03. April 2016 · Kommentare deaktiviert für „Konjunkturprogramm für Schleuser“ · Kategorien: Mittelmeer, Türkei · Tags:

Quelle: correctiv

Die Ägäis wird für Flüchtlinge abgeschottet. Prompt bieten Schlepper wieder direkte Überfahrten nach Italien an.

Die Fluchtroute über die Ägäis nach Griechenland wird derzeit dicht gemacht. Prompt reaktivieren die Schleuser im Mittelmeer bisherige Routen. Über Facebook-Gruppen kontaktieren sie Flüchtlinge – und bieten ihnen Überfahrten von der Türkei direkt nach Italien an.

Frederik Richter, Bassel Alhamdo

Ein typischer Dialog aus einer der Facebook-Gruppen, geführt in dieser Woche:

„4000 Dollar von Mersin nach Italien“, so das Angebot eines Schleusers. Mersin, der türkischen Hafenstadt.

Rückfrage: „Wann geht es los?“

Antwort des Schleusers: „Am Samstag, so Gott will.“

Frage: „Wo zahlt man?“

„Im Versicherungsbüro.”

Der Hafen von Mersin, nahe an Syrien gelegen, war vor allem im Jahr 2014 ein Knotenpunkt der Schleuser. Kaufleute aus der syrischen Schifffahrt, teilweise selbst vor dem Krieg geflohen, organisierten von hier aus sogar große Frachtschiffe für hunderte Flüchtlinge. Flüchtlinge konnten in einem Versicherungsbüro die Überfahrt buchen wie die Reise auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Schleuser organisierten die Fahrt zum Hafen und das Übersetzen auf die vor der Küste wartenden Frachter. Correctiv.org deckte die Hintergründe und die Verbindungen der Schleuser in den Drogen- und Waffenschmuggel in einer monatelangen Recherche auf.

Auf Druck durch die EU schloss die Türkei diese Route Anfang 2015 und die Flüchtlinge konzentrierten sich fortan auf die Überfahrt über die Ägäis nach Griechenland. Für die kurze Überfahrt von der türkischen Küste auf die griechische Insel Lesbos benötigten die Flüchtlinge so wenig Logistik, dass die Schlepper am Seeweg kaum noch Geld verdienten. Durch den Deal zwischen der Türkei und der EU kommen sie wieder ins Geschäft. Für beide Routen sind größere Schiffe nötig.

„Der Deal zwischen der EU und der Türkei ist ein Konjunkturprogramm für Schleuser“, beschrieb es Ruben Neugebauer von der Hilfsorganisation Seawatch. Sie rettete in den vergangenen Monaten mit ihrem Schiff in der Ägäis Flüchtlinge in Seenot vor dem Ertrinken. Die Helfer wurden so unfreiwillig zu Experten für das Schleusergeschäft. Neugebauer sagt, dass sich der Flüchtlingsstrom immer sofort an die Verschärfungen der Kontrollen anpasse.

Die Schleuser beobachten genau die Beschlüsse der Politik. Anfang März, als sich die Schließung der Ägäis-Route abzeichnete, kontaktieren wir über Facebook einen syrischen Schleuser in der Türkei. Wir tun so, als ob wir Familienangehörige nach Deutschland nachholen wollen und fragen, wie das nach dem Schließen der Balkanroute noch möglich sei. Der syrische Schlepper bestätigt uns, dass die alten Routen wieder vorbereitet werden. Er nennt uns das Büro, in dem wir die Überfahrt bezahlen können.

4000 Dollar solle die Route direkt nach Italien kosten. „Wir warten bis Anfang April, wir versuchen die Route zwischen Mersin und Italien wieder zu öffnen, wir warten nur auf ein paar Neuigkeiten und Zeichen“, sagt er.

Dieses Zeichen hat die Politik jetzt gegeben.

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