11. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Film „Can’t be silent“ (Julia Oelkers) · Kategorien: Deutschland · Tags: , , ,

Filmpremiere: “Can’t be silent”

Konzertreise durch Lagerland

Julia Oelkers ist mit ihrem berührenden Doku-Film „Can’t be silent“ ganz bei den „Refugees“

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„Good things come to those who wait“, steht mit Edding an einer Tür in der Asylunterkunft im baden-württembergischen Reutlingen. Hier wohnte Sam vier lange Jahre lang. Wer die lakonischen Bilder sieht, die die Regisseurin Julia Oelkers für ihren Film „Can’t be silent“ hier eingefangen hat, würde hier nicht eine Nacht bleiben wollen. Man kennt die gewalttätige Trostlosigkeit deutscher Flüchtlingslager und ist doch immer wieder von deren Wucht überrascht. Und viele gute Dinge sind Sam in der langen Zeit auch nicht widerfahren, wie der sarkastische Spruch an der Tür verspricht. Nach wie vor ist der 29-jährige Gambier von Ausweisung und Abschiebung bedroht. Nur eine „gute Sache“ ist ihm in Deutschland begegnet: die Möglichkeit mit einem Bandprojekt als Musiker auf Tournee zu gehen.

Der Bandleader Heinz Ratz kam auf diese Idee, nachdem er mit dem Fahrrad 80 Sammelunterkünfte für Asylsuchende in ganz Deutschland besucht hatte. Er traf unterwegs jede Menge begnadeter Musiker_innen unter den Menschen in den deutschen Lagern und hat sechs von ihnen für sein multinationales Tourprojekt „Strom & Wasser feat. The Refugees“ gewinnen können: Sam, MC Nuri Ismailov aus Dagestan, den Trommler Jaques Zamble bi Vie (30) und den Sänger Revelino Mondehi, 24 Jahre alt, beide von der Elfenbeinküste, Hosain Amini, den 18-jährigen afghanischen Rapper, und die Hamburger Beatbox-Virtuosin Olga.

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Cant_be_silentKonzertaufnahme aus dem Film “Can’t be silent”: Sam in Action Foto: Pressemappe

Und die zweite „gute Sache“ war, dass diese bunte Band von Oelkers’ Team und ihrem bewährten Kameramann Lars Maibaum begleitet werden konnte. Daraus ist ein wunderschöner, hoch prekär aus Spenden, Zuschüssen und Crowdfunding finanzierter Dokumentarfilm geworden, ein ergreifender Roadmovie mit Protagonist_innen, die zum Teil seit vielen Jahren in der Falle des deutschen Asylverfahrens sitzen. Jahrelang werden Menschen unter grotesk unwürdigen Bedingungen in Lagern und Sammelunterkünften festgehalten, ihnen wird die Befriedigung der elementarsten Grundbedürfnisse der Selbstversorgung, persönlichen Autonomie und freien Entfaltung vorenthalten und sie werden gezwungen, ihr Leben dem miesen deutsch-europäischen Abschottungsregime zu unterwerfen, das als „struktureller Rassismus“ noch milde beschrieben ist.

„Heinz hat uns gerettet“, sagt Jacques Zamble bi Vie. „Ohne dieses Projekt wäre ich immerzu nur im Lager, immer in Bramsche.“ Die seit langem angeprangerte „Residenzpflicht“, die ihn seit vier Jahren in diesem niedersächsischen Ort festhält, ist eine besonders perfide Besonderheit des deutschen Asylverfahrensrechts. Für die Einheimischen mag das Leben in Bramsche/Hesepe erträglich sein. Für einen Flüchtling ist es ein Gefängnis. Nur mit Sondergenehmigung können die „Refugees“ auf die aufregende Reise mit Ratz’ Band „Strom & Wasser“ gehen. Julia Oelkers begleitet die Tournee mit einem aufmerksamen und parteilichen Blick, nimmt sich viel Zeit für die erschütternden Lebensumstände der Geflüchteten, denen sie im Tourbus eine Zeit lang entkommen können.

Man lernt MC Nuri kennen, dessen Familie seit unfassbaren zehn Jahren im niedersächsischen Gifhorn festgehalten wurde. Nuri ist dort zur Schule gegangen und spricht fast akzentfrei deutsch. Im Film bringt er ein Lied über dieses himmelschreiende Leben zu Gehör. Der Film lässt den Geschichten der Flüchtlinge viel Raum und setzt deren aussichtslose Lebenslagen mit dem Ausnahmeereignis der Konzertreise als dem „Was wäre wenn?“ ins Verhältnis. Bei Betrachter_innen löst das, nachdem die Filmhelden ihre Herzen erobert haben, zunehmend Wut und Fassungslosigkeit aus. Und weil Filmleute und Band immer mehr zu einem Team werden, kommt es auch an keiner Stelle zu dem Missverständnis, dass hier Musiker_innen als Beispiel gewählt wurden, um dadurch ihre Leistungsfähigkeit und Marktkompatibilität herauszustreichen und so das deutsche Abschieberegime seiner Ineffizienz zu überführen, weil es dem deutschen Unterhaltungsmarkt solche Talente vorenthält: keineswegs. Auch Heinz Ratz wird nicht als Retter inszeniert, der sich der „Opfer“ angenommen hat. Wir sehen hier keine Opfer, sondern Leute, deren Fähigkeiten negiert, deren Energie geraubt, deren Zukunft zerstört und deren Rechte missachtet werden. Und das mit voller Absicht und mit bürokratisch-polizeilichen Mitteln, dem staatlichen Rassismus eben, der diese Individuen zu einer lästigen, anonymen Masse von Bittstellern degradiert, die der Willkür der Behörden ausliefert sind. Und die einfach nur wieder verschwinden sollen, koste es, was es wolle.

Höhepunkt des Films ist denn auch die Verleihung der „Integrations“-Medaille an Heinz Ratz aus den Händen der „Integrationsbeauftragten“ der Bundesregierung, Maria Böhmer. Die Kamera ist dabei, Ratz spricht ein paar deutliche, kritische Worte, das nehmen die Demokrat_innen in ihrer Liberalität auch gerne hin. Dass er die Musiker seines Projekts mitgebracht hat, interessiert hier niemanden. Sie müssen der Verleihung vorne auch fernbleiben, sind nur als Zaungäste des heuchlerischen Geschehens zugelassen. Es geht auch nicht um sie, sondern um das Engagement eines Deutschen für Flüchtlinge – das hat doch mit den Flüchtlingen nichts zu tun! Wer die deutsche Gesetzgebung gegen Flüchtlinge kennt, weiß, dass alles mögliche damit erreicht werden soll, aber mit Sicherheit nichts, was den ohnehin zweifelhaften Namen „Integration“ verdiente. Und Frau Böhmer weiß das, auch als sie sich mit Hosain Amini zu einem Foto zusammenstellt: was kümmert sie das Schicksal dieses jungen Mannes, was dessen bevorstehende Abschiebung.

Hosain Asini aka MC Trelos, den wir glücklich bei seinem Auftritt auf dem Folkfestival im thüringischen Rudolstadt erleben und der sich über das Internet mit seinen afghanisch-sprachigen Rap-Protest-Songs eine beachtliche Fangemeinde unter afghanischen Jugendlichen geschaffen hat, ist im nächsten Moment wieder nur noch einer von Zehntausenden, die von Abschiebung bedroht sind, ein abgelehnter Asylantragssteller, der jede Nacht mit dem Eindringen polizeilicher Rollkommandos in sein Quasi-Gefängnis rechnen muss, wenn es gewaltsam zum Flughafen geht.

Hosain Aminis Freund und Namensvetter Meisam Amini, der Hosains Clips bei youtube einstellte, landet zum Schluss ausgerechnet in einem von Deutschlands schlimmsten Abschiebelagern, der ZAST im Brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Der wirklich üble Abschiebeknast dort ist in eine „Erstaufnahmeeinrichtung“, die ZAST eben, integriert und symbolisiert so den einzigen Zweck dieser Lager in Deutschland: wer hier um Asyl nachsucht, kann im Grunde auch gleich ins Abschiebegefängnis durchgereicht werden – er oder sie hat in Deutschland keine Chance. Denn obwohl die Asylsuchenden die ZAST jederzeit verlassen können, sorgt eine feindlich-rassistische Umgebung, die örtliche Nazi-Szene und dichte, schikanöse Polizeikontrollen allüberall dafür, dass der Flüchtling bald wieder „heim“ findet in sein „Asylheim“, wie die Refugees es im Film nennen. Und das ist so schon seit rund 20 Jahren (wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Anschauung bezeugen kann: Reportage über Eisenhüttenstadt 1999, S. 60).

Meisam Amini muss bald das Land verlassen, den Kontinent, der ihn in Griechenland mit einem Gefängnis empfing und nun über das schauerliche Eisenhüttenstädter Gefängnis wieder auszuspucken droht, Er trifft seinen Freund Hosain noch einmal in Berlin bei einem Konzert in der Heiligkreuzkirche in Kreuzberg. Tränen fließen. Bald ist die Tour zu Ende und die Bühnenstars kehren zurück in ihre zweifelhafte Existenz als Menschen zweiter oder keiner Klasse.

Die wunderbare Doku „Can’t be silent“ bleibt im Sinn mit einfühlsamen Konzertaufnahmen, wo einem etwa bei einem Sologesangspart von Sam Gänsehaut über den Körper läuft. Und mit nüchternen und schonungslosen Bildern vom staatlichen Schreckensregime über Flüchtlinge und von ausgelieferten Menschen, die kopfschüttelnd und verwundert diese hohle Unmenschlichkeit und Perfidie schildern.

Ein Film der mobilisiert und wütend macht und daran erinnert, dass sich die deutsche und europäische Abschottungspolitik und Flüchtlingsabwehr seit den 1990er Jahren kein Jota zum Besseren verändert hat und entschlossenen Protest und aktive Solidarität mit Geflüchteten, Flüchtlingen, Refugees und Migrant_innen einfordert.

„ Can’t be silent“, Dokumentarfilm, Regie: Julia Oelkers, Deutschland 2013, 85 Minuten. Mit einer großen Premiere startet der Film am 13.August im Freiluftkino Kreuzberg in Berlin. Ab dem 15.8. läuft er dann im Moviemento, den Hackeschen Höfen und im Lichtblick Kino in Berlin und in vielen anderen Städten. Mehr Infos zum Film, alle anderen Termine und Städte und den nagel-neuen Trailer gibts hier.

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