01. April 2016 · Kommentare deaktiviert für „Ein Interview mit einem Flüchtlingshelfer auf Chios“ · Kategorien: Griechenland, Türkei · Tags: ,

Quelle: Vice

Mit dem Inkrafttreten des sogenannten EU-Türkei-Deals hat sich die Lage der Refugees auf den griechischen Inseln massiv verschlechtert. Die meisten von ihnen warten momentan, eingesperrt in sogenannten Hotspots, auf ihre Rückführung in die Türkei. Denn der Flüchtlingspakt zwischen der Europäischen Union und der Türkei sieht vor, dass all jene Schutzsuchenden, die erst nach dem 20. März 2016 nach Griechenland gekommen sind, in die Türkei zurückgeführt werden.

chios

Im Gegenzug bekommt die Türkei Finanzhilfe in Milliardenhöhe und die EU verpflichtet sich, für jeden zurückgeschobenen Refugee, einen syrischen Schutzsuchenden direkt aus der Türkei in die Europäische Union zu hohlen.

Doch nicht nur für die Refugees selbst hat sich die Situation seit Inkrafttreten des Deals am 20. März verschlechtert. Auch für NGOs und unabhängige freiwillige Helferinnen und Helfer ist es seither schwieriger geworden, mit den Flüchtlingen in Kontakt zu treten und ihnen Hilfe anzubieten. Wir haben uns mit einem Salzburger unterhalten, der seit mehreren Monaten in Griechenland lebt und momentan auf der griechischen Insel Chios als Flüchtlingshelfer tätig ist.

VICE: Hi Piodre, danke dass du dir die Zeit nimmst, mit uns zu sprechen. Seit wann bist du auf Chios und wie viele Helferinnen und Helfer seid ihr derzeit?

Piodre: Ich bin seit Donnerstag hier und seither mit den Leuten vom Soli Café unterwegs. Das ist eine Gruppe von internationalen Freiwilligen, die im Januar auf Chios ein Haus besetzt haben, um eine Art Headquarter für die Flüchtlingsarbeit vor Ort zu haben. Die Idee war ursprünglich aber auch, dass das Haus für Refugees geöffnet werden soll. Derzeit sind aber keine Flüchtlinge auf der Insel unterwegs, weil alle in einem Hotspot, dem Lager Vial, eingesperrt sind. Deshalb sind auch ein paar Aktivistinnen und Aktivisten wieder abgereist. Zusammen mit anderen NGOs sind aber schon noch einige Helferinnen und Helfer vor Ort.

Das heißt, die Flüchtlinge, die derzeit auf Chios landen, werden alle sofort eingesperrt?

Die Boote, die jetzt noch ankommen, werden direkt abgefangen, ja. Die Menschen werden dann in Busse verfrachtet und zum Lager Vial gefahren, wo sie registriert und dann eingesperrt werden. Für den Transfer zum Lager, das im Landesinneren weit ab von Touristen und Einheimischen liegt, müssen die Flüchtlinge drei Euro bezahlen.

Seit wann können sich die Flüchtlinge jetzt nicht mehr frei auf der Insel bewegen?

Die, die schon am längsten eingesperrt sind, sind seit knapp eine Woche im Lager. Also genauer seit Sonntag, dem 20. März. An dem Tag ist ja der EU-Türkei-Deal in Kraft getreten.

Es kommt also seit Sonntag kein Flüchtling mehr runter von der Insel?

Nein, derzeit nicht. Ich glaube, es hat vor ein paar Tagen, genauer vor einer Woche, noch einen Transport nach Athen gegeben. Das waren aber Refugees, die vor dem 20. März gekommen sind. Die durften noch weiter nach Athen reisen. Der Rest ist jetzt hier auf der Insel eingesperrt. Das sind momentan etwa 1.300 Menschen.

Angeblich soll Anfang dieser Woche dann irgendeine Kommission kommen, wobei wir nicht wissen, woraus diese Kommission bestehen soll. Die Flüchtlinge warten derzeit einfach mal, was da rauskommt, was diese Kommission zu sagen hat. Im Grunde weiß niemand genau, wie es weitergehen wird. Einerseits gibt es im Camp selbst nur ganz wenig Informationen und anderseits scheinen auch die Griechen nicht genau zu wissen, was die nächsten Tage, Wochen, Monate passieren soll. Momentan wird von griechischer Seite her auch wieder überlegt, ob denn die Türkei überhaupt ein sicheres Land ist, in das zurückgeschoben werden kann.

Von wem wird das Lager bewacht?

Grundsätzlich von griechischen Polizisten. Frontex ist aber auch auf der Insel. Die übernehmen die Registrierung der Leute im Lager. Das sind niederländische Polizisten. Aber bewacht wird das Lager von der griechischen Polizei.

Gibt es Ausbruchsversuche?

Es hüpfen schon immer wieder Leute über den Zaun. Aber dann bist du halt auf der Insel, von der du nicht weg kommst. Da müsstest du dann irgendwie auf die Fähre kommen. Das ist mit viel Glück verbunden und eher verdammt schwierig. Meistens klappt das nicht.

Gibt es im Camp die Möglichkeit, griechisches Asyl zu beantragen?

Nein, diese Möglichkeit gibt es derzeit nicht. Den Refugees wird aber gesagt, dass daran gearbeitet wird, dass sie im Lager um Asyl ansuchen können. Ob das stimmt, wissen wir aber nicht. Es gibt aber auf jeden Fall Poster, auf denen steht, dass die Flüchtlinge noch Geduld haben sollen, dass sie momentan kein Asyl beantragen können, das aber bald in Gang gesetzt werden soll. Auch soll es angeblich die Möglichkeit geben, freiwillig in die Türkei oder nach Afghanistan zurück zu reisen. Es gibt aber keine Dolmetscher, keine Anwälte.

Heißt das, es befinden sich derzeit hauptsächlich Afghanen in dem Lager?

Nein, das ist ziemlich gemischt. Da sind Syrer, Afghanen, Iraker, Marokkaner, … Da kommt es auch immer wieder zu Problemen, aus denen sich die Polizei dann aber eher raushält.

Es sind auch viele Frauen und Kinder im Lager. Für die gibt es aber keinen eigenen Rückzugsort. Das ist natürlich scheiße.

Wie ist so die Stimmung der griechischen Inselbewohner?

Was wir bis jetzt mitbekommen haben, ist, dass es hier und da Solidarität mit den Flüchtlingen gibt. Größtenteils gibt es aber weder negative noch positive Reaktionen, die Menschen sind eher ziemlich teilnahmslos. Es gibt kleine solidarische Gruppen, die zum Beispiel für nächste Woche eine Aktion planen.

Eine Anti-Refugee-Stimmung gibt es zum Glück nicht. Zumindest ist die neofaschistische Partei Chrysi Avgi auf Chios nicht sonderlich stark. Die haben hier mal ein Haus von zwei Pakistanern überfallen. Da war auch ein Typ der Küstenwache dabei, der wurde dann strafversetzt. Das war den Bewohnern hier zu heftig. Spätestens seit dem hat Chrysi Avgi hier sehr, sehr wenig mitzureden.

Es war auch gerade griechischer Nationalfeiertag, da haben sich die Griechen auf der Insel schon ziemlich abgefeiert. Mit großer Parade, Waffen-Show und so weiter. Da haben sie auch mit einem Kran eine riesige griechische Fahne gehisst, damit das auch die Türken auf der anderen Seite mitbekommen.

Ansonsten ist es das kleine Inselleben. Die Polizei hat halt auch Undercover-Leute. Zum Beispiel im Soli Café. Das weiß aber auch jeder. Grundsätzlich gibt es jedenfalls keine großen Proteste. Manche der Inselbewohner sind solidarisch, andere nicht.

Wie ist die Situation für euch Volunteers?

Es gab erst am Dienstag vier Festnahmen von Aktivistinnen des Soli Cafés, die circa fünf Stunden auf der Polizeiwache festgehalten wurden. Die wurden nur deshalb verhaftet, weil sie mit den Flüchtlingen durch den Zaun gesprochen haben. Am nächsten Tag, also am Mittwoch, waren dann noch einmal drei Leute am Zaun. Da ist dann auch sofort Polizei gekommen. Die haben gemeint, dass die Umgebung eine „restricted Area“ wäre, sich dort niemand aufhalten darf und auch niemand mit den Flüchtlingen reden dürfte. Gegen die Aktivistinnen wurde dann ein Platzverweis ausgesprochen. Das heißt, wir dürfen da eigentlich nicht mehr hinfahren, beziehungsweise gibt es die Androhung, wenn wir es doch tun, dass sie uns festnehmen.

Derzeit haben wir außerdem sehr stark die Diskussion, ob wir den Lagerbetrieb überhaupt unterstützen sollen. Also zum Beispiel mit Essen oder so. Wir haben da gestern auch sehr lange diskutiert und uns entschlossen, offiziell jedenfalls nichts ins Lager zu bringen. Das ist ohnehin schwierig. Was ein paar Leute trotzdem machen wollen, ist, in der Nacht heimlich und inoffiziell ein paar Dinge unterm Zaun durchzuschieben.

Was wird so reingeschmuggelt?

Vor allem Essen, Wasser und Hygieneartikel. Die Leute können ja nichts kaufen. Manchmal kommt ein lokaler Gemüsehändler, der dann seine Sachen leicht überteuert durch den Zaun verkauft. Der hat zum Beispiel auch Zigaretten und Telefonkarten. Aber sonst … Ja, vor allem Hygieneartikel. Es gibt halt auch so gut wie keine ärztliche Versorgung. Wenn es mal bei jemandem ganz akut wird, wird derjenige schon ins Krankenhaus gebracht. Aber für chronisch Kranke oder Schwangere gibt es keine Versorgung.

Also es gibt gar nicht wirklich die Möglichkeit, mit den Refugees in Kontakt zu treten?

Nein, legal nicht. Es gibt zwar immer noch NGOs, die für Vial, das Gefängnis, kochen. Wobei man sagen muss, dass sich die großen Organisationen wie UNHCR zurückgezogen haben, weil die sagen, sie kochen nicht für ein Gefängnis. Es gibt aber eben kleinere, die immer noch, oder wieder, kochen und die kommen auch rein. Wir vom Soli Café dürfen aber nicht mit den Flüchtlingen reden. Wir können also nur heimlich zu ihnen.

Das Heftigste ist einfach, dass die Flüchtlinge dort eingesperrt sind und nicht einmal um Asyl ansuchen können, weil die Strukturen dafür einfach nicht da sind. Mir kommt vor, die werden seit dem EU-Türkei-Pakt einfach mal eingesperrt, und währenddessen wird geschaut, wie es jetzt überhaupt weitergehen soll. Das ist halt echt krass. Es hat mal geheißen, dass ein Expertenteam aus Österreich nach Griechenland kommen soll, um die Situation zu klären. Von diesen ganzen Experten hat man hier aber noch nichts mitbekommen. Es wär interessant zu wissen, wer da überhaupt aus Österreich kommen soll. Wird da jemand vom Innenministerium geschickt, oder schicken sie da wieder irgendwelche ausrangierten Postler, die ja die Asylanträge hauptsächlich bearbeiten?

Wie glaubst du, geht es weiter?

Puh, keine Ahnung. Das wirkt alles nicht so, als gäbe es einen Masterplan. Ich war, bevor ich nach Chios gekommen bin, in Athen und dort auch in Piräus. Dort zelten halt einfach fast 6.000 Menschen und es gibt wirklich überhaupt keine Infrastruktur. Ein Plan, was mit diesen Menschen passieren soll, existiert nicht. Aber wenigstens können die sich noch frei bewegen. Das sind halt Menschen, die vor dem 20. gekommen sind. Verteilungspläne gibt es für die aber keine.

Vorgestern haben wir auf Chios auch eine Frau getroffen, die trotz einem schwedischen Pass im Lager festgehalten wird. Generell gibt es viele Leute, die schon irgendwo in Europa Familie haben, oder sogar schon wo Asyl beantragt oder zugesprochen bekommen haben und jetzt trotzdem hier auf Chios oder anderen Inseln eingesperrt werden. Wenn du aufgegriffen wirst, ist es ganz egal, was du sagst oder vorlegst. Die Polizei kastelt dich einfach mal ein. Ich glaub aber, dass es in den nächsten Tagen ein paar Entscheidungen geben wird, weil das Lager schlichtweg schon jetzt komplett überfüllt ist. Das ist laut UNHCR für 800 Menschen gemacht. Jetzt sind da aber schon 1.346 drin. In der Nacht sind auch wieder zwei Boote mit knapp 100 Menschen gekommen.

Wie ist die Situation im Lager? Wisst ihr das?

Die Refugees haben uns erzählt, dass es nicht genug Platz im Gebäude mehr gibt und einige Menschen in der Nacht draußen schlafen müssen. Warmes Wasser gibt es auch nicht. Zum Glück gibt es derzeit aber noch mehr oder weniger genug Essen und Trinkwasser, das von den NGOs bereitgestellt wird. Die Bedingungen sind also noch halbwegs OK, wobei eben aber auch schon Leute draußen schlafen müssen.

Wir versuchen derzeit, möglichst viele Kontakte ins Lager zu schaffen. Auch versuchen wir, SIM-Karten reinzubringen, damit die von drinnen anrufen können und wir ein bisschen einen Überblick bekommen, was momentan im Lager vor sich geht.

Es gibt auch Leute, die vor dem 20. angekommen sind und jetzt trotzdem interniert sind, weil der Registrierungsprozess oft mehrere Tage lang dauert. Während dem Prozess müssen die Leute dann oft mehrere Tage in einer simplen Halle ausharren.

Piodre, danke dir für das Gespräch und alles Gute!

Paul bekommt immer wieder aktuelle Infos und teilt die auf Twitter: @gewitterland

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