24. November 2015 · Kommentare deaktiviert für „Nicht nur junge Männer“ · Kategorien: Griechenland, Mittelmeer, Türkei · Tags:

Quelle: Der Freitag

Izmir/Lesbos Frauen, die allein oder mit ihren Kindern flüchten, sind besonderen Gefahren ausgesetzt

Yasmin drückt ihre beiden Kinder an sich und betet, dass sie jemand findet. Hier im Dunkeln auf dem Meer zwischen Lesbos und dem türkischen Festland. Der Wind peitscht die Gischt bei jeder Welle in das schwarze Schlauchboot, 53 Menschen hocken darin, eng zusammengedrängt, durchnässt bis auf die Haut. Bei Tag kann man von der türkischen Küste aus die griechische Insel Lesbos erkennen. Sie ist nur zehn Kilometer entfernt. Jetzt aber sieht man nur Schwarz. Drei Stunden ist es her, dass der kleine Motor des Bootes aufgehört hat zu brummen. Seitdem treiben sie durch die Dunkelheit, versuchen vergeblich, die türkische oder griechische Polizei zu erreichen.

Nach UN-Angaben sind im Oktober 218.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa gekommen. So viele wie im gesamten Jahr 2014. Die meisten Flüchtlinge auf den Booten sind Männer. Die Frauen, die sich auf die Reise begeben, tun das meist in Begleitung ihrer Männer. Aber es gibt auch Frauen wie Yasmin, die die Fahrt allein mit ihren Kindern auf sich nimmt. 28 Jahre ist Yasmin alt, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Vor gut einem Jahr ist sie aus dem syrischen Homs geflohen.

Bei der Überfahrt ertrinken oft Frauen und Kinder, denn sie haben noch seltener schwimmen gelernt als die Männer. Schwimmwesten tragen sie fast alle, aber die funktionieren nicht immer. Im Oktober hat die türkische Polizei in Izmir gefälschte Rettungswesten sichergestellt, die dort an Flüchtlinge verkauft wurden. Im Ernstfall saugten sie sich mit Wasser voll.

Rabatte im November

Und die Schwimmwesten helfen auch nicht gegen die Kälte. Jetzt im November sinkt die Wassertemperatur so weit, dass die Kälte zur größten Bedrohung wird. Die Herbststürme fegen über die Ägäis und die Wellen werden höher. Um die Boote trotzdem vollzukriegen, bieten die Schlepper für diese Zeit Rabatte an. Die Auswirkungen werden schnell sichtbar. Alleine an einem Wochenende Anfang November rettete die Küstenwache 1.431 Menschen aus den Fluten.

Zwei Tage nach der Nacht auf dem Schlauchboot sitzt Yasmin vor einer Moschee am Basmane-Bahnhof in Izmir und erzählt von ihrem gescheiterten Versuch, über das Mittelmeer nach Lesbos zu gelangen. Ihre kleine Tochter schläft auf einem Gebetsteppich, die ältere kann gerade laufen und tapst auf unsicheren Beinchen herum. Der Basmane-Bahnhof ist das Drehkreuz für die Fahrten nach Lesbos, hier treffen sich Flüchtlinge und Schlepper. Die kleine Moschee hat den Schutzsuchenden ihre Tore geöffnet, ihr kleiner Vorplatz ist voller Menschen, an den Zäunen hängen Kleider zum Trocknen.

Yasmin umklammert ihre kleine Tochter und zieht die Beine an, um zu zeigen, wie gequetscht sie in dem Schlauchboot saßen. Nach drei Stunden kam ein Schiff der türkischen Polizei, es brachte sie zurück in die Türkei. Jetzt wollen sie es erneut versuchen. Hastig packt Yasmin ihre Sachen, als der Schleuser auf ihrem Handy anruft. Ihre Hände zittern, aber sie ist entschlossen.

Sollte es tatsächlich zu Beschränkungen beim Familiennachzug kommen, wie es Thomas de Maizière jüngst forderte, würde das dazu führen, dass noch mehr Frauen und Kinder sich in den offenen Booten der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer aussetzen. Auch Yasmin hatte auf den Familiennachzug gesetzt, als ihr Mann sich vor einem Jahr allein auf den Weg nach Schweden machte. Bis er seine Frau und die Kinder legal nach Schweden holen darf, soll es aber noch drei Jahre dauern, sagt Yasmin. So lange will sie nicht allein mit ihren Kindern in der Türkei bleiben. Das Leben dort ist zu teuer – und zu hart.

Wer einen deutschen Pass besitzt, kommt ganz einfach mit der Fähre nach Lesbos. Sie fährt fast leer und kostet 15 Euro. Yasmin zahlt über 1.000 Euro für ihre Überfahrt. Der Krieg in Syrien hat auch Lesbos verändert. Die Touristenläden an der Hafenpromenade haben jetzt neben Postkarten und Souvenirs Schlafsäcke und Isomatten im Angebot. An den Stränden im Norden kommen den ganzen Tag über Boote an. Wo sich früher Touristen sonnten, stapeln sich jetzt zurückgelassene Schwimmwesten, nasse Kleider, leere Trinkflaschen. Die Uferpromenade ist voller Menschen. Die Angst noch in den Gesichtern, erschöpft, durchnässt und doch euphorisch schälen sie sich aus ihren Schwimmwesten. Dann der erste Griff zum Smartphone. „Wir haben es geschafft, uns geht es gut“ – beruhigende Worte an Familie und Freunde.

Die Registrierungsstelle der EU ist eine Autostunde entfernt im Süden der Insel. Hier versucht die EU-Bürokratie, Ordnung in das Chaos zu bringen. Mit Zäunen, Wachtürmen, Lautsprechern. In der Registrierungsstelle arbeitet Anna Panou, sie ist Psychologin bei der NGO Ärzte der Welt. „Frauen auf der Flucht sind besonders von sexueller Gewalt bedroht“, sagt Panou. Laut UNHCR würden zudem nicht wenige verzweifelte Frauen Schleuser mit Sex bezahlen, zum Beispiel wenn sie auf der Flucht überfallen würden und kein Geld mehr für die Weiterreise hätten.

Vor der Registrierungsstelle steht ein Frauenzelt des UNHCR, ein Rückzugsraum, hier dürfen nur Frauen und Kinder rein. Aber von diesen Räumen gibt es viel zu wenige auf den Routen nach Europa. Neben dem Zelt sitzen die Menschen und warten auf ihre Registrierung. Vor ein paar Tagen standen sie hier in kilometerlangen Schlangen tagelang im Regen, aber heute scheint die Sonne und es sind nur etwa 100 Wartende, die meisten Männer.

Illegale Jobs in der Türkei

Das sagt auch Katrin Waldschmidt aus Heppenheim: „Das sind ja fast alles Männer.“ Sie sagt es mit vorwurfsvollem Unterton, als hätten Männer den Schutz nicht verdient. Waldschmidt und ihr Mann machen Urlaub auf Lesbos, sie kommen jedes Jahr. Aber die Schwimmwesten, die sich zu Bergen am Strand stapeln, die gab es früher hier nicht. „Irgendwie ist das nicht mehr richtig Urlaub“, sagt Waldschmidt.

Was sie nicht bedenkt: Viele der jungen Männer, die allein fliehen, haben Frauen und Kinder. Sie begeben sich allein auf den Weg nach Europa, weil sie ihre Kinder den Strapazen der Reise nicht aussetzen wollen, weil die Geschlechterrollenverteilung den Männern Stärke zuschreibt und den Frauen eine stärkere Bindung zu den Kindern. Oder weil das Geld der Familie nur für einen reicht. Sie alle hoffen auf die Regelungen des Familiennachzugs. In Deutschland dauert die Bewilligung eines Asylantrags für Syrerinnen und Syrer derzeit im Schnitt 3,8 Monate. Danach können bisher Anträge auf Familiennachzug gestellt werden. Deren Dauer hängt von den Konsulaten in den Aufenthaltsländern ab.

Mohannad Al-Saafin arbeitet für die türkische NGO Association for Solidarity with Asylum Seekers and Migrants (ASAM), die vom UNHCR gefördert wird. „70 Prozent der Frauen, die zu uns kommen, leben alleine mit ihren Kindern im türkischen Exil“, sagt er. Saafin sitzt in einem Istanbuler Büro von ASAM, neben ihm steht eine Säuglingswaage, an den Wänden hängen Infotafeln übers Stillen. Aus dem Nebenraum dringen Kinderstimmen herüber, ASAM betreut syrische Kinder.

In der Türkei leben etwa 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge – zwölf Mal so viele wie in Deutschland. Die offiziellen Camps der türkischen Regierung nahe der syrischen Grenze sind relativ gut ausgestattet, aber nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge lebt in Camps. Im Westen der Türkei gibt es gar keine. Das Leben außerhalb der Camps ist teuer, und Syrerinnen und Syrer haben in der Türkei keine Arbeitserlaubnis. Die meisten arbeiten illegal und zu Dumpinglöhnen.

„Ich weiß nicht, was sie ohne die Textilindustrie tun würden“, sagt Saafin. Illegal arbeitende Frauen sind aber oft ihren Vorgesetzten ausgeliefert. Aus Angst, den Job zu verlieren und wegen illegaler Beschäftigung Strafe zahlen zu müssen, würden sexuelle Übergriffe so gut wie nie angezeigt, sagt Saafin. Die Flucht verändert auch das Geschlechtergefüge. „Viele der Frauen habe in Syrien nicht gearbeitet“, erzählt Saafin. In der Türkei auf sich allein gestellt sowie auf dem illegalen Weg in die EU übernehmen die Frauen Aufgaben, die traditionell eigentlich Männern zugewiesen waren.

„People will never give up hope“, diesen Satz hört man von vielen, die in der Türkei mit Flüchtlingen arbeiten. Der illegale Weg nach Europa ist teuer und gefährlich, aber solange sie die Hoffnung auf ein besseres Leben haben, werden die Menschen aufbrechen. In der zweiten Nacht nachdem Yasmin mit ihren Kindern vor der Moschee hastig ihre Sachen packte, klettern sie am Strand von Lesbos aus dem Schlauchboot -– nass und durchgefroren, aber euphorisch. Auf dem Weg nach Schweden ist Lesbos für sie aber nur eine Station ihrer Odyssee.

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