08. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Ägypten: Zum Massaker am 08.07.2013 – telepolis · Kategorien: Ägypten · Tags:

Von der Regierung zum Staatsfeind?

Ägypten: Nach dem heutigen Massaker ist die Einbindung der Muslimbrüder in den politischen Prozess so gut wie unmöglich geworden

http://www.heise.de/tp/blogs/8/154602

Schon am vergangenen Freitag gab es Augenzeugen, die berichteten, dass die Armee das Feuer auf Unterstützer des geschassten Präsidenten Mursi eröffnete, als diese sich Gebäuden der Republikanischen Garden näherten, wo Mursi mutmaßlich inhaftiert ist. Zu den vielen bitter-ironischen Wendungen der gegenwärtigen Ereignisse fügt sich, dass zu den Aufgaben der Soldaten der Republikanischen Garden der Schutz des Präsidenten gehört. Innerhalb weniger Tage ist aus dem zu schützenden Präsidenten Mursi nun ein Staatsfeind geworden und ebenso seine Anhänger – auf die nun gefeuert wird.

Laut Zeugen, die der Reporter der New York Times Kirkpatrick befragt hat, ist auch das Massaker, das heute frühmorgens vor den Gebäuden der Republikanischen Garden angerichtet wurde, auf den Feuerwaffeneinsatz von Armeesoldaten zurückzuführen. Es gab mindestens 43 Tote und mehrere hundert Verletzte. Geschossen wurde auf ein Sit-in von Muslimbrüdern vor den Gebäuden. Nach eigenen Angaben waren sie friedlich und provozierten nicht. Sie seien angegriffen worden, erst mit Tränengas, dann mit Schüssen. Ärzte der umliegenden Krankenhäuser bestätigen, dass sämtliche Verletzte Schusswunden hatten.

Das Staatsfernsehen zeigte Bilder, welche die Version der Armee unterstützen sollen. Die spricht nämlich von bewaffneten Terroristen im Kern des Geschehens. 200 dieser „Terroristen“ wurden angeblich von der Armee festgenommen. Die Fernsehbilder zeigen einen Mann, ausgewiesen als Unterstützer Mursis, der mit einer selbstgemachten Waffe auf vorrückende Soldaten feuert. Das seien Tageslichtaufnahmen, fügt Kirkpatrick an. Die blutige Schießerei selbst fand Stunden aber zuvor statt, als die Sonne noch nicht aufgegangen war.

Man kann davon ausgehen, dass das Blutbad sehr unterschiedlich interpretiert wird. Immer ist im Krieg ja alles möglich, wenn es dazu dient, dem Gegner einen Schlag zu versetzen, und dazu gehört auch das Bild des Geschehens, das die Öffentlichkeit dominiert. Größere Chancen, sich in der breiten Öffentlichkeit durchzusetzen, hat wahrscheinlich die Version der Armee. Untergründig dürften sich aber auch Zweifel an der offiziellen Version über die Gemeinschaft der Muslimbrüder hinaus verbreiten. Innerhalb der Muslimbrüderschaft passt das Ereignis in die Erzählung, die man sich seit letzter Woche in großen Teilen zu eigen gemacht hat: Dass ein Bündnis aus Armee und Unterstützern des Mubarak-Regimes die MB nach dem Putsch zerstören will, dass die Muslimbrüder jetzt Freiwild sind. Eine Version übrigens, die sich durchaus mit Bemerkungen von Seiten der Polizei deckt.

Bevor noch geklärt wird, wer tatsächlich die Verantwortung für das heutige Blutbad trägt, steht fest, dass der Rückkehr der Muslimbrüder in den politischen Prozess, der – egal wie man zur Mutterorganisation von Islamisten aller möglichen Schattierungen steht – für Ägyptens inneren Frieden dringend nötig wäre, damit ein sehr großes Hindernis in den Weg gelegt wurde. Die Verhaftungen von wichtigen Persönlichkeiten, die ausgestellten Haftbefehle und die Jagd auf Muslimbrüder sprechen deutlich für eine feindselige Haltung und nicht für eine Einladung an den politischen Tisch. Da werden Rechnungen beglichen, so der Eindruck.

Er bestätigt, was sich aus Analysen herausschält: Dass die alten Mubarak-Eliten im Hintergrund eine sehr viel größere Rolle spielten, als die die Bilder vom 2. Akt der von der Bevölkerung getragenen „Revolution“ glauben machen.

Es wäre interessant zu erfahren, wie die Tamarod-Bewegung – die den Geist der Revolution von 2011 wiederaufleben lassen wollte, den die Regierung der Muslimbrüder (nach einer Reihe anderer Regierungen) machtversessen abgetragen hatte – auf die gegenwärtige Entwicklung reagiert. Bislang ist von ihrer Seite kaum etwas zu hören. Außer man nimmt el-Baradei, für dessen Unterstützung sie in den letzten Tagen laut warb, als ihr Sprachrohr. El-Baradei mahnte in mehreren alarmierten Äußerungen dazu, die Muslimbrüder mit Respekt zu behandeln.

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