27. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Syrien: „Stillstand und Schattenökonomie: Wie der Krieg die Wirtschaft zerstört“ – Spiegel Online · Kategorien: Syrien · Tags:

Stillstand und Schattenökonomie: Wie der Krieg Syriens Wirtschaft zerstört

Von Ulrike Putz, Beirut

http://www.spiegel.de/wirtschaft/syrien

„Lebensmittel werden rar, die Währung stürzt ab, ganzen Branchen droht der Stillstand. Syriens Wirtschaft leidet immer stärker unter dem Krieg. Das Ende der Kämpfe rückt durch den ökonomischen Niedergang dagegen kaum näher.

Der Geschäftsmann, nennen wir ihn Wissam, arbeitet in einer Branche, die eigentlich brummen müsste: Wissam, der seinen echten Namen nicht veröffentlicht sehen will, macht in Krankenhaus-Bedarf. Verbände, Einwegspritzen, Desinfektionsmittel: Produkte, für die es im immer blutiger werdenden syrischen Bürgerkrieg traurigerweise großen Bedarf gibt. Nur leider hat Wissam kaum noch Chancen, seine Produkte zu verkaufen.

„Mehr als 50 Prozent der Infrastruktur des Gesundheitssystems in Syrien ist zerstört“, sagt der Mittvierziger. Von den 75 staatlichen Krankenhäusern seien nur noch weniger als 30 in Betrieb. In der stark umkämpften Stadt Homs sei nur noch eins von 20 Hospitälern geöffnet. Das Al-Kindi-Krankenhaus in Aleppo, einst mit 600 Betten eines der größten und modernsten Syriens, ist nur noch ein Haufen Schutt.

Wissam sagt das alles ganz sachlich: Dass die Zerstörung der Krankenhäuser allgegenwärtig ist. Dass verletzte oder kranke Syrer kaum noch ärztliche Hilfe bekommen. Dass das Geschäftsleben „eines langsamen Todes stirbt“.

Während die Welt debattiert, wie sie auf den möglichen Einsatz von Giftgas in Syrien reagieren soll, während die USA bereits ihre Zerstörer vor der Küste des Landes in Position bringen, hat der seit zweieinhalb Jahren tobende Bürgerkrieg Syrien nicht nur eine humanitäre Katastrophe ausgelöst – sondern auch die Wirtschaft des Landes gelähmt. Wobei die Wirtschaftslage wiederum über den Ausgang des Bürgerkriegs mitentscheiden könnte.

[…] Experten schätzen, dass in Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo inzwischen 75 Prozent der Produktionsstätten stillstehen. […] Transportschwierigkeiten haben auch die syrische Landwirtschaft stark getroffen. Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen und ihre Produkte nicht mehr verkaufen. Lebensmittel werden knapp und immer teurer. Die Bevölkerung leidet. Wut und Verzweiflung wachsen. Das Regime in Damaskus versucht gegenzusteuern. Es importiert Getreide, Reis und Zucker.Auch die unter anderem von der Europäischen Union verhängten Sanktionen haben Syrien hart getroffen. 95 Prozent des geförderten Öls wurde früher nach Europa verkauft; nun ist die Nachfrage eingebrochen. Nur noch wenige Staaten kaufen Damaskus (teils unter der Hand) Öl ab – zu deutlich niedrigeren Preisen.

Das syrische Pfund hat inzwischen ein Drittel seines Werts verloren – obwohl Länder wie Iran, China und Russland die Währung nach Angaben von Vizewirtschaftsminister Kadri Jamil stützen.

[…] Vor dem Bürgerkrieg hatte der Weltwährungsfond die syrischen Devisenreserven auf etwa 13,5 Milliarden Euro geschätzt. Ob das Geld nun aber wirklich zur Neige geht, ist unklar. Denn Gerüchten zufolge verfügt das Regime neben der offiziellen Reserve über weitere geheime Rücklagen in Milliardenhöhe. Kamil zufolge soll Teheran den syrischen Machthabern zudem unbegrenzt Kredit für Nahrungsmittel und Ölprodukte geben.Zudem spart das Regime wohl zum Teil Kosten. Assads Regierung beschäftigt zwischen ein bis zwei Millionen Menschen im Staatsdienst. Deren Gehälter sind nun billiger geworden. Denn Öl wird traditionell in Dollar gehandelt; durch den Verfall des syrischen Pfunds muss die Regierung weniger davon verkaufen, um dieselben Einnahmen wie zuvor zu erzielen.

Auch spart der Staat einen Teil der sonst üblichen Subventionen: Vor dem Krieg hatte Damaskus für die Versorgung des Landes etwa sechs Milliarden Euro jährlich ausgegeben. Nun dürfte es weniger sein. Denn an die von Rebellen kontrollierten oder nicht zugänglichen Gebiete werden kaum subventionierte Güter wie Kochgas, Treibstoff oder Strom geliefert. […]“

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