12. Januar 2016 · Kommentare deaktiviert für „Warum ein Gutmensch kein guter Mensch ist“ · Kategorien: Deutschland

Quelle: NZZ

In den neunziger Jahren kam das Wort Gutmensch auf, mit den Flüchtlingsdebatten hat es wieder Konjunktur – als Kampfbegriff gegen jene, die sich politisch engagieren.

von Siegelinde Geisel, Berlin

Notorisch, ewig, eifrig, überzeugt, klassisch, grün, links, naiv, selbsternannt, moralisierend und heuchlerisch – das alles kann ein Gutmensch sein, gemäss den Belegstellen des Wörterbuchs der deutschen Sprache. Der Gutmensch ist permanent betroffen und schwingt gerne Keulen: die Holocaust-, Auschwitz- oder ganz allgemein die Moralkeule. Damit schlägt er zwar niemanden tot, aber er nervt gewaltig.

Niemand würde sich selbst als Gutmenschen bezeichnen, denn im Wort Gutmensch verschmilzt der Mensch mit seiner Moral: Er kann gar nicht mehr anders als gut sein, und damit erhebt er sich über alle anderen. Dies zumindest unterstellen ihm jene, die ihn so nennen. «Der Gutmensch ist nicht im eigentlichen Sinn gut, sondern er behauptet das nur», so auf Wikimannia. Ein Gutmensch heisst zum Beispiel Flüchtlinge willkommen, doch ein Zimmer in seiner Wohnung würde er ihnen natürlich nicht anbieten.

Der Gutmensch ist eine relativ neue Spezies unserer Gattung. Für die oft geäusserte Vermutung, dass der Begriff dem Nazideutschen entstamme, fehlen Belege, auch bei Nietzsche findet man nur den Gedanken, nicht das Wort. 1985 wurde es kurioserweise vom «Forbes Magazine» verwendet, als Bezeichnung für den damaligen Gewerkschaftsführer Franz Steinkühler, doch richtig los ging es erst in den neunziger Jahren. Kurt Scheel und Karl-Heinz Borer brachten den Begriff im «Merkur» ins Spiel, laut Scheel «als süffisante, Heiterkeit erzeugende Bemerkung angesichts eines berufsmässigen Moralisten». Dann folgte Klaus Bittermanns «Wörterbuch des Gutmenschen», gegen «Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch».

Im Duden gibt es das Wort erst seit dem Jahr 2000. Der Komplementärbegriff «Schlechtmensch» findet sich nur im Internet. Am anderen Pol des Menschlichen nennt der Duden nur den Unmenschen, vorzugsweise in Formulierungen wie «kein Unmensch sein», also eben doch ein Mensch, und dieser ist, das folgt daraus, per se gut. Im Jiddischen bezeichnet «mensch» eine Person von Integrität und Charakter, und zwar so überzeugend, dass das Wort ins amerikanische Englisch Eingang gefunden hat: «a real mensch» ist alles andere als ein Gutmensch.

Denn das Wort Gutmensch ist eine Waffe. Das Wort «verhindert einen demokratischen Austausch von Sachargumenten», so das wichtigste Argument in der Begründung der Darmstädter Jury, die das «Unwort des Jahres» jeweils aus den eingesandten Vorschlägen der Bürger auswählt. Der Begriff ist ein Ablenkungsmanöver aus der Trickkiste der Ad-hominem-Rhetorik: Statt darüber zu diskutieren, ob und wie man sich engagieren soll, prügelt man auf diejenigen ein, die sich engagieren. In den neunziger Jahren zog man damit gegen die «Umweltbewegten» zu Felde, nun hat es wieder Konjunktur in der Debatte um die Flüchtlinge. Was soll man als Gutmensch tun? Wie man seinen Gegnern die Wörterwaffe entwendet, lernt man beispielsweise von den Homosexuellen (man erinnere sich an Klaus Wowereits Diktum). Ich bin ein Gutmensch, und das ist gut so!

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siehe auch: Der Freitag

Menschen und Gutmenschen

Unwort des Jahres Die Jury hat sich für einen Begriff entschieden, der häufig mit Naivität und Weltfremdheit assoziiert wird. Er spiegelt Konflikte, die gerade heftig ausgetragen werden

Gutmensch ist das Unwort des Jahres 2015. In der Begründung verweist die Jury zunächst auf die rechtspopulistische Verwendung: „Als ‚Gutmenschen‘ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen.“ Sie fügt aber hinzu, dass das Wort auch in die Leitmedien Eingang findet: „Schluss mit dem Gutmenschen-Gegurke“ war vor einem Monat ein Artikel im Handelsblatt überschrieben. In dieser Brückenfunktion des Worts, dass es von rechts außen bis in die Mitte hinein wirkt, liegt das Problem. Die Älteren erinnern sich, dass es auch schon bei der Rechtswende der Grünen seit 1990 eine Rolle spielte: Menschen, die sich der nicht anschlossen, wurde gern „Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“ vorgeworfen.

Das Wort schillert in mehreren Bedeutungen. Es kann den Gesinnungsethiker meinen, der die Folgen seiner Tat nicht mitbedenkt, oder den Menschen, der nicht an das Böse und Schlechte glauben will. Doch diese Bedeutungen erklären nicht die hässliche Wortbildung „Gutmensch“, in der noch etwas ganz anderes steckt, nämlich die Unterstellung, dass jemand sich selbst für gut hält und dann etwa den Flüchtlingen hilft, um mit eigenem Gutsein zu glänzen. In Wahrheit würde sich niemand einen guten Menschen nennen, sogar Jesus hat die Bezeichnung zurückgewiesen. Auf die Anrede „Guter Lehrer!“ erwidert er: „Was heißt du mich gut? Keiner ist gut, nur einer: Gott.“ In der Tat, muss man gut sein, um ehrenamtlich zu helfen? Nein. Hilfsbereitschaft und soziale Empathie sind nicht „gutmenschliche“, sondern menschliche Eigenschaften.

Warum werden sie in Frage gestellt? Weil das Menschliche reduziert wird, zunächst auf Selbstbehauptung. Aber da fragt man sich, warum sie denn als bedroht gilt. Der Hintergrund des kapitalistischen Konkurrenzkampfes, auch auf dem Arbeitsmarkt, erklärt es nicht allein. Fremdenangst tritt offenbar hinzu. Nur, warum kann sie so leicht aktiviert werden? Die leiseste Abweichung vom „Normalen“, auch vom Aussehen „normaler“ Deutscher kann schon dazu führen. Diese Fährten weisen darauf hin, dass gerade zu wenig diskursive Auseinandersetzung stattfindet. Zwar trifft Pegida, wenn es demonstriert, auf Gegendemonstranten, die wohl auch Schilder hochhalten, aber das ist nicht genug. Die oft zu hörende Ansicht, mit Pegida-Leuten solle nicht gesprochen werden, ist vielleicht doch nicht richtig. Wäre der Versuch, sie diskursiv in die Enge zu treiben, nicht besser? Und wenn man es nur täte, um das Überschwappen solcher Vorstellungen wie der des „Gutmenschen“ in die Mitte der Gesellschaft aufzuhalten. Wer den „Gutmenschen“, das heißt in Wahrheit den Menschen und das Menschliche angreift, hat eine Gegenvorstellung, die man polemisch ans Licht ziehen muss.

Wir sind Zeugen und Beteiligte einer großen gesellschaftlichen Auseinandersetzung: Die Hilfsbereiten sind offensiv, und die Rechtsextremisten sind es auch. Das ist eine ganz ungewöhnliche Lage. Meistens wandelt sich die Gesellschaft, weil nur eine Seite offensiv ist. Wenn es heute anders ist, dann weil eine Art Entscheidungsschlacht stattfindet – Ausgang offen. Eben deshalb dürfen die Hilfsbereiten nicht zögern, ihre Offensive noch auszuweiten. In diesem Augenblick gerade wollen die Rechten auf die Kölner Ereignisse mit einem „Rachefeldzug“ reagieren. Dem darf man weder taten- noch wortlos zusehen.

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