13. Dezember 2014 · Kommentare deaktiviert für Berlin: Nachruf auf Sista Mimi · Kategorien: Deutschland

Neues Deutschland

»Meine Träume sind zu Alpträumen geworden«

Die Berliner Flüchtlingsaktivistin »Sista Mimi« ist im Alter von 36 Jahren gestorben

Ein Nachruf von Astrid Schäfers

Wer in den letzten Monaten an den Flüchtlingsprotesten in Berlin teilgenommen hat, kennt »Sista Mimi«. Die 36-jährige kenianische Rapperin war treibende Kraft der Berliner Flüchtlingsbewegung, der sie mit ihrer Kritik an der Diskriminierung, Ausgrenzung und Isolation von Geflüchteten sowie am Rassismus auf allen Ebenen eine Stimme verlieh. Am 10. Dezember ist Mimi eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.

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Die Aktivistin Mimi starb im Alter von nur 36 Jahren, Foto: Florian Boillot

»Ich bin mit viel Hoffnung nach Deutschland gekommen. Aber meine Träume sind zu Alpträumen geworden, « erzählt Mimi in einem Videointerview von Katharina Koch und Gregor Husemann von der Bewegung NUR im Haus der 28-Türen am Oranienplatz.

Sie sei krank gewesen, aber die Enttäuschung über die Art und Weise, wie sie in Deutschland behandelt worden sei, habe zu ihrem frühen Tod beigetragen, meint der Flüchtlingsaktivist Bruno. Zahlreiche Male wurde Mimi bei Demonstrationen verhaftet, das letzte Mal vor einem Monat. Wie sie erzählte, wurde sie dabei von der Polizei geschlagen. Zu diesem Zeitpunkt war die Flüchtlingsaktivistin bereits sehr geschwächt. Obwohl sie zahlreiche Angebote für Wohnmöglichkeiten bekam, lebte sie bis kurz vor ihrem Tod in der Schule, in der sie sich zu Hause fühlte und gab den Kampf für die Rechte von Geflüchteten nicht auf.

Als die Kenianerin 2013 aus ihrer Wohnung in der Reichenberger Straße zwangsgeräumt wurde, schlosssie sich den Protesten der ebenfalls obdachlosen Geflüchteten am Oranienplatz an. Gemeinsam mit ihnen demonstrierte sie gegen das Lagersystem in Deutschland, die Residenzpflicht und Abschiebungen. Das Lagersystem hatte sie nach ihrer Ankunft in Berlin 1997 kennen gelernt, als sie nach einer Festnahme von der Polizei dazu gedrängt wurde, Aysl zu beantragen. »Aus dem Lager kann man nur rauskommen, wenn man jemanden heiratet oder ein Kind bekommt«, erzählt Mimi.

Wohnungslos zog sie in die Schule in der Ohlauer Strasse, wo viele Geflüchtete Unterschlupf fanden. In dem kleinen Gebäude vor der Schule, dem Social-Center, kochte sie für Flüchtlinge und Besucher und koordinierte die Essensspenden. »Für mich war Mimi das Herz dieses Zentrums«, erzählt eine befreundete Aktivistin.

»Sie war eine toughe Frau. Alle wussten: Es gab dort immer umsonst zu Essen und Klamotten für alle in dem Umsonst-Laden nebenan.« Dies aber war nur eine ihrer Aktivitäten: Gleichzeitig fungierte sie als social security, vermittelte zwischen Geflüchteten, wenn es zu Konflikten kam und nahm an den wöchentlichen Treffen mit dem Bezirk teil. »Sie war eben jemand, der gerne gegeben hat«, meint Canan Bayram, Sprecherin für Integrations-, Migrations- und Flüchtlingspolitik der Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, die sich für die Flüchtlinge in der Schule engagierte und wurde zu einer wichtigen Bezugsperson für Mimi wurde.

Als die Berliner Polizei die Schule im Juni dieses Jahres räumen wollte, harrte Mimi aus Protest gemeinsam mit mehr als 30 Flüchtlingsaktivisten neun Tage lang auf dem Dach des Gebäudes aus. Nach der Einigung mit dem Bezirk, wurde die Räumung der Schule ausgesetzt und den Aktivisten zugesagt, sie könnten weiterhin in der dritten Etage des Gebäudes leben.

Die kämpferische Mimi war nach der Dachbesetzung gesundheitlich sehr geschwächt, engagierte sich aber dennoch unermüdlich in der Schule. Besonders wichtig war ihr die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Dabei bestand sie darauf, die gleichen Rechte wie Männer zu haben und wollte sich nicht als Frau stigmatisieren lassen. Sie habe sich kaum im Women`s space in der Schule als Diskussionsforum eingebracht, erzählt Mimis Freundin.

Im politischen Kampf wollte sie nicht mit Frauen auf geschützte Räume ausweichen, sondern in gemischt-geschlechtlichen Räumen die gleichen Rechte für Frauen erobern. »Der Grund dafür, dass ich Kenia 1997 verlassen habe, ist, dass ich schon als kleines Mädchen gemerkt habe, dass eine Frau in Afrika keine wirkliche Stimme hat«, sagt Mimi. In Deutschland führte sie diesen Kampf weiter, auch innerhalb der Geflüchtetenbewegung.

»Für mich war Mimi jemand, der Ungerechtigkeiten überhaupt nicht aushalten konnte. Respektlosigkeiten konnte sie nicht akzeptieren«, beschreibt Canan Bayram Mimi. Beispielweise habe sie gestört, dass die Regisseurin eines Films über die Dachbesetzung sie nicht um Erlaubnis gebeten habe, um das von ihr aufgenommene Videomaterial verwenden zu dürfen.

Wenn Dinge getan wurden, ohne das ihr die Möglichkeit gegeben wurde, abzulehnen oder zuzustimmen, sie nicht einbezogen wurde, dann habe dies Mimis Gerechtigkeitsgefühl verletzt und »dafür hatte sie ganz sensible Antennen«, so Bayram. Nicht nur, dass Mimis Stimme in der Flüchtlingsbewegung nicht zu überhören war. Sie konnte in mehreren Sprachen das in Worte fassen, was viele als ungerecht und diskriminierend empfinden.

»Wir können alle zusammen miteinander leben, ohne diese Unterschiede zwischen verschiedenen Schichten, Gruppen, ohne in Schubladen gesteckt zu werden«, sagt Mimi am Ende des Interviews. Mimi wusste, dass andere diesen Kampf weiterführen werden, sagt eine enge Freundin von ihr. Und so wird ihre Stimme noch lange zu hören sein.

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