17. März 2016 · Kommentare deaktiviert für „Haben Helfer in Idomeni wirklich das Leben von Flüchtlingen riskiert?“ · Kategorien: Griechenland, Mazedonien

Quelle: Vice

Von Matern Boeselager

Am frühen Montagmorgen wurden die Körper von zwei Männern und einer Frau in einem Fluss an der griechisch-mazedonischen Grenze gefunden. Die drei Afghanen hatten offenbar zu einer Gruppe von 26 Menschen gehört, die den Fluss an einer Stelle circa sechs Kilometer westlich des griechischen Dorfes Idomeni überqueren wollte, um nach Mazedonien zu gelangen.

Da Mazedonien seine Grenze zu Griechenland für Flüchtlinge abgeriegelt hat, harren in Idomeni mittlerweile bis zu 15.000 Menschen in der Hoffnung aus, ihre Reise nach Westeuropa doch noch fortsetzen zu können, und immer wieder versuchen einzelne Gruppen mit der Hilfe von Schleppern oder auf eigene Faust, die Grenze unbeobachtet zu überqueren. Die heftigen Regenfälle der letzten Tage haben die Flüsse in der Gegend jedoch gefährlich anschwellen lassen, so dass diese nächtliche Überquerung für die Drei tödlich endete.

In derselben Nacht verteilten Unbekannte im Zeltlager von Idomeni ein arabisches Flugblatt, auf dem die Flüchtlinge gewarnt wurden, die griechischen Behörden würden sie bald zurück in die Türkei bringen. Das Blatt forderte deshalb dazu auf, sich am Montag um 12 Uhr mittags in möglichst großer Zahl zu versammeln und gemeinsam vom Lager nach Westen zu laufen, da der Grenzzaun dort unterbrochen sei und es außerdem eine Stelle gebe, an der der Fluss kein Wasser führe (was nicht stimmt), und lieferte eine relativ detaillierte Karte inklusive geplanter Route, die gegangen werden sollte. Unterzeichnet war das Flugblatt mit „Kommando Norbert Blüm“, nach dem CDU-Politiker, der am Wochenende im Zeltlager von Idomeni übernachtet hatte (Blüm hat mit dem Flugblatt allerdings nichts zu tun). Wer genau das Flugblatt zu verantworten hat, ist noch nicht abschließend geklärt, nach Recherchen von Spiegel Online könnte die Aktion sich aus einer geheimen Facebook-Gruppe von syrischen Flüchtlingen entwickelt haben. Warum die Karte behauptet, der Fluss sei trocken, obwohl es dort seit Tagen geregnet hat, kann sich auch niemand erklären.

Ebenfalls völlig unklar ist, ob die drei Ertrunkenen sich wegen des Flugblatts auf den Weg machten, oder ob sie es vor ihrem Aufbruch überhaupt noch zu sehen bekommen hatten. Sie könnten sich—wie viele andere vor ihnen—völlig unabhängig davon entschlossen haben, den Übergang zu wagen.

Im Lager zeigte das Flugblatt aber offenbar Wirkung: Zahlreiche Menschen entschlossen sich jedenfalls am Montagvormittag dazu, den Zeltplatz zu verlassen und den Fluss tatsächlich zu überqueren. „Man hat eine deutliche Unruhe im Camp gespürt“, berichtet der Fotojournalist Björn Kietzmann, der an dem Morgen ins Camp gefahren war. „Überall wurde in Gruppen diskutiert. Und es kursierten zwei Zeiten: Entweder um 12 Uhr oder um 14 Uhr wollte man versuchen, nach Mazedonien zu laufen.“ Um 12 Uhr Mittags, circa fünf Stunden, nachdem die Leichen der drei Afghanen von der mazedonischen Polizei gefunden worden waren, versammelten sich tatsächlich an die zweitausend Menschen außerhalb des Lagers und machten sich auf den Weg nach Westen. Gefolgt von Journalisten und Helfern umlief der Zug den Zaun und gelangte nach etwa acht Kilometern Zickzackkurs schließlich an den Fluss, der dann mühsam überquert wurde. Allerdings war das nicht die Stelle, die auf dem Flugblatt eingezeichnet worden war (die, an der der Fluss angeblich kein Wasser enthalten sollte). „Ein Großteil der Leute ist nicht die Strecke gegangen, die auf der Karte eingezeichnet war“, erklärt Björn Kietzmann. „Der Plan sah vor, an einer Stelle ohne Zaun rüberzugehen. Die Stelle hat man aber verpasst und ist weitergelaufen—dass hinterher nochmal eine Stelle kam, an der kein Zaun ist, war sozusagen Glück.“

Von der anderen Flussseite bis zur mazedonischen Grenze waren es dann nur noch knappe 500 Meter. Hier wurden die Ankommenden sofort von mazedonischen Grenzschützern festgesetzt, zur Zeit ist noch unklar, ob sie nach Griechenland zurückgeführt werden. Gleichzeitig setzte die Polizei an die 20 Aktivisten und 50 Journalisten (schätzt Kietzmann), die den Grenzübergang begleitet hatten, für einige Stunden fest.

Das sind die Fakten, soweit man sie aus Polizeiberichten, diversen Agentur– und Zeitungsmeldungen, den zahlreichen Aussagen beteiligter Helfer und anwesender Journalisten rekonstruieren kann. Die bisher bekannten Tatsachen so genau aufzuführen, ist wichtig—weil die Geschichte vom „March of Hope“ in Idomeni in den letzten zwei Tagen von rechten Meinungsmachern derart verdreht wurde, dass sie zu einem hervorragenden Propaganda-Vehikel für alle „Gutmenschen“-Hasser, „Asylkritiker“ und Flüchtlings-Verschwörer geworden ist.

Den Anfang machte die österreichische Zeitung Krone mit dem sensationellen Aufmacher „Flüchtlinge bewusst in den Todesfluss geschickt„. In dem Artikel heißt es zuerst: „Drei Tote, Verletzte, Hunderte durchnässte und erschöpfte Flüchtlinge—dieses Drama am mazedonischen Grenzfluss bei Idomeni haben die Organisatoren des ‚Durchbruchversuchs‘ der Asylwerber offenbar in Kauf genommen.“ Die Krone hat also schonmal vergessen (oder unterschlagen), dass die drei Ertrunkenen nicht Teil des großen „Durchbruchversuchs“ waren, sondern schon in der Nacht vorher aufgebrochen waren.

Das war es aber noch nicht, denn die Krone will aus „österreichischen Polizeikreisen“ noch Folgendes erfahren haben: „Die Flüchtlinge wurden bei diesem Marsch in Idomeni bewusst in Lebensgefahr gebracht—und auf der anderen Seite des Flussufers warteten TV-Teams und Journalisten.“ Das klingt ja hochverdächtig! Schade nur, dass es so nicht stimmt. Laut Björn Kietzmann hat keiner der im Lager anwesenden Journalisten bis kurz vor Aufbruch gewusst, was die Flüchtlinge vorhaben. Als der Zug dann am Fluss ankam, überquerten einige Fotografen den Fluss tatsächlich vor dem Gros der Flüchtlinge—eben, um Fotos von der Überquerung machen zu können. Die Kronen-Zeitung müsste eigentlich wissen, dass Pressefotografen so arbeiten—der Vorwurf ist also ungefähr so sinnvoll wie zu behaupten, die Pegida-Demos seien eigentlich von Fotografen organisiert, weil da immer welche vorneweg laufen und nach hinten Fotos machen.

Trotzdem lässt man bei der Kronen-Zeitung einfach die missverständliche Information stehen, die Journalisten hätten in Mazedonien auf die Flüchtlinge gewartet. Und stellt dann auch gleich die relevanten Fragen: „Wer hat diese Aktion, bei der zwei Männer und eine Frau aus Afghanistan in dem eiskalten Fluss ertrunken sind, geplant? Wer hätte daran Interesse, dass besonders dramatische Bilder von Frauen und Kindern, die bis zum Bauch im Wasser stehen, um die Welt gehen?“ Die Antwort hat die Zeitung auch schon: „Der Verdacht der Nachrichtendienstmitarbeiter fällt auf Hilfsorganisationen, die vor Ort an der griechisch-mazedonischen Grenze im Einsatz sind“.

Dabei belässt es die Krone erstmal—und jetzt übernimmt die Junge Freiheit. Das neurechte Blatt, das sich seit dem Aufkommen von Pegida und AfD über regen Zulauf sowohl offline als auch im Internet freuen kann, weiß genau, was die Tragödie von Idomeni bedeutet: ein „schmutziges Spiel“. Zuerst wiederholt die JF die völlig, dass bei der großen Überquerung drei Menschen ertrunken seien, da der Fluss nicht trocken gewesen sei, wie das Flugblatt behauptet hatte.

Dann wiederholt die Zeitung die Vermutungen der Österreicher, dass hinter dem Flugblatt „Hilfsorganisationen“ stecken—und setzt dann zum Beweis an, dass es so sein muss: Auf einer Reihe von Fotos von der Überquerung sind Gesichter von als Fluchthelfern erkennbare Menschen eingekreist. „Und in der Tat“, triumphiert das Blatt, „betrachtet man die Fotos der Aktion, fallen einem die zahlreichen Helfer bei der Flußüberquerung der Flüchtlinge auf, die mit ihrer westlichen Kleidung, ihrer hellen Haut und den Rastazöpfen eher wie linke Studenten aussehen, und nicht wie afghanische oder syrische Flüchtlinge.“

Mit diesem „Beweis“ hat die JF allerdings nur herausgefunden, was schon lange bekannt ist: Dass in Idomeni zahlreiche freiwillige Helfer arbeiten, um die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und ihr Elend wenigstens ein bisschen zu mindern. Als die Helfer von dem geplanten Übergangsversuch erfuhren, entschlossen sich einige, die Flüchtlinge zu begleiten, um ihnen zur Not Hilfe zu leisten. Zwei verschiedene Statements von beteiligten Organisationen betonen, dass man versucht hätte, die Flüchtlinge vor den Gefahren zu warnen und vom Gang abzuhalten—erst, als das nicht wirkte, entschloss man sich, den Weg zu begleiten. „Als die Gruppe an dem Fluss ankam, begannen sie, ihn zu überqueren“, schreibt eine Organisation auf Facebook. „Der Fluss war sehr gefährlich, wir versuchten, den Leuten zu erklären, dass das für Familien zu viel sei. Sie entschlossen sich, weiterzugehen … Wir konnten nicht da bleiben und zusehen. Wir haben gehandelt, weil erst ein paar Stunden vorher in demselben Fluss drei Menschen ertrunken waren.“

Zum Dank, dass sie die Menschen nicht einfach ihrem Schicksal überließen, werden diese Freiwilligen jetzt auf der Webseite der Jungen Freiheit implizit beschuldigt, den Tod dieser Menschen für eine Mediensensation aufs Spiel gesetzt zu haben. Ihre Gesichter werden rot eingekreist, damit jeder selbstgerechte Gutmenschenhasser sich ein konkretes Bild davon machen kann, wie so ein skrupelloser Lügen-Linker aussieht. Selbst wenn man solche Menschen für naiv und ihren Einsatz für sinnlos hält, kann man das nicht anders als niederträchtig bezeichnen. Mittlerweile veröffentlichen rechte Blogs die Einzelaufnahmen der Helfer und behaupten, das seien Mitglieder des „Kommando Norbert Blüm“.

Björn Kietzmanns Tweet über seine Verhaftung wurde ebenfalls in den Artikel eingebunden—als Beweis, dass die Journalisten da „mit drin“ stecken. Kietzmann berichtet, dass er seitdem zahreiche Nachrichten von Lesern bekommen hat, die sich wünschen, er wäre von der mazedonischen Grenzpolizei erschossen worden.

Denn für jeden Leser der Jungen Freiheit war die Botschaft klar: Die Helfer von Idomeni haben nicht nur die Flüchtlinge mittels eines Flugblattes dazu angestiftet, einen Durchbruchsversuch zu machen. Sie haben möglicherweise sogar absichtlich falsche Informationen über den Fluss in das Blatt geschrieben—damit Flüchtlinge in Gefahr geraten, vielleicht sogar sterben, und das Ganze noch dramatischer aussieht. Beeindruckend, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es keine Fakten gibt, die das belegen.

Damit war es noch nicht getan: Die Krone wiederum war begeistert von der Idee der Jungen Freiheit, übernahm die Methode sofort und veröffentlichte ihrerseits „Beweisfotos“, unter dem Titel „Idomeni: So provozierten Aktivisten das Grenzdrama„. In einem Nebensatz wird jetzt auch noch die „griechische Exekutive“ verdächtigt, aber klar ist jedenfalls, dass diese blonden Menschen auf den Fotos irgendwie daran schuld sind, dass drei Menschen ertrunken sind und 2.000 weitere die mazedonische Grenze überquert haben (man weiß gar nicht, was schlimmer ist).

Jetzt wollte man natürlich auch bei der Jungen Freiheit nachlegen und veröffentlichte am Mittwoch nochmal einen betroffenen Kommentar von Thorsten Hinz mit der Überschrift „Die Leichen der anderen“, in dem noch einmal bekräftigt wird, dass „die Fernsehbilder aus Idomeni … wohl auf den Regieeinfall Dritter“ zurückgingen. „Die politische Aktionskunst mit lebenden Menschen forderte drei Tote.“ Offensichtlich hatte man sie sich bei der Jungen Freiheit so in Form geschrieben, dass man der eigenen Fehlinterpretation munter glaubt.

Das Tragische daran ist, dass diese Idee (die freiwilligen Helfer von Idomeni haben die Flüchtlinge angestiftet) mittlerweile aus der rechten Ecke zu großen Teilen in den Mainstream geschwappt ist. Auf Spiegel Online erschien ein Artikel mit der Überschrift „Die gefährlichen Helfer„, in der Welt hieß es „Polit-Aktivisten bringen Flüchtlinge in Lebensgefahr„.

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