01. Oktober 2015 · Kommentare deaktiviert für „Kein Zaun hält sie auf“ · Kategorien: Balkanroute, Kroatien, Mazedonien, Serbien, Slowenien, Ungarn

Quelle: Zeit Online

Trotz Grenzzaun und Herbstanfang sind immer noch Tausende Menschen auf der Balkanroute unterwegs. Die könnten sich demnächst weiter nach Westen verschieben.

Von Thomas Roser, Belgrad

Kurz hinter dem Ortsausgang der serbischen Provinzstadt Šid stoppen Polizisten die Busse mit den übermüdeten Passagieren. Zwei Kilometer sind es von hier aus noch bis zur kroatischen Grenze. Helfer heimischer Hilfsorganisationen verteilen im Nieselregen bunte Regencapes und etwas Marschverpflegung. Alleine stapfen die Rucksackträger dann in langen Kolonnen über aufgeweichte Maisfelder in Richtung Westen weiter. Jenseits der grünen Grenze warten auf sie kroatische Polizisten, um sie per Bus in das nächste Auffanglager zu eskortieren – ein früheres Mineralöllager im nur wenige Kilometer entfernten Opatovac.

Zwei Wochen nach der Abschottung von Ungarns Grenze zu Serbien hat sich auf der nach Westen verschobenen Balkanroute eine gewisse Routine eingespielt. Die gefährlichste und kostspieligste Etappe ist für die Flüchtlinge dabei wie bisher der erste Teil des langen Weges: 1.200 bis 1.500 Dollar pro Person werden von den Schleppern für die Schlauchboot-Passage von der türkischen Westküste auf eine der griechischen Inseln verlangt.

Jeder Transitstaat schiebt die ungewollten Immigranten danach so rasch wie möglich zum nächsten weiter. Mit Fähren und Bussen werden die Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln mittlerweile in ein, zwei Tagen an die mazedonische Grenze verfrachtet. Dort haben sie auf dem Bahnhof von Gevgelija sieben Euro für den dreistündigen Zugtransit an die Grenze zu Serbien zu berappen. 35 Euro soll derzeit der Tarif für die Direktbusse vom südserbischen Preševo zur kroatischen Grenze bei Šid betragen. Wer es eilig hat und es sich leisten kann, nimmt ein überteuertes Taxi.

Ungarns Grenzzaun hat nichts gebracht

Vom ostkroatischen Slawonien werden die Flüchtlinge an die noch offenen Übergänge der nahen Nordgrenze zu Ungarn gekarrt. Auf der nördlichen Seite der Schengengrenze warten auf sie bereits die Züge und Bus-Kolonnen für den Gratis-Transit ins Burgenland: In den letzten Tagen wurden täglich 6.000 bis 8.000 Neuankömmlinge aus Ungarn im österreichischen Nickelsdorf gezählt. Es habe sich „nichts geändert“, konstatiert nüchtern Burgenlands Polizeisprecher Helmut Marban: Ungarns Grenzzaun habe „nichts gebracht“.

„Die Südgrenzen Bayerns werden heute von Ungarn geschützt“, hatte Premier Viktor Orbán bei seinem umstrittenen Auftritt bei der CSU-Herbstklausur erklärt. Tatsächlich hält Ungarns Selbsteinzäunung die Flüchtlinge nicht auf. Im Gegenteil: Die Furcht vor Europas baldiger Abschottung scheint deren Andrang noch zu verstärken. Allein im September gelangte die Rekordanzahl von rund 170.000 Flüchtlingen nach Bayern.

Auch der einsetzende Herbst hat bisher keine Entspannung gebracht. Zwar mehren sich die Regentage, doch die Kriegsmüden kommen trotzdem. Und zwar eher schneller als bisher: Selbst Familien mit Kindern nehmen sich nun kaum noch Zeit zum Verweilen, sondern versuchen, die zugigen Zelt- und Durchgangslager so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Flüchtlinge, die es in vier Tagen vom syrischen Aleppo bis ins kroatische Opatovac oder in zwei Tagen von Izmir nach Belgrad schaffen, sind keine Seltenheit mehr. Teure Schlepper werden dabei immer seltener gebraucht. Denn weil die Zahl der Flüchtlinge so groß ist, winken die völlig überforderten Transitstaaten die Flüchtlinge möglichst umgehend ins jeweils nächste Land durch.

Alle gegen alle, jeder für sich

Serbien stehe in der Krise „nicht alleine“, hatte kürzlich EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn beim Besuch des Durchgangslagers in Šid seinen Gastgebern versichert. Die Flüchtlingskrise könne nur im „Geist der Solidarität“ gelöst werden. Doch ob EU-Mitglied oder Anwärter: von harmonischer oder gar gleichgesinnter Kooperation der unfreiwilligen Transitstaaten kann keine Rede sein. Alle gegen alle und jeder für sich: In der Flüchtlingskrise endet die Solidarität spätestens an der eigenen Landesgrenze.

Die Konflikte um die Flüchtlingsrouten drohten die Beziehungen in der gesamten Region zu „verschärfen“, warnt Sloweniens Premier Miro Cerar: Der Balkan sei „nicht stabil genug, um eine derartige Situation auszuhalten“. Tatsächlich hat sich Ungarn mit der einseitig forcierten Selbsteinzäunung fast mit allen Nachbarn völlig überworfen. Aber auch die wüste Rhetorik zwischen Kroatien und Serbien hat in der Region üble Erinnerungen an das Kriegsjahrzehnt der 1990er wach werden lassen.

Geschlossene Grenzen, Blockaden und gegenseitige Vorwürfe: Unter dem Druck der Flüchtlingskrise ist das labile Beziehungsgeflecht der Staaten Südosteuropas zerbröselt. Ob EU-Mitglied oder Kandidat: Die Flüchtlingskrise offenbart die Schwächen einer für die Region typischen Politik des nationalen Egoismus. Doch ohne ein Minimum an Kooperation lassen sich grenzüberschreitende Herausforderungen kaum angehen, geschweige denn bewältigen.
Routenwechsel und neuer Ärger absehbar

Die zerrissene EU, die von ihren Anwärtern stets gutnachbarschaftliche Beziehungen einfordert, vermag in der Flüchtlingskrise keinerlei Orientierungshilfe zu geben: Mit Ungarn und Kroatien sind es ausgerechnet zwei EU-Mitglieder, die derzeit am kompromisslosten auf Konfrontationskurs zu den Nachbarn gehen. Neuer Ärger ist durch einen bevorstehenden Routenwechsel absehbar. Sollte Ungarn wie erwartet in den nächsten Tagen auch seine Grenze zu Kroatien für die Flüchtlinge schließen, dürfte es zu einer weiteren Westverschiebung der Balkanroute kommen.

Slowenien und die Steiermark haben realistische Aussichten zu den neuen Brennpunkten zu werden. In Šentilj und Gornja Radgona in unmittelbarer Nähe zur österreichischen Grenze hat Slowenien bereits zwei Auffanglager mit geheizten Zelten für mehrere Tausend Menschen errichten lassen. Hartnäckig wird in Kroatiens Presse zudem über eine etwaige Südverschiebung der Balkanroute spekuliert. Bei schlechterer Witterung und einer denkbaren Abriegelung der kroatisch-serbischen Grenze rechnet der Verwaltungsbezirk Dubrovnik-Neretva damit, dass die Flüchtlinge von Griechenland künftig über Albanien und Montenegro nach Dalmatien gelangen könnten. Die Region bereite sich auf die mögliche Ankunft von 3.000 bis 5.000 Flüchtlingen pro Tag vor, so ein Sprecher.

Einer Grenzschließung folgt die nächste

Sollte die ungarisch-kroatische Grenze tatsächlich abgeriegelt werden, dürfte das auf der Balkanroute jedoch auch für einen fatalen Rückstau sorgen. Die Zagreber Zeitung Jutarnji List berichtete, dass in diesem Fall mit Slowenien abgesprochen sei, die Ostgrenze zu Serbien zur Minderung des Flüchtlingsdrucks zumindest zeitweise zu schließen. In dem für Kroatien „schlechtest möglichen Szenario“ könnte Serbien darauf mit der Umleitung der Flüchtlinge in Richtung Bosnien und Herzegowina reagieren, die von dort aus „unkontrolliert“ wiederum zur kroatischen Grenze streben könnten.

Ein solches Vorgehen habe Serbiens Premier Aleksander Vučić mit Milorad Dodik, dem Präsident der bosnischen Teilrepublik der Republika Sprska, bereits abgesprochen, behauptete das Blatt. Nervös verfolgen derweil die EU-Anwärter Serbien und Mazedonien auch die sich verschärfenden Flüchtlingsdebatten in Österreich und Deutschland. Denn sollten dort zeitweise Aufnahme- oder Einreisestopps beschlossen werden, dürften deren Auswirkungen im EU-Vorhof am härtesten zu spüren sein.

Für helle Aufregung sorgte kürzlich in Belgrad eine Bemerkung der Kommissionssprecherin Natasha Bertaud, dass alle EU-Mitglieder außer abgelehnten Asylbewerbern aus Serbien auch Personen aus Drittstaaten zu dem EU-Anwärter abschieben könnten, die diesen als Transitstaat passiert hätten. Belgrad und Skopje hingegen argumentieren, dass die Flüchtlinge schließlich aus dem EU- und Schengenland Griechenland eingereist seien. Mazedonien und Serbien seien weder deren Herkunfts- noch Zielland.

Endstation für gestrandete Flüchtlinge?

Doch auch die jüngste Ankündigung der österreichischen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, abgelehnte Asylbewerber künftig „konsequent“ nach Slowenien und Kroatien zurückzubefördern, lassen Serbien und Mazedonien fürchten, am Ende der Abschiebekette zur unfreiwilligen Endstation für auf der Balkanroute gestrandete oder in der EU abgewiesene Grenzgänger zu werden: Denn in das EU-Mitglied Griechenland darf laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshof niemand abgeschoben werden.

Vorschläge wie der des französischen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, beim Schengen-Anrainer Serbien große Flüchtlingslager zu errichten, stoßen dort nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Fachleuten auf massiven Widerspruch. Es sei illusorisch zu glauben, dass das bitterarme Land langfristig mehr als einige Hundert Flüchtlinge beherbergen oder gar integrieren könne, so Robert Lesmajstor, langjähriger Direktor von Serbiens ältesten Auffanglager in Banja Koviljača: „Dafür wäre nicht nur sehr viel Geld, sondern eine völlig andere Infrastruktur vonnöten.“

Die bislang sehr kargen EU-Zuwendungen von 17 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe in Mazedonien und Serbien werten heimische Medien notgedrungen als eher gutes Zeichen. Die bescheidenen Mittel seien ein Beweis, dass Brüssel das Land „nicht zur Flüchtlingssammelstelle auf dem Balkan“ machen wolle, behauptet hoffnungsfroh die Belgrader Zeitung Blic. „Ich fürchte, dass uns die schweren Zeiten erst bevorstehen werden“, sagt hingegen Rados Djurovic, der Direktor des Belgrader Zentrums für den Schutz von Asylsuchenden: „Es werden immer mehr Menschen kommen, für deren Aufnahme wir keinerlei Kapazitäten haben.“

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