30. Dezember 2015 · Kommentare deaktiviert für „Im Wartesaal“ · Kategorien: Deutschland · Tags: ,

Quelle: Der Freitag

Begegnung Unsere Autorin lernte im Sommer auf der Balkanroute einige Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland kennen. Zwei hat sie nun wiedergetroffen

von Juliane Löffler

„Siehst du den da? Der will zurück nach Syrien.“ Durch den Eingangsbereich einer Sporthalle in Dortmund stapft ein Mann mit düsterer Miene, seine kleine Tochter an der Hand. Mohammed sitzt an dem einzigen Tisch im Raum und nickt dem Mann zu. Mohammed ist 24 Jahre alt und war früher Apotheker im Irak, jetzt lebt er in dieser Sporthalle. Alles hier atmet Tristesse. Die Schilder über dem Treppenaufgang, die früher den Weg zu den Zuschauertribünen wiesen, das dunkelbraune 70er-Jahre-Interieur, die jungen Männer, die auf einer Bank am Fenster sitzen und auf ihren Smartphones herumwischen, Security-Männer, die misstrauisch herüberäugen. Wie beiläufig setzt sich einer von ihnen an den Tisch und lauscht dem Gespräch, unangenehm. Trotzdem: Ist es so schlimm hier, dass man lieber wieder zurückmöchte, nach Syrien oder in den Irak?

Im Sommer, als die Zahl der Menschen auf der Flucht drastisch nach oben schnellte, lernten Mohammed und ich uns in einem überfüllten Zug kurz hinter der griechisch-mazedonischen Grenze kennen. Wir unterhielten uns zwischen Zigarettenqualm und schlafenden Kindern. Mohammed saß in diesem Zug, weil er vor den Terroristen und der Anarchie im Irak flüchtete, weshalb er seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ich saß in dem Zug, weil ich eine Geschichte über die Menschen auf der Balkanroute recherchierte (der Freitag 36/15). Auch die syrische Familie Akkad habe ich auf der Reise kennengelernt – in der mazedonischen Stadt Gevgelija, als sie sich in der Mittagshitze vom Fußmarsch über die griechisch-mazedonische Grenze ausruhten. Alle sind mittlerweile in Deutschland, über Facebook und Handys halten wir Kontakt. Oft, weil sie Fragen an mich haben, die ich nicht immer beantworten kann: Wann nehmen sie unsere Fingerabdrücke? Wo bringen sie uns als Nächstes hin? Und wann kommst du uns besuchen?

Kurzer Moment der Freiheit

Das Ankommen in einem Asylland ist eine leise Geschichte, weniger nachrichtentauglich als das Leid auf den Fluchtrouten. Um zu verstehen, wie es funktioniert, fahre ich nach Düsseldorf, Dortmund und Gießen. Die Erlebnisse, die mir Mohammed und die Akkads von ihren ersten Monaten berichten, erzählen viel darüber, welche Probleme es mit dem „Wir schaffen das“ gibt. Wie schwierig es ist, aber wie auch durch verquere bürokratische Strukturen und eine undurchschaubare Verteilung zusätzliche Probleme geschaffen werden.

„Das Problem ist diese Ungewissheit“, sagt Mohammed. „Ich kann warten, aber es gibt keine Infos.“ Seit einigen Wochen ist er jetzt in Dortmund, dabei wollte er eigentlich nach Belgien. Doch es kam anders. Nach der Zugfahrt durch Mazedonien reiste er mit Schleppern weiter, „Wien“, schrieb er irgendwann über Facebook, dann „Deutschland“. In Frankfurt durchsuchten Beamte den Zug nach Flüchtenden, Mohammed rannte davon. Nach einer Verfolgungsjagd wurde er in Handschellen abgeführt. Auf der Wache übernahm er die Übersetzungsarbeit für die anderen Flüchtenden. Am Ende des Tages habe er sich mit einigen Beamten angefreundet gehabt, sagt er. Sie stellten ihm Papiere für die Weiterreise aus. Sein Englisch hatte ihm geholfen.

In Brüssel angekommen, entschied er sich, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Es war nur so ein Gefühl – der kurze Moment, frei entscheiden zu können, wo man leben möchte. Er nahm einen Zug nach Düsseldorf, das er von einem früheren Deutschlandbesuch kannte. Hier endete seine Freiheit. Nach einigen Wochen wurde er nach Dortmund gebracht, seitdem wartet er auf einen Termin beim Sozialamt, das für seinen Asylantrag zuständig ist. Warum gerade Dortmund? Niemand kann es ihm genau sagen. Komplizierte Verwaltungsstrukturen zwischen der Bezirksregierung, dem Senat und den Betreibern der Unterkünfte sind dafür verantwortlich. Mohammed versteht das nicht. Er mochte Düsseldorf. Er hatte dort eine Apothekerin kennengelernt, die ihm einen Praktikumsplatz anbot. Und er hatte sich eine Sprachschule organisiert. Dann hieß es eines Morgens: Dortmund. Jetzt ist er deprimiert. Nicht, weil er nun in einer Halle schlafen muss. Und nicht, weil er sein Fahrrad in Düsseldorf lassen musste oder der Sicherheitsdienst ihn unfreundlich anblafft. Er ist deprimiert, weil sich alles nach Willkür anfühlt. „Es ist, als wenn du zum zweiten Mal dein Zuhause verlierst“, sagt er. „Gerade habe ich auf nichts Lust.“ Der Syrer, der eben mit seiner Tochter durch die Halle ging, wurde schon dreimal woanders hingebracht. Registriert ist er aber immer noch nicht.

Die städtische Verwaltung in Düsseldorf scheint mit den vielen neuen Camps überfordert. In dem Camp, in dem Mohammed war, gab es von allem zu viel oder zu wenig, zu viele Spenden, die niemand brauchte. Oder zu viel Essen, weil der Caterer auf die schwankenden Zahlen der Bewohner nicht schnell genug reagierte. Dafür fehlten Übersetzer. Oder Menschen, die Informationen verteilten – etwa Warnungen, weil Verkäufer des Bezahlfernsehsenders Sky um das Camp schlichen und Geflüchteten nutzlose Verträge andrehten. Vor allem aber fehlten dem DRK vor Ort Informationen. Wer kommt wann? Was passiert mit dem nicht-winterfesten Camp, wenn es kalt wird? Anfang Oktober wurde das Camp geschlossen, die Geflohenen in eine Messehalle gebracht. Die Bezirksregierung prüft die Kapazitäten, verteilt Menschen um, damit sie registriert werden können. Für Befindlichkeiten ist da kein Platz. Es geht um ZUE, EAE – nicht um Mohammeds Fahrrad. Es muss nach Plan gehen. Doch der Plan funktioniert bei den Zahlen nicht mehr.

Wie aber soll Integration funktionieren, wenn die Geflüchteten schon nach wenigen Wochen vor einer Bürokratie resignieren, die keinen Platz für Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben lässt? Oder sind das zu hohe Ansprüche? Zumindest ist es schwer zu glauben, dass sich die Aufnahme nicht besser organisieren ließe. Dass sich Szenen wie vor dem Berliner Landessozialamt nicht vermeiden ließen, wo Nacht für Nacht Dutzende auf dem Asphalt übernachten und tagelang Schlange stehen müssen, um sich überhaupt registrieren zu lassen. „Pass auf dich auf“, sagt Mohammed zum Abschied. Es ist einer der ersten Sätze, die er auf Deutsch gelernt hat.

Drei Zugstunden südöstlich liegt am Stadtrand von Gießen die hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, die drittgrößte in Deutschland. Rund 5.000 Menschen sind hier untergebracht. Auch Alaa Akkad, eine syrische Kinderbuchillustratorin. Zuletzt haben wir uns kurz hinter der mazedonisch-griechischen Grenze gesehen. Mit ihrem Mann, ihrem Bruder, ihrem fünfjährigen Sohn und ihrer Schwiegermutter hat sie es bis nach Gießen geschafft. Minutenlang führt der Weg hier entlang eines hohen Metallzauns mit Stacheldraht. Vor dem Drehkreuz am Eingang zu dem ehemaligen Kasernengelände wartet Akkad neben Security-Männern. „Ich bin glücklich“, sagt sie und strahlt. „Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob es Wasser zum Duschen gibt. Und mein Sohn wird in die Schule gehen können, ohne dass ich Angst haben muss, dass sie zerbombt wird.“

Im Camp, einer Kleinstadt aus Häusern und Zelten, hat Akkad inzwischen ein eigenes Zimmer in einem der festen Häuser bekommen, zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Fast ununterbrochen ist das Geräusch von Rollerblades im Flur zu hören, eine der wichtigsten Freizeitbeschäftigungen der Kinder. Jeden Tag steht Akkad hinter dem Haus in der Schlange für die Essensausgabe, zwischen 6 und 9 Uhr, bei Wind und Wetter. Doch sie ist vor allem eines: dankbar. „Ich möchte nichts Schlechtes über die Behörden sagen“, sagt auch ihr Mann, als er sie abends von einer Pizzeria abholt. Eigentlich wollte er lieber nach Schweden, jetzt lernt er Deutsch mit einer App. Alaa Akkad besucht einen Deutsch- und einen Englischkurs im Camp.

Vor allem eins: dankbar

Derzeit liest sie ein Buch auf Arabisch: Die Nick-Adams-Storys von Ernest Hemingway. „Eigentlich mag ich es nicht besonders. Aber es ist das Einzige, was ich habe.“ Viel zu tun gibt es nicht im Camp, und die üblichen Freizeitbeschäftigungen fallen weg, kein Fernsehen, kaum Bücher. Aber ein schweres Paket mit Erinnerungen an die Flucht. Auf dem Weg nach Griechenland lief ihr Schlauchboot auf dem offenen Meer voll Wasser, ihr Bruder und einige Männer versuchten mit ihren T-Shirts das Wasser herauszuschaufeln. Als ihr Mann mit dem Handy die Küstenwache anrief, zitterte seine Stimme unkontrolliert. Alaa Akkad nahm ihm das Handy aus der Hand und sendete die Koordinaten. Die Screenshots davon hat sie noch auf ihrem Handy.

Im Spätsommer drehte ein Mann in Düsseldorf durch und schnitt sich mit einer Rasierklinge mehrmals in den Bauch. Und immer wieder werden Prügeleien gemeldet, vergangenes Wochenende kam es in Hamburg zu einer Massenschlägerei in einer Unterkunft. So individuell die Schicksale, so unterschiedlich reagieren Geflüchtete in den angespannten Situationen in den Camps. Alaa Akkad ist stark: Sie schafft es, von ihrer Flucht zu erzählen, und sie schafft es, über das nervenzerfetzende Warten nur zu sagen: „Ja, das ärgert mich schon ein bisschen.“ Sie hat all ihre Hoffnungen auf den nächsten Stopp gesetzt, Kassel. Dort werde man hoffentlich endlich ihre Fingerabdrücke nehmen. „Dann kann ich doch wieder arbeiten, oder?“, fragt sie. Die Fingerabdrücke und Kassel. Immer wieder spricht sie davon. Es würde sich ein bisschen nach Ankommen anfühlen.

Einige Tage nach dem Treffen schickt sie ein Bild über Facebook. Auf einer Liste, die im Camp aushängt, hat sie ihren Namen entdeckt. Es geht los. Nur zwei Tage später die nächste Enttäuschung: Sie sind erneut in einem Camp gelandet, in der nordhessischen Kleinstadt Baunatal. Wieder Gemeinschaftsbäder, wieder ein Zimmer für die ganze Familie, wieder warten auf die Fingerabdrücke. Zwei oder drei Monate werde es mindestens dauern, sagt man ihr.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/15.

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