27. Januar 2016 · Kommentare deaktiviert für „Money in Minutes“ – Film · Kategorien: Video

Quelle: Arte [bis 02.02.2016 Online]

Geschäftsgrundlage der weltweit florierenden und profitablen Finanzdienstleister-Industrie ist die internationale Arbeitsmigration. Hart verdientes Geld, Monat für Monat in kleinen Teilen gesendet von den rund 200 Millionen Menschen, die ihre Heimatländer verlassen haben, um ihre Familien zu Hause ernähren zu können. Wer teilt sich den milliardenschweren Markt?

Jeder kennt sie: Schilder von Western Union, MoneyGram und vielen anderen, die Bargeldtransfer in die ganze Welt anbieten. Das Prinzip ist simpel: In den USA, in Europa oder auf der Arabischen Halbinsel wird Geld eingezahlt und kann binnen weniger Minuten in den Empfängerländern – in Lateinamerika, Afrika oder Asien – abgeholt werden. Schätzungen der Weltbank zufolge kursieren auf diese Weise etwa 420 Milliarden US-Dollar jährlich. Hart verdientes Geld, Monat für Monat in kleinen Teilen gesendet von den rund 200 Millionen Menschen, die ihre Heimatländer verlassen haben, um ihre Familien zu Hause ernähren zu können.

Die Dokumentation besucht sie: Chinesen, die in der italienischen Stadt Prato in Fabriken chinesischer Besitzer „Made in Italy“-Kleider nähen; Nepalesen, die auf den Hochhausdächern Dubais bei über 50 Grad Hitze die Klimaanlagen instand halten; Honduraner, die seit Jahren auf Floridas Baustellen schuften und auf Papiere warten. Ihre Geldsendungen sind lukrative Geschäftsgrundlage der Transferfirmen, die nicht nur von Gebühren leben, sondern auch von Wechselkursgewinnen.

Heute teilen sich Hunderte Firmen diesen milliardenschweren Markt. An ihrer Spitze die US-Giganten Western Union und MoneyGram. Die Dokumentation beschreibt am Beispiel eines zunehmend fragmentierten Marktes Strategien und Logistik einer Industrie, die Migration als ökonomische Ressource nutzt und gleichzeitig deren finanzielle Infrastruktur bildet.

Firmengründer erzählen, wie sie so Millionen verdient haben, Start-ups berichten über neue Modelle, die den Migranten Souveränität zurückgeben wollen, Experten werfen den Blick auf die wirtschaftlichen Hintergründe der Migrationsströme, Polizei und Staatsanwaltschaft und Anwälte berichten von den Ermittlungen und Prozessen gegen Marktführer Western Union wegen Geldwäsche.

Die komplexen Auswirkungen dieser Geschäfte greifen in die gesamte Ökonomie der Heimatländer der Migranten ein. In manchen Ländern bilden die Rücküberweisungen mittlerweile einen beträchtlichen Teil ihres Bruttosozialeinkommens. Währenddessen liegt die Landwirtschaft und die Infrastruktur im eigenen Land brach, was dazu führt, dass immer mehr Menschen gezwungen sind auszuwandern. Ein Teufelskreis entsteht.

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siehe auch: Spiegel Online

Finanzdienstleister wie Western Union: Profiteure der Not

Finanzdienstleister wie Western Union sind so etwas wie die Hausbank für viele Migranten. Mehr als 400 Milliarden Dollar im Jahr schicken sie an Angehörige in der Heimat. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie prächtig die Firmen daran verdienen.

Von Nicolai Kwasniewski

„Sie leben im Schatten, überall um uns herum. Und weil sie im Schatten leben, haben sie keinen Zugang zu den einfachsten Finanzdienstleistungen, wie zum Beispiel einem Girokonto.“ Sie, das sind die Millionen Migranten, die weltweit auf Baustellen arbeiten, Häuser putzen und Straßen fegen oder in Fabriken schuften – oder die einfach auf der Flucht in ein besseres Leben sind.

Die Sätze stammen aus dem Dokumentarfilm „Money In Minutes“ – und derjenige, der sie spricht, ist der US-Anwalt Matthew Piers. Er kennt das Geschäftsmodell von Western Union und er hat den Finanzkonzern verklagt, von dessen Diensten der Großteil der Migranten abhängig ist. 5,6 Milliarden Dollar setzt das börsennotierte Unternehmen pro Jahr um – 20 Prozent davon streicht es als Gewinn ein. Der größte Teil seiner Kunden: Die Ärmsten der Armen dieser Welt.

Western Union ist die größte von Hunderten Firmen, die einen simplen Service anbieten: Sie überweisen Geld von einem Ort der Welt an nahezu jeden beliebigen anderen Ort, überall dort, wo ein Western-Union-Agent sitzt – und das ist fast überall, das Unternehmen hat eine halbe Million Filialen (aber nur 10.000 feste Mitarbeiter) in fast 200 Ländern. Der Dienst ist zuverlässig, anonym, schnell und vor allem teuer. Ein Beispiel aus der Dokumentation: eine 50-Euro-Überweisung von Italien nach China kostet den Absender knapp 15 Euro Gebühren.

„Im Vergleich zu einer Bank“, formuliert es Piers, „ist Western Union der Kiosk an der Ecke – sehr teuer, aber er ist 24 Stunden am Tag für dich da und stellt keine Fragen.“ Rund 85 Milliarden der insgesamt 420 Milliarden Dollar, die jährlich über Bargeldtransfers verschickt werden, laufen über die Konten des Marktführers.

Ohne die Western-Union-Transfers dieser Migranten würde die Wirtschaft einiger Staaten leiden. Wegen der hohen Gebühren entgeht den Entwicklungsländern allerdings auch viel Geld – laut einer Weltbank-Studie sind es jährlich 20 Milliarden Dollar. Die Organisation fordert deshalb eine Begrenzung der Gebühren auf drei Prozent der Überweisungssumme, bisher allerdings ohne Erfolg. Stattdessen hat die Weltbank einen Gebührenvergleich ins Internet gestellt, damit die Kunden wenigstens den für ihr jeweiliges Heimatland günstigste Organisation wählen können.

Der Fernsehsender Arte, der die Dokumentation „Money In Minutes“ produziert hat, wirbt damit, dass der Film zeige, wie die Finanzdienstleisterindustrie die ökonomische Infrastruktur der Heimatländer zerstört. Davon ist im Film wenig zu sehen – umso eindrücklicher schildert er aber die Schicksale einiger Migranten und ihrer Familien, und wie sie mit Western Union und Co. verknüpft sind. Dabei geht es etwa um den Fall eines Honduraners, der in den USA auf Baustellen arbeitet und mit dem Lohn nicht nur seine vielköpfige Familie, sondern auch seine Eltern unterstützt.

Oder um eine Nepalesin, deren Einkommen nicht mehr mit den Preisen in Kathmandu Schritt hielt und die deshalb in Dubai arbeitet und jeden Monat Geld an ihren Mann überweist. Oder ein Beispiel aus Europa: Ein junger Mann aus China, der in einer italienischen Garnfabrik arbeitet um seinen Eltern, seiner Frau und seinem kleinen Sohn das Leben in der Heimat zu finanzieren.

„Die Western Unions dieser Welt nutzen Migranten aus. Ist das Ausbeutung? Ja. Ist das illegal? Nicht nach geltendem Recht“, sagt Piers. Der Anwalt hatte im Auftrag des mexikanischen Immigranten Luis Pelayo in den USA dagegen geklagt, dass Firmen wie Western Union neben den teilweise horrenden Gebühren auch noch an anderer Stelle verdienen: Jede Transaktion wird bei der Einzahlung von der lokalen Währung zunächst in Dollar umgerechnet, bei der Auszahlung wieder in die lokale Währung umgetauscht – zu einem Wechselkurs, den Western Union festlegt – und an dem das Unternehmen ein zweites Mal verdient, ohne dass die Kunden davon wussten. Immerhin: Die Firmen wurden dazu verurteilt, 400 Millionen Dollar als Rabatte an ihre Kunden zurückgeben.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kriminelle nutzen das System für schnelle, anonyme Überweisungen, teilweise in Millionenhöhe. Es sind Drogenkartelle und Kleinkriminelle, aber vor allem Schlepper, die versprechen, illegale Migranten und Flüchtlinge über Grenzen zu bringen – besonders zwischen Mexiko und den USA. Die Unternehmen versuchen zwar, das Problem in den Griff zu bekommen, indem sie Software einsetzen, die ungewöhnlich hohe Überweisungssummen in einzelnen Filialen aufspüren soll – aber ausschließen können sie das nicht.

Viele dieser Themen werden in dem Dokumentarfilm angerissen, nicht alle bis zum Ende verfolgt. Als Zuschauer wünscht man sich eine Stellungnahme von Western Union selbst, eine Rechtfertigung oder einfach nur eine Erklärung des Geschäftsmodells. Leider hat der Konzern – nach einer anfänglichen Zusage – den Filmemachern jede Zusammenarbeit verweigert und war für SPIEGEL ONLINE zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Nicht einmal erwähnt wurde das islamische Geldtransfersystem der Hawala. Das funktioniert nach demselben Prinzip wie Western Union, aber ausschließlich über Vertrauensleute – schätzungsweise 200 Milliarden Dollar fließen jedes Jahr durch dieses System. Weil sich aber weder die Wege des Geldes, noch Sender oder Empfänger verfolgen lassen, ist das Hawala-System in den meisten Ländern verboten.

Dass es nicht so ganz einfach ist, das Geschäftsmodell zu verteufeln, zeigt das Beispiel von Spendenorganisationen: Überweisungen etwa nach Haiti sind auf offiziellen Wegen fast unmöglich. Außerhalb der Hauptstadt kommt das Geld per Banküberweisung überhaupt nicht an – und die Gebühren liegen bei vier Prozent. Über Western Union gelangen die Spendengelder dagegen auch noch in den letzten Winkel des gebeutelten Landes – und weil der Konzern seit dem schweren Erdbeben im Jahr 2010 einen Sondertarif eingeführt hat, liegen die Gebühren nur bei 1,6 Prozent.

Western Union kann sich diese Wohltätigkeit erlauben, das Geschäftsmodell ist nicht nur krisensicher, sondern Krisen bringen neues Geschäft: Den aktuellsten Wachstumsschub erlebte der Konzern auf dem Balkan. Bis vor Kurzem gab es dort und in der Türkei kaum Filialen. Seit dem Frühling 2015 haben aber Hunderte Zweigstellen eröffnet. Eine neue Kundengruppe strömt ins Land: Hunderttausende Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa dringend Bargeld benötigen, um Schlepper oder Transportmittel zu bezahlen.

Sollten sie in ihrer neuen Heimat Arbeit finden, werden sie Kunden bleiben – und das Geld wieder in die alte Heimat schicken.

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