20. Dezember 2015 · Kommentare deaktiviert für „Flucht: Wen das Wetter vertreibt“ · Kategorien: Lesehinweise · Tags:

Quelle: Zeit Online

200 Millionen? Eine Milliarde? Niemand kann wissen, wie viele Menschen vor dem Klimawandel fliehen werden. Aber man könnte die Betroffenen schon jetzt besser schützen.

Von Christiane Grefe und Hannes Soltau

Um zu erkennen, dass der Klimawandel längst Realität ist und keine ferne, zukünftige Bedrohung, reicht ein kurzer Blick in die Statistik: Ohne Ausnahme liegen die globalen Temperaturen seit den 1980er Jahren stets über dem Durchschnitt der Vorjahre. Ob in Pakistan oder in Mosambik, ob am Jordan oder an der Elbe: in vielen Weltregionen erleben die Menschen Jahrhundertstürme, Jahrhundertdürren, Jahrhundertfluten in immer kürzeren Abständen. Brunnen versiegen, die Saat verweht, der Boden erodiert, die Getreidehalme faulen in stehendem Wasser. Steigende Meeresspiegel rauben Lebensraum, landwirtschaftliche Nutzflächen versalzen und sich ausweitende Wüsten führen zu Wassermangel.

Wenn die Betroffenen die Folgen als unerträglich empfinden, ist dann Flucht die letzte Möglichkeit? Was die globale Erwärmung für die Migrationsbewegungen in gemäßigtere Klimazonen bedeutet, das ist eine der großen, spekulativen Fragen in der weltweiten Debatte über den Klimawandel und die politischen Antworten darauf.

Das gilt zum einen für juristische Dimension: Ist schlechtes Wetter ein Asylgrund? In Neuseeland wurde das vor wenigen Wochen anhand eines Mannes aus dem Inselstaat Kiribati verhandelt, der als Klimaflüchtling in Neuseeland bleiben wollte. Er wurde zwar aus formalen Gründen abgewiesen; die UN-Konvention kennt als Fluchtgrund nur Verfolgung. Aber dass sein Inselstaat unter der Erderwärmung leide, bestritten die Richter nicht.

In Klimafragen galt bisher stets: Um die politisch Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen, insbesondere jene in den bisher weitgehend verschonten Ländern der gemäßigten, wohlhabenden Klimazonen, braucht es drastische Warnungen und Zahlen. So überbietet auch bei der Frage der Klimaflüchtlinge, wie beim Temperaturanstieg oder dem Anstieg des Wasserpegels, eine Prognose die andere. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) rechnet für das Jahr 2050 mit 200 Millionen Menschen, die eine unbewohnbar gewordene Heimat verlassen würden.

Dabei orientiert sie sich an den Vorgaben von Norman Myers. Der Professor an der Oxford Universität gilt als Experte auf dem Gebiet der Klimaflucht. Für seine Schätzung hat er allerdings schlicht alle Menschen zusammengezählt, die in gefährdeten Regionen leben und somit als Klimaflüchtlinge infrage kämen. Selbst sein eigenes Institut an der Oxford-Universität unterstellt den Prognosen Myers „eine fehlende akademische Glaubwürdigkeit“.

 Seine 200-Millionen-Zahl bestimmt trotzdem die Debatte. Die deutsche Bundesregierung beruft sich darauf und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen auch.

Im Osten Sambias verschiebt sich die Regenzeit

Es geht sogar noch bedrohlicher: Die britische Hilfsorganisation Christian Aid rechnet sogar mit bis zu einer Milliarde Klimaflüchtlingen in den nächsten 50 Jahren. 

“Diese Zahlenspiele sind Szenarien, die oft wissenschaftliche Sorgfalt missen lassen“, sagt Professor Michael Brzoska. Er ist Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Brzoska bekräftigt zwar, dass die Umweltveränderung bei vielen Migranten ein entscheidender Faktor sei – aber eben nur einer unter vielen. In den meisten Fällen liegen weitere Gründe vor: „Den reinen Klimaflüchtling gibt es heute nur selten.“

Jenseits von zukünftigen Weltuntergangsszenarien untergräbt die Erderwärmung bereits die Ernährungssicherheit, vor allem von Bauern. Dort, wo die Menschen nichts anderes haben als das, was die Natur ihnen bietet, sind Anbauzeiten aus dem Rhythmus geraten. Im Osten Sambias zum Beispiel ist eigentlich im November Zeit für die Aussaat von Getreide und Baumwolle. Doch es kam schon vor, dass die Regenzeit in mehreren Jahren hintereinander erst Anfang Januar begann. Die Pflanzen haben weniger Zeit zu reifen, die Erträge sinken.

Verlassen Kleinbauern wegen dieser wachsenden Ungewissheit schon heute als Klimaflüchtlinge ihre Heimat? Nachweisbar sei so ein Zusammenhang nicht, sagt auch Bettina Engels, Politikwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, die viel im südlichen Afrika unterwegs ist. Allerdings könne der Klimawandel als Katalysator wirken und die ohnehin bedrohten Lebensgrundlagen der Bauern noch weiter einschränken.

Die „Invasion der Mega-Farmen“

Umweltphänomene allein schlagen also die wenigsten in die Flucht – zumindest derzeit. Es sind vielmehr die indirekten Auswirkungen der globalen Erwärmung. Beispiel Landgrabbing: Weil das fruchtbare Land weltweit weniger wird, versuchen Konzerne, sich möglichst viel davon zu sichern. Darunter leiden Kleinbauern weltweit. Wenn die Politik sie nicht ausreichend davor schützt, unterliegen sie der Macht und dem Geld der ausländischen Investoren oft. Sie werden von ihrem Land vertrieben. In Guatemala, Sierra Leone oder Kambodscha gibt es dafür bereits viele Beispiele.

Meist ist zwar die wachsende Nachfrage nach Soja, Raps, Zuckerrohr, Palmöl und anderen Rohstoffen schuld an der „Invasion der Mega-Farmen“, wie die Organisation Grain das gesteigerte Interesse potenter Investoren an Wald und Ackerland nennt. Doch auch weil Hitze, Stürme oder Fluten die Fruchtbarkeit im eigenen Land untergraben oder bedrohen, wollen sich Staaten und Unternehmen an anderer Stelle Produktionsflächen sichern. Die größte Welle solcher Landgrabs rollte, nachdem 2007/2008 die Nahrungspreise dramatisch angestiegen waren – auch das war zumindest teilweise eine Folge des Klimawandels, denn zu den Ursachen gehörten hitzebedingte Missernten im Weizenexportland Australien. Indische, chinesische, amerikanische und europäische Investoren drängten und drängen nach Afrika, Asien und Osteuropa. Wenn Kleinbauern dann aufbrechen, ziehen sie allerdings meist eher in die Stadt, als das eigene Land zu verlassen.

Bodenreformen wären wichtig

Schon bevor dieser zusätzliche Druck auf die Landnutzung begann, war eine der Ursachen für Hunger und Unterernährung, dass Bauernfamilien keine klaren Eigentumsrechte für Felder besitzen. Trotz seiner existenziellen Bedeutung seien Grund und Boden in vielen Nationen noch ungleicher verteilt als das Einkommen, betonen Barbara Unmüßig, Lili Fuhr und Thomas Fatheuer in ihrem Buch Kritik der grünen Ökonomie.

Ein Schlüssel zur langfristigen Unterstützung der am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppe wären daher Landtitel, also Bodenreformen – eines der brisantesten politischen Themen, vor dem sich Regierungen überall auf der Welt drücken. Denn dabei legen sie sich mit den Mächtigsten an. Ein ebenso wichtiger Lösungsansatz wäre es, auch entlegene Regionen mit Getreidespeichern, Energie und Kühlung zu versorgen, damit Nahrungsmittel bei Missernten oder Naturkatastrophen rasch zur Verfügung stehen.

Ungleich größere Anstrengungen als bisher müssten zudem in neue Anbaumethoden fließen, die Kleinbauern besser gegenüber Wetterextremen wappnen. Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, ist darum das neue Modewort der Klimapolitik, Hilfe zur Anpassung die neue Strategie. 

Schon immer musste sich der Mensch auf veränderte Bedingungen seiner Umwelt einstellen. Migration ist dabei nur eine mögliche Reaktion. Durch die Folgen des Klimawandels werden zwar die Optionen verkleinert, aber die Menschheit ist den veränderten Bedingungen nicht schutzlos ausgeliefert – zumindest vorerst nicht. Die Konsequenzen des Klimawandels sind ein geographisches Schicksal, aber sie sind vor allem eine politische und ökonomische Aufgabe.

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siehe auch: AlJazeera

Where will the climate refugees go?

We know that climate change will force millions from their homes, but will they even be recognised as refugees?

by Amy Lieberman

[Christopher Furlong/Getty Images]

New York, US – No one can be sure just how many people will be displaced by climate change by the middle of this century. In fact, the estimates vary widely, with some putting the number at 25 million and others suggesting it could hit the one billion mark.

What is clear, however, is that cementing a number is not the only hurdle facing those attempting to decipher the practical ramifications of climate change. Terms such as „climate refugee“ and „environmental refugee“ are still not classified as legal categorisations. And it’s difficult to determine whether a person is fleeing their home because of an environmental disaster, lack of work, or the established, long-term impacts of climate issues like drought or rising sea levels.

However, one factor is increasingly clear: This amorphous, global population of refugees does not have any international legal protection or agency upholding their basic human rights and helping to keep them safe. […]

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