05. November 2016 · Kommentare deaktiviert für „Calais-Flüchtlinge im Schlossgarten“ · Kategorien: Frankreich · Tags:

Quelle: DW

Knapp 6000 Flüchtlinge wurden aus dem sogenannten Dschungel von Calais abtransportiert und in ganz Frankreich verteilt. Der Ort Talence bei Bordeaux nahm eine kleine Gruppe vorübergehend freundlich auf.

„Hier ist es zehnmal besser als in Calais“, bestätigt Chakka (rechts im Bild), der auf der Treppe des verfallenen Schlösschens in der Sonne sitzt. „Eine Million mal besser“, lacht sein Freund Fofana. Die beiden kommen aus der Elfenbeinküste und kennen sich, seit sie im Dschungel von Calais in Zelten gehaust haben. „Wir sind zusammen mit dem Bus hierher gekommen, wir haben tagelang angestanden, erst am Mittwoch waren wir dran. Jetzt wohnen wir hier in einem Container mit zwei Pakistanern. Wir vertragen uns, alle sind entspannt, es gibt keine Messer und keine Gewalt wie im Dschungel.“

Frankreich zeigt Flüchtlingen Humanität

Das kleine Schloss, seit Jahren unbewohnt, bildet eine absurde Kulisse für das Container-Camp, das in dem verwilderten Garten für die Flüchtlinge eingerichtet wurde. Überwiegend Sudanesen, Eritreer und Afghanen können hier vier Wochen lang bleiben und wieder zu Kräften kommen, wie die Leiterin des Lagers, Isabelle Pantèbre, von der örtlichen Sozialbehörde erklärt: „Sie sind vor einer Woche sehr erschöpft angekommen. Und natürlich sind sie auch sehr unsicher, weil sie ihr Ziel aufgegeben haben, nach Großbritannien zu gelangen.“ Fast alle hätten inzwischen Asylanträge in Frankreich gestellt, über die in Schnellverfahren entschieden werden soll.

Vor allem wurden in dem Camp erst einmal die Mahlzeiten vergrößert: „Obwohl die Männer jung sind, so um die 25, leiden einige unter Mangelernährung, und viele sehen zum ersten Mal seit ihrer Flucht einen Arzt“, sagt die Leiterin. Sie müssten sich zunächst einfach an einem sicheren Ort ausruhen können: „Die Traumata kommen schrittweise hoch. Und die haben nicht nur mit Calais zu tun, sondern auch mit dem Fluchtweg und den Erlebnissen in ihrer Heimat.“ Zum ersten Mal, seit sie in Frankreich angekommen sind, zeigt der französische Staat diesen Flüchtlingen ein humanes Gesicht.

Für viele bleibt die Unsicherheit

Chakka gehörte zu denen, die es in Calais einfach nicht auf die Lastwagen über den Ärmelkanal geschafft haben. „Ich wollte da hin, weil ich dort Freunde habe und in Frankreich kenne ich niemanden. Ich bin schon zwei Jahre unterwegs, war erst in einem besetzen Haus in Paris und dann fünf Monate in Calais, aber am Ende hatte ich keine Hoffnung mehr.“ Zermürbt von Not und Ungewissheit nahm er das Angebot zur Umverteilung an: „Ich konnte zwischen zwei Regionen wählen. Und ich wusste Bordeaux ist eine große Stadt im Süden, also kam ich hierher.“

Er weiß auch, dass das gut versorgte Camp im Schlossgarten mit den freundlichen Helferinnen nur eine Zwischenstation ist: „Für uns von der Elfenbeinkünste ist es nicht leicht. Ob die Franzosen uns mögen und uns Asyl geben – ich habe keine Ahnung.“ Und er weiß, dass die Polizei in Paris an der Metrostation Stalingrad wieder Hunderte von campenden Flüchtlingen vertreibt. Er wundert sich über die unterschiedliche Behandlung. „Ein Mensch braucht doch Sicherheit, ohne Sicherheit gibt es keine Humanität“, sagt sein Freund Fofana. Was tut er, wenn die französischen Behörden zu ihm Nein sagen? „Dann ziehe ich weiter – nach Belgien oder Deutschland“, irgendwo müsse es doch einen Platz für ihn geben. Dass sich überall in Europa die Türen geschlossen haben, ist ihm noch nicht klar.

Frankreich bleibt bei seiner restriktiven Flüchtlingspolitik

Isabelle Pantèbre ist optimistisch: „Die meisten hier haben eine gute Chance, Asyl zu bekommen. Und das hat weniger mit ihrem Herkunftsland zu tun, als mit ihrem Leben und was ihnen passiert ist. Viele wurden verfolgt, manche gefoltert.“ Die mitfühlende Sozialpolitikerin hofft auf ein gutes Ende für ihre Schützlinge. Aber für Afghanen etwa sind die Aussichten schlecht, wenn sie nicht nachweisen können, dass sie persönlich verfolgt werden. Bessere Chancen haben in Frankreich vor allem Sudanesen. Babacar, der zu einer verfolgten Volksgruppe gehört, lernt schon die ersten französischen Worte mit einer App auf seinem Handy: „Comment allez-vous? Je suis bien“, wiederholt er langsam. Sein Englisch ist rudimentär, der sprachbegabte Fofana muss ihm weiterhelfen und übersetzt ins Arabische.

In Talence ist man tolerant

Vom Containerdorf ins Städtchen sind es nur zehn Minuten. Wenn Chakka, Fofana und die anderen durch den Ort laufen, müssen sie keine bösen Worte oder Übergriffe fürchten. Rechtsextreme sind in der Region kaum vertreten. In einigen anderen Orten hatte es heftige Proteste wegen der Umverteilung der Calais-Flüchtlinge gegeben, häufig angetrieben vom Front National.

Aber in Talence sind die Bürger tolerant: „Ich bin dafür! Sowas ist schon unseren Großeltern und Urgroßeltern passiert. Das stört mich überhaupt nicht, im Gegenteil“, sagt eine jüngere Passantin. Gerade für Menschen aus Bürgerkriegsregionen gibt es auch bei den älteren Einwohnern Verständnis: „Jetzt kommen die, bei denen Krieg ist, in den vierziger Jahren herrschte Krieg bei uns. Alle flüchten vor dem Krieg und es ist nur gut, wenn wir sie aufnehmen können“, sagt eine ältere Dame.

„Das ist eine schöne Geste, wenn die Menschen Schutz brauchen, und dann muss man eben sehen wie sie sich in der französischen Gesellschaft integrieren“, sagt der nächste Vorbeigehende. Die kleine Gruppe aus Calais hat Glück gehabt – vorübergehend. Vier Wochen ohne Angst, Gewalt und Hunger sind das Geschenk, dass Frankreich ihnen hier macht.

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