugendorganisation der AKP attackieren gemeinsam mit Polizisten brutal die Demonstranten. Mindestens zweimal fuhren Erdogan-Anhänger oder Zivilpolizisten ihre Autos in die Menschenmenge. In Istanbul wurde dabei ein 19jähriger getötet. Die Polizei setzt Tränen- und Reizgas in geschlossen Räumen ein, wirft Gasgranaten in Wohnungen, Caféhäuser und Lokale, verprügelt Ärzte, die den Verletzten helfen wollen, nimmt Verletzte fest und zerstört Sanitätsräume der Demonstranten. Mehrere Straßentiere und Schwäne im Kugulu-Park in Ankara wurden  durch das Tränengas getötet. Einige Polizeiprovokateure, die Schaufenster der Banken und Geschäfte zerstörten, wurden von Demonstranten enttarnt. Die Polizei zerstört Büros von linken Vereinen und Kulturzentren, wendet maßlose Gewalt gegen die Festgenommenen an. Trotzdem werden die Demonstranten nicht weniger und verlieren ihre positive Stimmung nicht. Sie können immer noch lustige Geschichten über ihre Festnahmen erzählen. […]“

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