13. Januar 2016 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlinge in Idomeni – wo der Traum von Europa endet“ · Kategorien: Balkanroute, Mazedonien · Tags: ,

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Verprügelte Menschen im Wald, ein beheiztes Lager, das leerstehen muss. An der mazedonisch-griechischen Grenze wirkt sich Europas Flüchtlingspolitik drastisch aus.

Reportage von Oliver Das Gupta, Idomeni

Sie kommen im Morgengrauen. Kurz vor sieben Uhr tauchen vier schwarze Jeeps der mazedonischen Armee aus dem dicken, grauen Nebel. 18 Männer und eine Frau steigen aus. Schuhe und Hosen sind mit Erde beschmiert. Soldaten in Tarnanzügen treiben sie durch die Lücke im Zaun, durch ein weißes Plastikzelt. Die Menschen trotten nach Griechenland. Wieder Griechenland.

Die meisten reden aufgeregt durcheinander, einige schlüpfen ungestüm ins Zelt, wo Helfer trockene Kleidung austeilen. Ein junger Marokkaner reckt den Mittelfinger zur Grenze und zischt: „Fuck Macedonia!“

Im Hintergrund stehen drei ältere Männer. Sie warten, bis das Gedränge vorbei ist. „Wir sind nicht wie die, wir sind Perser“, sagt einer von ihnen in englischer Sprache, „diese Araber haben kein Benehmen.“

Die Iraner sind in derselben Lage. Mazedonien hat sie als illegale Grenzgänger erwischt und abgeschoben.

Schon die ganze Nacht über sind Ausgewiesene angekommen. Flüchtlinge, die nicht nachweisen können, aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak zu stammen, dürfen seit Ende 2015 nicht mehr in die Republik Mazedonien einreisen. An der Bahnlinie beim griechischen Dorf Idomeni ist die Grenze blockiert. Mazedonien hat inzwischen einen hohen, mit scharfen Stacheldrahtrollen verstärkten Zaun durch die Landschaft gezogen.

Einige der Ausgewiesenen fahren mit dem Bus zurück nach Athen, von dort werden sie oft in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Andere, vor allem Männer, versuchen es trotzdem. Zwölf Kilometer entfernt von Idomeni endet der Grenzzaun. Dort stapfen sie über die grüne Grenze, nachts, zu Hunderten. Manche zahlen den Schleusern ihr letztes Geld, die sie dann in die Arme der Polizei führen. Ein Iraner hat einem Schlepper 1200 Euro gegeben, damit er ihn nach Belgrad bringt. Doch schon nach wenigen Stunden Nachtmarsch war Schluss.

Amnesty wirft Mazedonien vor, mit Kunstoffprojektilen zu schießen

Mazedonische Beamte gehen Zeugenberichten zufolge teilweise drastisch mit den Aufgegriffenen um: Manche werden verprügelt, anderen werden Geld, Kleidung oder die Schuhe abgenommen, wie Helfer erzählen. Eine deutsche Studentin berichtet von einer offensichtlich aus Afrika stammenden Frau, die über die Grenze zurück nach Griechenland wankte. „Sie wollte sich nicht mal mehr von Ärzten behandeln lassen.“ Ein 33 Jahre alter Marokkaner zeigt Striemen an seinen Beinen. Seine Schilderung und die anderen Berichte sind allerdings nicht verifizierbar.

Für die Schüsse jenseits der Grenze gibt es zahlreiche Ohrenzeugen. Bei Dunkelheit, erzählt etwa ein griechischer Helfer der Ärzte ohne Grenzen, höre er immer wieder mal Schüsse. Amnesty International hatte Mazedonien erst im Dezember vorgeworfen, mit Kunststoffprojektilen auf Flüchtlinge zu feuern.

Die meisten Flüchtlinge kommen in Idomeni vorbei

Idomeni, das ist der Beginn der „Balkanroute“. Hier passierten 2015 Hunderttausende Flüchtlinge die Grenze in Richtung Norden. Die meisten Asylsuchenden, die es bis Deutschland geschafft haben, kamen hier vorbei.

Längst ist Idomeni der Ort, an dem für Tausende der Traum von Europa endet. Anfang Dezember, als die Mazedonier nur noch Bürgerkriegsflüchtlinge hereinließen, gab es Ausschreitungen. Mehrere Tausend Menschen harrten an der Grenze aus.

Inzwischen kommen weniger Menschen in Idomeni an. Wie viele Flüchtlinge in diesen Tagen Idomeni erreichen, das ist abhängig vom Wetter, von der rauen See, durch die es inzwischen weniger Boote von der Türkei auf griechische Inseln wie Chios, Lesbos und Samos schaffen. Von dort geht es mit der Fähre nach Athen.

An manchen Tagen steigen nur einige Hundert Flüchtlinge aus den Bussen, doch in den kommenden Tagen werden wieder Tausende erwartet. Etwa ein Drittel der Menschen stammt aus Syrien. Derzeit kommen aber auch verstärkt Leute aus Ländern wie Sri Lanka, Pakistan, Iran und besonders viele Marokkaner. Aus ihren Schilderungen geht oft hervor, dass vor allem die medial verbreitete Durchlässigkeit der Grenzen sie dazu gebracht hat, ihre Heimat zu verlassen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR hat einen Container und Beobachter vor Ort. Inzwischen sind auch mehrere Nichtregierungsorganisationen und freiwillige Helfer in Idomeni tätig. Ohne sie wäre die Not entsetzlich groß. Neben Ausländern – darunter einige junge Deutsche aus der linksalternativen Szene – packen auffallend viele Einheimische mit an. Einige mondän angezogene Griechen bringen warme Kleidung aus Thessaloniki, Gartenbesitzer spenden Äpfel – auch ein orthodoxer Priester brachte sich mit ein.

Kleine Zelte für ein wenig Privatsphäre

Equipment stellen vor allem die Ärzte ohne Grenzen. Sie bauten ein Camp auf der grünen Wiese auf. Seither gibt es Duschen und sanitäre Anlagen, Kinderbetreuung und große beheizte Zelte, in denen kleinere stehen für etwas Privatsphäre. Einmal am Tag wird alles gereinigt und die Müllabfuhr karrt den Unrat weg.

Doch dort schlafen oder duschen darf kein Flüchtling mehr. Die griechischen Behörden erlauben es nicht. Nur das Kinderzelt ist noch in Betrieb. Dort gibt es Bauklötze und Bilderbücher, dort wickeln Mütter ihre Säuglinge. Nebenan, in einem der leeren Wohnzelte, bolzen Knirpse einen Fußball hin und her. Helfer und Straßenhunde können nachts unbehelligt im Camp bleiben.

Die Tankstellenpächterin will ihre teuren Sandwiches verkaufen

Absurd sind rund um Idomeni einige Dinge. In Athen lässt man auch all diejenigen die Busreise nach Norden antreten, die nicht über die Grenze dürfen. Manche Flüchtlinge erzählen, dass ihnen niemand gesagt habe, dass in Idomeni kein Durchkommen ist.

Dann ist da noch die Tankstelle in Polykastro, etwa 20 Kilometer südlich von Idomeni. Hier stoppen die Busse mit den Flüchtlingen, wenn an der Grenze zu viel los ist. Teilweise dauert es eine Nacht lang bis zur Weiterfahrt. Dann schließen die Busfahrer die Flüchtlinge aus, stundenlang. Helfer wurden von der Tankstellenpächterin verscheucht. Sie erlaubt keine Essensversorgung, damit die Flüchtlinge ihre teuren Chips und Sandwiches kaufen.

Immerhin hat die Pächterin inzwischen erlaubt, dass vier Zelte auf ihrem Gelände errichtet werden. Sie dürfen benutzt werden – anders als die Zelte in Idomeni.

Die Schließung des Lagers mag im Sinne von Griechenlands europäischen Partnern sein. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, auf diese Weise werde verhindert, dass dort dauerhaft Flüchtlinge an einem Ort bleiben und sich immer mehr Menschen in Idomeni sammeln. Gelöst ist das Problem durch die Sperrung des Zelt-Camps nicht – es ist nur außer Sichtweite.

Viele derjenigen, die versuchen, sich durch die Wildnis nach Norden durchzuschlagen, harren in den Wäldern um Idomeni aus. Sie hausen dort in aufgegebenen Häusern und zerfallenen Schobern oder kauern in notdürftig gebastelten Unterschlupfen. Zwei Flüchtlinge erzählen, ihnen sei von anderen Flüchtlingen Geld geraubt worden. Auch Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch soll es gegeben haben.

In wenigen Tagen wird das Thermometer wieder unter null Grad sinken, dann sind nicht nur die wenige Kilometer entfernten Berggipfel schneebedeckt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Kältetote haben“, sagt Kate O’Sullivan. Die Irin arbeitet für Save the Children und weiß von Fällen, in denen Kinder in den Wäldern übernachtet haben.

Eine humanitäre Katastrophe zeichnet sich ab. Denn trotz aller Gefahren wächst die Zahl derjenigen, die in die Wälder gehen Tag für Tag. Wie viele es sind, ist unklar. Aber an den Sammelstellen, wo die Schlepper sie abholen, warten Hunderte. Oft sind es Menschen, die schon mehrfach von den Mazedoniern erwischt wurden, aber nicht aufgeben. Für sie gibt es keine Alternative. „Zurück gehe ich nicht“, sagt ein Iraner. In seiner Hand hält er eine Plastikschüssel mit veganem Essen, das deutsche Helfer täglich zubereiten und in den Wald bringen. Die deutschen Freiwilligen sind die Einzigen, die den Menschen im Wald helfen.

Gemüsebratlinge und Auberginenmus mit Reis

Heute sind etwa 200 Leute zum vereinbarten Treffpunkt gekommen. Ihre Kleidung ist schmutzig und durchnässt, viele husten, einer steht in Birkenstock-Sandalen auf dem Waldboden. Es sind fast nur Männer zu sehen, drei Frauen halten sich im Hintergrund. Es gibt Gemüsebratlinge, dazu Auberginenmus und Reis.

Ismael und Mahdi, zwei junge Männer aus Casablanca, lassen sich Müllsäcke geben und sammeln das Essgeschirr der anderen von der Lichtung. Die beiden wissen nicht, was in der Silvesternacht in Köln passiert ist und dass junge Männer aus Marokko von einigen Deutschen derzeit nicht wohl gelitten sind.

Mahdi wurde schon dreimal in Mazedonien geschnappt. Er ist verzweifelt. Alles Geld ist weg.

Als es Abend wird, kommen die Schleuser. Sie verlangen unterschiedliche Preise. Manche zahlen 160 Euro, andere sogar mehr als 1000 in der Hoffnung, dass sie bis nach Belgrad gebracht werden. Langsam verschwindet eine Karawane aus Dutzenden Menschen in die Dunkelheit. Mahdi schaut ihnen nach. Er ist nicht mitgegangen.

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