29. Januar 2017 · Kommentare deaktiviert für „Migration aus ethischer Sicht: Was für offene Grenzen spricht“ · Kategorien: Lesehinweise

NZZ | 27.01.2017

In seinem Buch befasst sich der Philosoph Andreas Cassee mit den brennenden Fragen weltweiter Migration

Nina Fargahi

Wie sähe eine Welt aus, in der jeder Mensch frei darüber entscheiden könnte, wo er leben möchte? Oder anders gefragt: Dürfen Staaten aus ethischer Perspektive die Zuwanderung auf ihr Territorium beschränken?

Der Philosoph Andreas Cassee stellt sich dieser wohl brennendsten Frage globaler Migrationspolitik. Dabei geht es ihm nicht primär um völkerrechtliche Argumente, sondern um eine moralische Sicht der Dinge. Einwanderungsbeschränkungen, so Cassee, seien unvereinbar mit dem liberalen Bekenntnis zur Freiheit und Gleichheit aller Menschen.

Lotterie: Goldküste oder Slum

Cassee stützt sich dabei unter anderen auf den «Schleier des Nichtwissens» nach John Rawls. Wir sollen uns vorstellen, wir wüssten nicht, ob wir an der Zürcher Goldküste oder in einem Slum in Nigeria geboren werden. Also gelte es, eine Regelung zu finden, die jeder als vorteilhaft für sich empfände. Auf Grundlage dieses Gedankenexperiments gelangt Cassee zu der Ansicht, dass jedem Menschen auf der Welt die Freiheit belassen werden müsse, seinen Lebensmittelpunkt selbst zu wählen. Es sei ethisch nicht vertretbar, dass die zufällige Herkunft einer Person für deren künftiges Leben ausschlaggebend sei. Das Recht eines Landes, sich wie ein exklusiver Klub zu verhalten, der gewissen Menschen den Einlass verwehrt, entpuppt sich als illiberal und elitär.

Die Forderung nach einem Recht auf globale Bewegungsfreiheit provoziert natürlich Widerspruch. Zum Beispiel hinsichtlich der ungleichen Verteilung von Sicherheit und Wohlstand: Würden Europa und Nordamerika nicht überrannt werden vom Rest der Welt, wenn die Grenzen fielen? Man mag Cassee vorhalten, allzu idealistisch zu argumentieren: Auf dieses Bedenken antwortet er, dass eine Reduktion des globalen Wohlstandsgefälles anzustreben sei, um der globalen Bewegungsfreiheit zum Durchbruch zu verhelfen. Gerade dieser Idealismus ist aber auch die Stärke des Buchs, das sich von aktuellen politischen Entwicklungen freidenkt. Denn die Geschichte zeigt: Was heute denkbar ist, kann morgen machbar sein.

Freude an der Auseinandersetzung

Cassees Stil strahlt Freude an der Auseinandersetzung mit Argumenten aus, seine Waffe ist der Vergleich. Etwa der zwischen der internationalen Migration und der Wahl des eigenen Aufenthaltsorts innerhalb eines Landes, die doch auch als Selbstverständlichkeit angesehen werde. Immer wieder gelingt es ihm so, tradierte Haltungen als Rationalisierungen unverdienter Privilegien zu enttarnen und die Frage auf das Grundsätzliche zurückzuführen: Die Freiheit eines jeden Menschen.

Cassee legt ein profund recherchiertes Buch vor, das aus seiner Dissertation an der Universität Zürich hervorgegangen ist und das die Vision einer gerechteren Welt zeichnet. Intellektuell grenzüberschreitend, empfiehlt sich dieses Buch allen, die sich mit Migrationspolitik befassen und bereit sind, über ihre eigene Nasenspitze hinauszudenken. Gerade für liberal gesinnte Geister stellt Cassee die Frage, ob geschlossene Grenzen womöglich nicht nur feudalen Privilegien dienten. Somit reiht sich das Buch in jene akademische Literatur ein, welche politisch relevant ist und für heisse Debatten sorgt.

 

Andreas Cassee
Globale Bewegungsfreiheit. Ein philosophisches Plädoyer für offene Grenzen
Suhrkamp, Berlin 2016. 282 S., 17,00 €

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