05. August 2016 · Kommentare deaktiviert für „Das Boot ist voll“ · Kategorien: Albanien, Italien

Quelle: Junge Welt

8. August 1991: Der Tag, als 10.000 Albaner in Italien landeten

Von Knut Mellenthin

Die Bilder erinnerten an den Juli 1947, als die »Exodus« mit 4.500 jüdischen Flüchtlingen an Bord den Hafen Haifa im britisch besetzten Palästina ansteuerten. Der aus Albanien kommende Dampfer »Vlora«, der am 8. August 1991 vor der süditalienischen Adriastadt Bari auftauchte, war mit bis zu 10.000 Menschen stark überladen, fuhr nur noch mit den Hilfsmotoren und ohne Radar. Aber während die Passagiere der »Exodus« von den Briten auf drei Gefangenenschiffen zurück nach Frankreich transportiert wurden, konnten die albanischen Flüchtlinge zunächst an Land gehen. Bleiben durften sie dennoch nicht.

albanien

Tausende Albaner begehren Asyl. Der Frachter »Vlora« im Hafen von Bari

Die italienische Regierung und die örtlichen Behörden wurden von der Ankunft der »Vlora«, die einen Tag zuvor den albanischen Hafen Durrës verlassen hatte, nicht überrascht. Schon im März waren mehrere zehntausend Albaner auf unterschiedlichsten Booten und Schiffen über die Meerenge von Otranto geflohen, die an ihrer schmalsten Stelle nur 71 Kilometer breit ist. Die Regierung in Rom hatte daher fünf Monate Zeit gehabt, um sich auf die zweite große Fluchtwelle im August 1991 nicht nur praktisch einzustellen, sondern auch eine umfassende Strategie zu deren Abwehr auszuarbeiten.

Der Plan sah vor, möglichst alle ankommenden Flüchtlinge sofort mit Fingerabdrücken und Personalangaben zu registrieren, sie dann kurzzeitig in Gefangenenlagern einzusperren, und sie zügig zurück nach Albanien zu bringen. Das setzte Kooperationsbereitschaft der Regierung in Tirana und ihrer Behörden voraus. Diese wurde mit einigen Millionen Dollar und umfangreichen Hilfslieferungen über mehrere Monate erkauft.
Zusammenbruch

Die Fluchtbewegungen waren durch den politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch des »sozialistischen Gesellschaftssystems« in Mittel- und Osteuropa ausgelöst worden, der 1989 begonnen hatte. Das unter dem 1985 verstorbenen Partei- und Staatschef Enver Hoxha jahrzehntelang extrem stramm regierte Albanien war von diesen Erschütterungen erst mit Verzögerung erfasst worden. Der Versuch von Hoxhas Nachfolgern, die Unzufriedenheit mit Liberalisierungsmaßnahmen einzudämmen, erwies sich schnell als erfolglos. Bei der Parlamentswahl am 31. März 1991 hatte die Partei der Arbeit zwar durch ihre starke Verankerung auf dem Land eine absolute Mehrheit erreicht. Die von ihr geführte Regierung wurde jedoch schon Anfang Juni durch einen Generalstreik zum Rücktritt gezwungen.

Hinzu kam als starkes Motiv für die Massenemigration, dass Albanien traditionell zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten Europas gehört. Hoxhas eigensinnige und maßlos ambitionierte Außenpolitik war nicht dazu angetan, diese schlechte Ausgangslage zu verbessern. Sie führte 1961 zum Bruch mit der Sowjetunion. Das hatte unter anderem den Abzug der sowjetischen Experten und die Einstellung aller gemeinsamen Projekte zur Entwicklung der albanischen Wirtschaft, insbesondere der schwachen Industrie, zur Folge. Das Bündnis mit der Volksrepublik China, das Hoxha danach einging, hielt auch nur bis 1978.

Am 7. August 1991 versammelte sich eine riesige Menschenmenge, Schätzungen schwanken zwischen 10.000 und 20.000 Personen, im Hafen von Durrës. Dort wurde gerade der Frachter »Vlora« entladen, der Zucker aus Kuba gebracht hatte. Unter den Wartenden waren auch bewaffnete Gruppen. Ob Kapitän Halim Milaqi durch Geldscheine »überredet« wurde, die Fahrt nach Italien zu unternehmen, oder ob er sich der Gewalt beugte, scheint immer noch ungeklärt. Sicher ist nur, dass die verzweifelten Menschen, die das Schiff stürmten, dort jede freie Ecke füllten.

Milaqi fuhr zuerst Brindisi an, akzeptierte dort aber das Argument des stellvertretenden Polizeichefs, dass die Stadt immer noch mit der Unterbringung der Flüchtlinge vom März kämpfe und absolut keine Kapazitäten mehr habe. Die Einfahrt zum nächsten Ziel des Kapitäns, dem Hafen von Bari, war durch allerlei kleine Schiffe und eine Fregatte der italienischen Kriegsmarine blockiert. Milaqi, der ständig von Bewaffneten umgeben war, erzwang sich schließlich die Durchfahrt mit der Aussage, er habe Kranke und Verletzte an Bord. Außerdem sei die Lage auf dem Schiff nach 36 Stunden Fahrt ohne Nahrung und Wasser unerträglich.

Schließlich in Bari angekommen, gelang es mehreren tausend Albanern, die Polizeiketten zu durchbrechen und die Stadt zu erreichen. Die Mehrheit der Flüchtlinge wurde jedoch in zwei großen Lagern interniert. Das eine befand sich direkt im Hafen, das andere in einem nicht mehr genutzten Fußballstadion. Die Flüchtlinge waren in der heißesten Jahreszeit der Sonne ausgesetzt und wurden unzureichend mit Lebensmitteln versorgt. Organisierte Ausbruchsversuche, die es mehrfach gab, wurden von den Carabinieri mit Knüppeln, Tränengas und sogar vereinzeltem Schusswaffeneinsatz abgewehrt. Dennoch gelang vielen die Flucht.

Abschiebung

Am folgenden Tag begann der gewaltsame Abtransport der Gefangenen zu den Fähren und Schiffen, mit denen sie nach Albanien zurücktransportiert wurden. Kleine Gruppen von Männern, die durch besonders heftigen Widerstand aufgefallen waren, wurden auch mit Militärmaschinen ausgeflogen. Viele Flüchtlinge gingen mehr oder weniger »freiwillig« auf die Schiffe, nachdem ihnen vorgelogen worden war, sie sollten auf andere italienische Städte verteilt werden, wo es bessere Unterbringungsmöglichkeiten gebe.

Am 11. August, einem Sonntag, gab es im Stadion immer noch etwas mehr als 3.000, die hartnäckig ausharrten. Ihnen wurde mit Glückwünschen eröffnet, sie hätten gesiegt und dürften nun in Italien bleiben. Vor dem Lager warteten Busse auf sie, die sie zum Flughafen fuhren, von wo sie nach Tirana ausgeflogen wurden. Am 16. August 1991 meldeten italienische und internationale Medien, die »Inva­sion« Baris sei »zurückgeschlagen«. Die Abgeordneten der Nachfolgeorganisation der italienischen Kommunisten, damals unter dem Namen »Partei des demokratischen Sozialismus« firmierend, erklärten, sie würden zwar »die schmerzliche Entscheidung teilen, die Flüchtlinge nach Albanien zurückzuschicken«, beklagten jedoch, dass deren Menschenrechte missachtet worden seien und ihnen angemessener Beistand verweigert worden sei.

Die Gesamtzahl der bei dieser Gelegenheit nach Albanien zurücktransportierten Flüchtlinge wurde von der italienischen Regierung mit 17.400 angegeben. Möglicherweise waren sie nicht alle mit der »Vlora«, sondern schon früher gekommen. Nicht konkret bekannt ist, welchem Druck seiner Partner, besonders der deutschen Bundesregierung, Italien damals ausgesetzt war.

Die Fluchtbewegungen endeten damit allerdings nicht. Die organisierte Kriminalität entdeckte die illegalen Überfahrten nach Italien als einträgliches Geschäft, albanische Schlepperbanden und italienische Mafia kooperierten dabei miteinander. Die italienische Küstenwache wiederum verstärkte ihre Aktivitäten und erhielt dafür auch Gelder der Nachbarstaaten.

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Hunderte sprangen ins Wasser

Die meisten Albaner wurden in ein örtliches Fußballstadion gebracht, wo sie Donnerstag Nacht auszubrechen versuchten, während sie unter Polizeibewachung standen. Nervöse Sicherheitskräfte berichteten, sie hätten das Feuer eröffnet, nachdem einige Albaner sie mit Steinen beworfen hätten. In früheren Meldungen hieß es, dass zwei oder drei Albaner mit Schussverletzungen ins Krankenhaus gebracht worden seien. Wie es zu den Schüssen kam, war heute morgen nicht klar. Die Behörden in Bari behaupteten, dass mindestens zwei der Verletzten im Stadion von anderen Albanern angeschossen worden seien, bevor die allgemeineren Unruhen begannen …

Die Albaner kamen auf einem rostigen Frachter namens Vlora an. Überwiegend sind es junge Männer, die erzählten, dass sie Arbeit suchen, und die von vom Deck bis zum Mast jeden Zentimeter verfügbaren Raum füllten.

Als die Vlora in den Hafen einfuhr, sprangen Hunderte von Männern, die nichts weiter als Shorts oder Unterhosen trugen, ins Wasser und schwammen an Land. Selbst nach dem Anlegen hörten die Albaner nicht auf, ins Wasser zu springen oder an den Tauen zum Kai hinunter zu klettern, weil sie fürchteten, dass die Italiener sie sofort wieder nach Hause schicken würden, wenn sie an Bord blieben. Reporter, die vor Ort waren, berichten, dass viele um Essen und Wasser baten. Dutzende wurden auf dem Kai wegen Erschöpfung behandelt.

New York Times, 9. August 1991

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