19. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Lampedusa in Hamburg – an ver.di und alle ArbeiterInnen, die offen dafür sind, uns zuzuhören · Kategorien: Deutschland, Italien, Libyen · Tags:

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Nach dem Eintritt in die Gewerkschaft ver.di veröffentlicht die Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ untenstehenden Brief. Wir rufen nachdrücklich auf, den Kampf der Gruppe für die Anerkennung ihrer Rechte in Hamburg (nach § 23) zu unterstützen. Briefkampagne: http://hamburg.verdi.de/presse_hh/pressemitteilungen

LAMPEDUSA in HAMBURG
c/o Infozelt, Steindamm 2, Hamburg-Mitte

An die Gewerkschaft ver.di und alle Arbeiter_innen, die offen dafür sind uns zuzuhören

Seitdem wir nach Hamburg kamen, haben wir viele Menschen und Organisationen der Zivilgesellschaft getroffen. Als die Politiker_innen ihre Ohren und Augen gegenüber unseren Leiden verschlossen, organisierten wir uns selbst und erhoben unsere Stimme in der Öffentlichkeit. Von Ressourcen und Rechten abgeschnitten fochten wir für das Überleben — nicht zum ersten Mal in unseren Leben — und wir fanden eine große Anzahl von Menschen und Organisationen der Zivilgesellschaft, die das verstanden und sich mit uns solidarisierten. Die humanitäre Hilfe, die der Hamburger Senat uns verweigerte, bekamen wir von der Kirche, von Moscheen, Initiativen und vielen einfachen Leuten, Bürger_innen von Hamburg. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber unser Hauptziel ist es, dass unsere Rechte hier anerkannt werden, Grundrechte, die jeder Mensch braucht, um unser Leben wieder aufzubauen. In engem Kontakt mit Arbeiter_innen und Gewerkschaftsmitgliedern entschlossen wir uns dazu uns in der Gewerkschaft zu organisieren, weil wir alle Arbeiter_innen waren auf unserem Kontinent. Wir wissen die Unterstützung der Gewerkschaft im Sinne internationaler Solidarität sehr zu schätzen.

Während einige Politiker_innen falsche Informationen über uns verbreiteten um die Solidarität zu brechen und uns in ein schlechtes Licht zu rücken, gingen die Gewerkschaft und viele Menschen, die uns direkt kennenlernten, gegen diese falsche und heimtückische Propaganda gegen uns an.

Was wir seit dem Beginn des Krieges in Libyen, verstärkt durch die NATO-Intervention, erlebten, ist für niemanden leicht zu ertragen. Wir hatten das Glück zu überleben, während viele andere von uns ihr Leben verloren. Alles wurde bombardiert unter der Parole “ Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen“. Wir waren Teil dieser Zivilbevölkerung. Aber nach unserer erzwungenen Flucht von Libyen Richtung Lampedusa blieb uns nichts außer einem Dokument, das unseren humanitären Schutz garantiert. Konkret wurden wir in Italien auf die Straße gesetzt ohne jede Möglichkeit unsere Situation zu stabilisieren. Da wir die Verantwortung für unsere verheerende Situation bei der Europäischen Union als ganzer sehen, sind wir jetzt in verschiedenen europäischen Ländern, ohne Ressourcen und Rechte. Deshalb müssen wir für unsere Rechte kämpfen.

In Libyen haben wir alle in verschiedenen Bereichen und Berufen gearbeitet. Wir alle kamen mit unserem Leben zurecht, konnten unsere Familie ernähren und die Gemeinschaft unterstützen. Es gab viele Investitionen in Libyen. Wir arbeiteten auf dem Bau als Zimmerleute, Maurer, Gipser oder Fliesenleger, Klempner und Elektriker, wir arbeiteten in den Fabriken als Mechaniker, wir verdienten unser Geld als Automechaniker, Schweißer und Dienstleister wie als Friseure, im Sicherheitsdienst oder als Software-Techniker, einige von uns hatten ihre eigenen Läden. Wir hatten nie die Absicht nach Europa zu gehen. Nach verschiedenen Schwierigkeiten in unseren Herkunftsländern fanden wir in Libyen eine offene Gesellschaft, die unsere Arbeitskraft brauchte.

Wir waren nicht involviert in den politischen Konflikt, der im Land entstand und sich zu einem offenen Krieg entwickelte, als Frankreich und die USA und dann die NATO sich dafür entschieden, militärische Kräfte für einen Regierungswechsel einzusetzen. Wir saßen in der Falle und wurden zum Angriffsziel der Konfliktparteien, angeheizt durch die zweifelhafte Geschichte von Gaddafis Söldnern. Die Rebellen begannen Schwarze überall anzugreifen, zu berauben und zu töten. Heute erleben wir diese niederträchtige Anschuldigung, die vollkommen haltlos ist, wieder von einigen Politiker_innen. Sie bestreiten ihre Verantwortung und machen statt dessen zum wiederholten Mal die Opfer nieder.

Es ist leicht für sie falsche Informationen zu lancieren um ihre eigene Bevölkerung in die Irre zu führen.

Um uns selbst zu verteidigen und unsere Rechte zu erlangen müssen wir kämpfen. In der Gewerkschaft haben wir eine Partnerin gefunden, die die Ungerechtigkeit, die uns angetan wurde, realisiert und diesen Kampf mit uns zusammen führt. Wir möchten alle Mitglieder über die wahre Geschichte, die uns widerfahren ist, informieren, warum wir hier sind und warum wir das Recht haben zu bleiben. Es gibt keine andere Möglichkeit mehr. Wir fordern die Anerkennung unserer Gruppe „Lampedusa in Hamburg — Arbeiter_innen und Kriegsüberlebende aus Libyen“ nach §23 des Aufenthaltsgesetzes. Wir hoffen, mit den Gewerkschaftsmitgliedern und der Arbeiterbewegung starke und bewusste Partner_innen an unserer Seite zu haben. Zusammen mit der breiten Solidarität unter den Hamburger Bürger_innen werden wir die Traumatisierungen von Krieg und Flucht überwinden, um ein neues Leben anzufangen, auf eigenen Füßen zu stehen, zu arbeiten und unsere Familien zu unterstützen. United we stand, divided we fall.

Wir wollen der Gewerkschaft ver.di noch einmal unsere Dankbarkeit ausdrücken und all den Menschen, die die Werte ihrer Grundsatzerklärung teilen, die besagt, dass jeder Mensch frei von Armut und Elend, von Unterdrückung und Ausbeutung leben sollte. Jeder Mensch hat das Recht auf physische und psychische Unversehrtheit, auf humane Arbeits- und Lebensbedingungen, Akzeptanz und Respekt.

Und wie wir immer sagen, das Gesetz wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für das Gesetz. Wenn das Gesetz unsere Menschenrechte verletzt, muss es verändert oder abgeschafft werden.

Führt den Kampf zusammen mit uns, ladet uns ein um unsere Erfahrungen zu hören und mit uns zu diskutieren.

Lampedusa in Hamburg                             Hamburg, den 10. Juli 2013

speakers:

Affo Tchassei: 0176-717 402 36

Anane Kofi Mark: 0152-170 045 94

Asuquo Udo: 0152-146 725 37

Friday Emitola: 0152-170 052 71

LAMPEDUSA in HAMBURG

c/o Infotent, Steindamm 2, Hamburg-Mitte

to the Trade Union ver.di and all workers who are open to listen to us

Since we came to Hamburg we met a lot of people and civil organizations. When the politicians closed their ears and eyes to our suffering we organized ourselves and raised our voices in the public. Deprived from any means and rights we fought for surviving — not the first time in our lives — and we found many people and civil organizations which understood and stand in solidarity with us. Humanitarian aid refused by the government of Hamburg was given to us by the church, the mosques, grassroots organizations and many ordinary people, citizens of Hamburg. We are very grateful for that. But our main goal is to take our rights as everybody needs the basic rights to build up our lives again.

In close contact with workers and members of the trade union we decided to become member in the workers organizations as we were all workers in our continent. We appreciate very strongly the support by the trade union in the sense of international solidarity.

While some politicians spread wrong information about us to break down the solidarity and put us in a bad image the union as well as many people who met us face to face countered the false and wicked propaganda against us.

What we experienced since the war started in Libya amplified by the NATO intervention is for nobody easy to take. We were lucky to survive while many others of us lost their lives. Bombs were dropped everywhere under the slogan „protection of the civilians in Libya“. We were part of these civilians. But after our forced refuge from Libya to Italy via Lampedusa nothing was left for us except a document which guarantees our humanitarian protection. In concrete we were put on the streets without any possibility to stabilize our situation. As we see the responsibility of the European Union as a whole for our devastating situation we are now dispersed in various European countries without means and without rights. So we have to fight for our rights.

In Libya we were all working in different fields and professions. Everybody could manage his life, feed his family and support their communities. Libya was investing a lot in the country. We worked in the construction as carpenters, bricklayers, plasterers or pavers, plumbers and electricians, we worked in the factories as mechanics, we earned our money as car mechanics, welders and service providers like hair dresser, security staff or software engineers, some of us had their own shops. We never thought about going to Europe. After various difficulties in our countries of origin we found in Libya an open society which wanted our labor force.

We were not involved in the political conflict which arose in the country and turned in an open war when France and the US and then NATO decided to engage the military forces for regime change. We were trapped and we became target of the conflicting parties fueled by the doubtful story of Gaddafi’s mercenaries. The rebels started to attack, rob and kill blacks everywhere. Today we experience again this wicked accusation by some politicians which is totally unfair. They deny their responsibility instead they kick the victims down again.

It is easy for them to launch false information in order to mislead their own population.

To defend ourselves and to take our rights we have to fight. With the trade union we found one partner who realizes the injustice done to us and join our struggle. We want to inform all their members of the true story what happened to us, why we are here and why we have the right to stay. There is no other option anymore. We demand the recognition according to paragraph 23 residence law of our group „Lampedusa in Hamburg — workers and war survivors from Libya“. We hope with the union members and the workers movement we have a strong and conscious partner at our side. Together with the broad solidarity among the citizens in Hamburg we will overcome the traumatization of the war and the refuge to start a new life, to stand on our own, to work and to help our families. United we stand divided we fall.

Again we express our gratitude to the Trade Union ver.di and all people who share their policy statement which says that every human should live free from poverty and misery, from oppression and exploitation. Everyone has the right to physical and mental integrity, to humane work and living conditions, to acceptance and respect.

And as we always say the law was made for man not man of the law. If the law violates our human rights it has to be amended or abolished.

Join our struggle invite us to listen to our experiences and discuss with us

Lampedusa in Hamburg                                         Hamburg, 10th of July 2013

speakers:

Affo Tchassei: 0176-717 402 36

Anane Kofi Mark: 0152-170 045 94

Asuquo Udo: 0152-146 725 37

Friday Emitola: 0152-170 052 71
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