21. Februar 2016 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlinge: Träume sind unbesiegbar“ · Kategorien: Balkanroute

Quelle: Zeit Online

Die EU will die Flüchtlingskrise in den Griff kriegen – auf dem Balkan ist das bereits zu spüren. Eine Reisetagebuch

Von Ulrich Ladurner

Montag, Polykastro/Idomeni

An der Autobahnraststätte in der Nähe der griechischen Kleinstadt Polykastro kostet eine Suppe sechs, Pasta mit Fleisch 7,50 und ein Sandwich vier Euro. Hier versorgen sich derzeit Hunderte, manchmal Tausende Migranten und Flüchtlinge. Eine andere Möglichkeit haben sie nicht, denn sie müssen mitunter tagelang warten, bis sie weiter nach Norden können. In der Zwischenzeit machen die Tankstellenbetreiber beste Geschäfte.

Auf der Balkanroute bleibt eben viel Geld hängen, nicht nur bei den Schleppern, sondern auch bei jenen, die ganz legale Geschäfte machen mit den ungezählten Menschen, die hier Tag für Tag durchziehen. Tankstellenbetreiber zum Beispiel, Kioskbesitzer, Busunternehmer, Taxifahrer. Über die Wucherpreise bei Polykastro beklagen sich selbst die griechischen Busfahrer. Auch sie müssen essen und trinken, während sie warten und warten.

Die Raststätte von Polykastro ist in den vergangenen Wochen zu einem improvisierten Auffanglager geworden, denn die EU versucht, die Massenwanderung in den Griff zu bekommen, und übt dabei auch Druck auf Griechenland aus. Nur zehn Kilometer sind es von hier nach Mazedonien. Vom Grenzübergang Idomeni erreichten die Welt in letzter Zeit erschütternde Bilder: Tausende Menschen, die in Zelten und unter Planen auf den Bahngleisen lagern, weitgehend auf sich allein gestellt, frierend, hungrig, wütend, verzweifelt, apathisch. Die Bahngleise in Idomeni sind inzwischen frei, und griechische Polizisten geleiten die Flüchtlinge bis zur Grenze, um sie einigermaßen geordnet den mazedonischen Behörden zu übergeben.

Die Lage an der Raststätte von Polykastro ist nicht viel besser, als sie in Idomeni war, aber sie ist weiter weg von den neugierigen Kameras. Bis nach Idomeni kommen jetzt sowieso nur noch Syrer, Afghanen und Iraker. Alle anderen, vor allem Marokkaner, Algerier, Tunesier, werden abgewiesen. Sie sind weder an der Raststätte noch in Idomeni anzutreffen. Sie hausen unter erbärmlichen Bedingungen in einer verfallenen Hotelruine am Rande der Europastraße 75, knapp vor der mazedonischen Grenze. Auf die Frage, ob sie, da ihnen der Weg nach Norden verschlossen sei, nicht zurück nach Hause wollten, antworten sie: „Lieber sterben wir hier!“ Die Ordnung, die Europa in die große Wanderung zu bringen versucht, hinterlässt auch Menschen, die stecken bleiben und de facto in der Illegalität leben müssen. Es dürften auf dem Balkan inzwischen Zigtausende sein, von diesen Outlaws wird in dieser Geschichte noch die Rede sein.

Zur „neuen Ordnung“ gehört auch der mazedonische Grenzzaun, der inzwischen auf fast vierzig Kilometer Länge gewachsen ist. Dazu gehört ebenso, dass die EU-Staaten Beamte nach Idomeni schicken, um Mazedoniens Grenzbehörden zu unterstützen. Es ist kein Zufall, dass sie vor allem aus jenen Ländern kommen, die Europa gegen Flüchtlinge abschotten wollen, aus Ungarn, Tschechien, Polen.

Dienstag, Gevgelija/Skopje

Als im Sommer vergangenen Jahres Hunderttausende Menschen auf der Balkanroute Mazedonien durchquerten, sah der Bürgermeister der Stadt Gevgelija eine Gelegenheit, die leeren Kassen seiner Gemeinde aufzufüllen. Für rund 600 Euro vergab er Taxilizenzen. Die Nachfrage war groß, denn die Menschen, die über die Grenze kamen, wollten schnell weiter in den Norden, und was war schneller als ein Taxi? Am Stadtausgang von Gevgelija, dort, wo die Eisenbahnlinie über eine Brücke verläuft, warten die Taxifahrer auch heute noch in langen Reihen auf Kundschaft. 286 Lizenzen hat der Bürgermeister vergeben, das ist viel für eine Stadt mit nicht einmal 15.000 Einwohnern. Es gibt nur wenige Einkommensquellen in Gevgelija, die Arbeitslosenquote in Mazedonien liegt offiziell bei 28 Prozent.

Einige Fahrer haben für die Lizenz einen Kredit aufgenommen, wochenlang machten sie gute Geschäfte. Doch inzwischen ist auch hier die ordnende Hand Brüssels zu spüren. Die Flüchtlinge können sich in einem Durchgangslager ausruhen und werden dann ausschließlich mit der mazedonischen Staatsbahn an die Grenze zum Nachbarstaat Serbien transportiert. 25 Euro kostet das Ticket. Die Taxifahrer von Gevgelija sind aus dem Geschäft, darum haben sie die Gleise blockiert. Einer sagt, sie würden so lange ausharren, bis sie wieder arbeiten könnten. „Bei uns kostet die Fahrt auch 25 Euro, und unsere Autos sind sauber, geheizt und sicher!“

Die Zeit der Massenwanderung ist eben auch eine Zeit großer Gelegenheiten. Zum Beispiel für die mazedonische Regierungspartei VMRO-DPMNE. Noch im Frühjahr 2015 gingen Tausende Mazedonier auf die Straße, um gegen Korruption und Misswirtschaft zu protestieren. Die Regierung schien kurz vor dem Sturz zu stehen. So weit kam es zwar nicht, der Premier musste aber auf Druck der EU neue, technokratische Minister ernennen und tief greifenden Reformen sowie vorgezogenen Wahlen zustimmen. Die sollen am 24. April stattfinden.

Mazedonien, das neue Bollwerk der EU?

Der deutsche Europa-Staatsminister Michael Roth war gerade zu Besuch in Skopje. An der Universität stellte er sich einer Diskussion mit Studenten. Viele von ihnen haben an den Protesten gegen die Regierung teilgenommen. Sie wollen jetzt wissen, was sich geändert hat: Kommen die Reformen voran? Wann wird Mazedonien Mitglied der EU? Vor allem junge Menschen sehen ihre einzige Zukunft in der Europäischen Union.

Doch Roth hat keine guten Nachrichten. Die Politiker verschleppten die Reformen, sagt er, sie hielten ihre Zusagen nicht ein. Der Staatsminister flüchtet sich in floskelhafte Appelle an die Studenten: „Wir brauchen Sie! Europa braucht Sie! Ihr Engagement ist wichtig!“ Die jungen Leute wollen wissen, welche Rolle Mazedonien für die EU habe: „Stimmt es, dass in unserem Land Flüchtlingslager errichtet werden sollen?“ Das Gerücht hält sich seit Tagen. Roth kann es weder bestätigen noch entkräften. Allen aber ist klar, dass Mazedonien zum neuen Bollwerk der EU ausgebaut wird. Die diskreditierte politische Elite verlangt dafür von Brüssel gewiss einen Preis: „Schickt uns Geld, und lasst die Dinge hier, wie sie sind. Drängt uns nicht, und wir versprechen, die neue Aufgabe zu eurer Befriedigung zu erfüllen“ – so lautet wohl die unausgesprochene Botschaft. Darin steckt, was man seit dem vergangenen Herbst auch die „ungarische Wahrheit“ nennen könnte: Wer einen Zaun baut, zementiert seine Autokratie.

Wer von Skopje aus über die Landstraße Richtung serbische Grenze fährt, kommt nach wenigen Kilometern durch das Dorf Aracinovo. Es wird von einer weißen Moschee überragt, das dünne Doppelminarett ist bis nach Skopje zu sehen. Das ist gewollt, denn in der Hauptstadt soll man verstehen, dass Aracinovo albanisches Territorium ist. Hier war es im Jahr 2000 zu heftigen Kämpfen zwischen albanischen Separatisten und der mazedonischen Armee gekommen. Von Aracinovo bis zur serbischen Grenze wehen entlang der Landstraße nur noch albanische Fahnen. Der Weg führt vorbei an albanischen „Heldenfriedhöfen“ und dem hässlichen Denkmal für einen albanischen Kommandanten namens Tigri. Mazedonien ist spätestens seit dem Jahr 2000 ein tief gespaltenes, fragiles Land.

Dort, wo die Straße an der serbischen Grenze endet, liegt das Dorf Lojane. Im Sommer noch bahnten sich hier Tausende von Flüchtlingen und Migranten einen Weg durch die Wälder. Jetzt ist es ruhig, die meisten fahren heute mit dem Zug in den wenige Kilometer entfernten Ort Tabanovce. An den Bahngleisen wurde ein Durchgangslager errichtet. Manchmal sind in Lojane trotzdem eine Handvoll Leute anzutreffen, die hier über die Grenze wollen, wie die sechs Marokkaner, die im Café Kalani sitzen. Sie sind erschöpft, einer von ihnen hat Fieber und kauert sich in einen Sessel. Die anderen rauchen. Nur Raschid spricht eine Fremdsprache: Englisch. Er erzählt, dass sie es schon bis nach Sid geschafft hätten, bis hoch nach Kroatien. Doch dort seien sie aufgegriffen und zurück an die mazedonische Grenze verfrachtet worden. Mit Knüppeln habe man sie nach Mazedonien hineingejagt. Zum Beweis zeigen Raschid und seine Gefährten die Spuren von Schlägen auf ihren Beinen.

Gemäß der neuen europäischen Ordnung hätten die sechs Nordafrikaner eigentlich bis nach Griechenland gebracht werden müssen. Doch Raschid sagt, sie hätten die mazedonischen Polizisten mit 75 Euro bestochen. Deshalb seien sie hier in Lojane gelandet. Wie es weitergeht? Sie wissen es nicht, nur zurück nach Hause wollen sie nicht. Vielleicht können sie es auch nicht, weil sie sich für die Reise nach Europa verschuldet haben. Die sechs jungen Marokkaner werden wohl noch lange wie Verbannte durch den Balkan irren. Sie gehören zu den Outlaws des neuen europäischen Grenzregimes.

Mittwoch, Presevo

Auf der anderen Seite der Grenze, im serbischen Ort Presevo, stehen kilometerlang Reisebusse und warten auf die Flüchtlinge, die offiziell über Tabanovce ins Land kommen. Auch hier herrscht mittlerweile eine gewisse Ordnung. Der Busfahrer Vojislav berichtet, jedem Busfahrer werde über eine zentrale Stelle in Belgrad ein Kontingent Flüchtlinge zugeteilt, das er dann bis nach Sid an die kroatische Grenze bringe. Das Ticket kostet 25 Euro, Vojislav hat Platz für 70 Passagiere. Mit den Flüchtlingen ist ein gutes Geschäft zu machen, der Wirtschaft geht es kaum besser als im Nachbarland Mazedonien.

Russland stört, droht, provoziert und lockt unentwegt

Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić ist derzeit auf Wahlkampftour. Er wirbt für sich mit betonter Deutschlandfreundlichkeit, lobt Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik, für ihre Rolle auf dem Balkan, für ihre Wirtschaftspolitik. Vučić will Serbien unbedingt in die EU führen – und der Weg dorthin führt über Deutschland. Dabei kommt Vučić aus der nationalistischen Ecke. Noch in den neunziger Jahren machte er sich mit Belagerern Sarajevos gemein, und er war enger Weggefährte des wegen Kriegsverbrechen angeklagten nationalistischen Einpeitschers Vojislav Šešelj. Wie verwurzelt können die europäischen Überzeugungen eines Mannes mit dieser Geschichte sein? Ist seine EU-Begeisterung nur vorgeschoben? Wird sie fortbestehen, falls die EU noch tiefer in die Krise rutscht? Werden die Folgen der Flüchtlingskrise Serbien in die Arme Putins treiben? Unter dem Signum „orthodox-slawische Bruderschaft“ ist Russland sehr präsent, es stört, droht, provoziert und lockt unentwegt.

Donnerstag, Belgrad

In der Belgrader Bahnhofsgegend sind im Vergleich zum Sommer nur noch wenige Flüchtlinge und Migranten zu sehen, die allermeisten werden in Bussen von der mazedonischen direkt zur kroatischen Grenze transportiert. Wer noch hier ist, gehört meist zu den Verlorenen, die weder vor noch zurück können. Halima Hussein ist eine von ihnen. Die 61-jährige irakische Kurdin aus Dohuk sitzt unweit des Bahnhofs im Büro des serbischen Menschenrechtszentrums. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Jusuf hat sie sich auf den Weg gemacht. Der Grund: Ihr Mann braucht eine neue Leber, und sie hätten gehört, in Deutschland könne er das Organ bekommen. Inzwischen liegt Jusuf in einem Belgrader Krankenhaus auf der Intensivstation, er ist ins Koma gefallen. Dass es nicht so einfach sei, in Deutschland eine neue Leber zu bekommen, will Halima nicht glauben. „Die Deutschen werden uns helfen!“, sagt sie. Träume kann man offenbar nicht besiegen.

Freitag, Sid

Hundert Kilometer Autobahn sind es von Belgrad nach Sid, jenseits der kroatischen Grenze beginnt die EU. Am Bahnhof von Sid ist in einem prachtvollen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ein Migrationszentrum eingerichtet worden, im großen Garten stehen Zelte, in einer Krankenstation werden Flüchtlinge versorgt. Wie viele Menschen derzeit auf diesem Weg in die EU gelangen, kann keiner genau sagen, an manchen Tagen sind es rund 200, an anderen nur ein, zwei Dutzend. Ein serbischer Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR antwortet auf die Frage, ob er angesichts der europäischen Ordnungsversuche einen Rückgang der Zahlen erwarte: „Ich weiß es nicht. Das hängt von zu vielen Faktoren ab, es ist sehr komplex!“ Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er mit Migranten, er hat viel Leid und viel Hoffnung gesehen, aber etwas an dieser Flüchtlingsbewegung ist neu für ihn: „Diese Menschen haben keine Angst mehr. Sie lassen sich nicht aufhalten!“

Im Bahnhof von Sid ist es kalt und feucht an diesem Tag. Eine Gruppe Algerier behauptet, sie harre hier schon seit 20 Tagen aus. Über die Grenze kommen die Nordafrikaner nicht. Was also wollen sie tun? Nach Hause? Niemals. Denn etwas Besseres als ihre Heimat, sagen sie, fänden sie überall.

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