04. Februar 2017 · Kommentare deaktiviert für Der neue Dschungel · Kategorien: Balkanroute, Serbien · Tags: ,

der Freitag | 03.02.2017

1.500 Menschen frieren in der Ruinenlandschaft hinter dem Belgrader Busbahnhof. Sie stecken fest, weil die EU ihre Grenzen dichtmacht

von Krsto Lazarević

Hunderte Geflüchtete rufen: „Wir wollen kein Essen, wir wollen offene Grenzen!“ Es ist die erste organisierte Demonstration der Migranten in Belgrad, seit sie sich in der Ruinenlandschaft hinter dem zentralen Busbahnhof von Serbiens Hauptstadt niedergelassen haben. Einer der Demonstranten hält ein Schild in die Höhe. Auf einer Seite steht „Öffnet die Grenzen“, auf der anderen „Wir sind auch Menschen, behandelt uns auch so“.

Unter den Demonstranten ist auch der 26-jährige Mielad Achkazai, der wie die meisten in den Lagerhallen aus dem Osten Afghanistans kommt. Aus der Provinz Kunar, unweit von Kabul, wo die Taliban sehr aktiv sind. Er trägt eine helle Lederjacke mit Spuren von Ruß, sie sieht nicht so aus, als könnte sie vor der Kälte schützen. Achkazai betont, dass er ein gutes Leben in Afghanistan hatte, bis er ins Visier der Taliban geriet, weil er im Gesundheitsministerium für die Regierung gearbeitet hat.

Die Provinz Kunar hat er vor sieben Monaten verlassen, seit vier Monaten lebt er nun hier. Er führt durch die heruntergekommenen Lagerhallen, in denen 1.500 Menschen ausharren. Es ist eine reine Männerwelt, Frauen leben hier nicht. In den Ruinen steigt beißender Rauch auf, weil mit Holz aus alten Balken der Schienenanlagen, Müll und Plastik geheizt wird. Richtig warm wird es trotzdem nicht. Draußen liegt noch Schnee, die Temperaturen sinken auf bis zu minus 16 Grad. Die Lungen beginnen schon nach wenigen Minuten zu schmerzen und die Augen zu tränen. Vor den Lagerhallen steht eine Gruppe Männer und wäscht sich vor alten Ölfässern, die mit Steinen fixiert sind und von unten mit Holz beheizt werden. Das sind die improvisierten Duschen. Ein Weg hinter den Lagerhallen wurde zur Toilette umfunktioniert. Zwischen zwei Erhöhungen wurde mit einer Leiter eine kleine Brücke aufgebaut, auf der ein selbst gebautes Dixie-Häuschen steht, um ein wenig Privatsphäre zu ermöglichen. Darunter bildet sich ein großer Haufen Kot, der gefroren ist. Mielad Achkazai deutet mit dem Finger auf diese Zustände und stellt Fragen: „Warum müssen wir hier leben? Haben wir unsere Häuser und unser Land verlassen und sind vor dem Krieg geflüchtet, nur um hier zu erfrieren?“ Unweit der improvisierten Toilette hält er sich die Nase zu und sagt: „Das ist doch widerlich. Ich kann hier nicht länger bleiben.“

Kurz vor dem Hungerstreik

Vielen vor Ort ist der Kragen geplatzt. Die Demonstranten werden lauter. Die Männer skandieren auf Paschtu, und Achkazai übersetzt: „Serbien ist kein Ort zum Leben, wir wollen weiter. Wir wollen in Frieden leben.“ Achkazai selbst will nach Schweden und dort studieren. Er erkennt den Akzent des Reporters und sagt: „Nicht nach Deutschland.“ Einige der umstehenden Männer stimmen mit ein: „Nicht nach Deutschland, auf keinen Fall.“ Sie wollen nach Schweden, Norwegen, Frankreich, Italien.

Auch in den Belgrader Ruinen hat sich herumgesprochen, dass die deutsche Bundesregierung nach Afghanistan und Griechenland abschiebt und die Chancen auf Asyl schlecht stehen. Achkazai hält das für einen Skandal: „Wer hat denn unser Land zerstört? Das waren nicht nur die Taliban, das waren auch die USA und die NATO. Ich habe dort Deutsche, Franzosen, Schweden, Kanadier und Australier gesehen. Und viele sind immer noch da. Sie haben ganz Afghanistan zerstört.“

Einige der Demonstranten wollen in den Hungerstreik treten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. In den Belgrader Ruinen hat es sich etabliert, dass die Gruppe „Hot Food Idomeni“ täglich um 13.00 Uhr aus einem Wagen heraus Essen verteilt. Nicht so am Tag der ersten Demonstration. Der Wagen mit dem Essen bleibt zu. Achkazai sagt: „Wir wollen nicht mehr gefüttert werden, wir wollen unsere Menschenrechte. Ich bin bereit, eine Woche lang nichts mehr zu essen. Hier kann ich nicht bleiben.“

Einige der Flüchtlinge sind bereit, das Letzte einzusetzen, was ihnen noch geblieben ist: ihre körperliche Unversehrtheit. Dabei ist die gesundheitliche Verfassung von vielen sehr schlecht. Sie husten wegen des giftigen Rauchs. Manche haben Erfrierungen wegen der Kälte. Die meisten nehmen Medikamente, die sie von den Hilfsorganisationen bekommen. Die „Ärzte ohne Grenzen“ geben an, dass fast die Hälfte ihrer Patienten unter 18 Jahre alt ist. Die Belgrader Ruinen drohen laut einem Bericht der Hilfsorganisation „ein neues Calais zu werden. Eine Abladefläche, wo die Menschen stranden und dauerhaft stecken bleiben.“ Sollten die Zustände anhalten, könnten die Ruinen Belgrads zu dem Symbol werden, das der Dschungel von Calais lange Zeit war, bevor er geräumt wurde.

Täglich kommen rund 100 neue Flüchtlinge aus Mazedonien und Bulgarien in Serbien an. Hier bleiben sie stecken, weil die Grenzen zu Ungarn und Kroatien dicht sind. Laut Europol hat sich Belgrad zum Epizentrum für die Schlepper auf der Balkan-Route entwickelt. Sie verlangen rund 3.000 Euro für eine Eintrittskarte nach Ungarn. Die Menschen in den Belgrader Ruinen sind auf die Schlepper angewiesen, weil die Regierung in Budapest nur zehn Flüchtlinge am Tag legal einreisen lässt. Alleinstehende afghanische Männer haben keine Chance, für die Einreise ausgewählt zu werden. Die serbische Polizei vor Ort lässt die Schlepper gewähren, obwohl diese ihre Geschäfte sehr offen und direkt vor ihren Augen abwickeln. Die serbische Exekutive scheint kein Problem damit zu haben, wenn ihr dabei geholfen wird, die Flüchtlinge schnell wieder loszuwerden. Die Afghanen in den Lagerhallen sind im Schnitt deutlich ärmer als die Flüchtlinge, die noch vor der Schließung der Balkan-Route letztes Jahr im März in Belgrad ausharrten. Vielen ist das Geld ausgegangen, auch weil sie von den Schleppern betrogen werden. Sie stecken hier fest. Zudem bleibt die ungarische Regierung hart in ihrer Push-back-Politik. Die Ruinen von Belgrad sind voller Männer, die behaupten, bereits in Ungarn gewesen und dann von der Polizei verprügelt und zurückgeschickt worden zu sein. Die NGO „Save the Children“ schätzt, dass allein in den vergangenen beiden Monaten 1.600 Personen aus Ungarn und Kroatien zurück nach Serbien geschickt wurden, obwohl sie die Grenzen bereits überwunden hatten. Das UNHCR bestätigte, man erhalte weiterhin Hunderte Berichte über Push-back-Aktionen aus den EU-Staaten Kroatien und Ungarn nach Serbien.

Ohne Eltern, ohne Familie

Maximilian Pichl, juristischer Mitarbeiter bei der Menschenrechtsorganisation ProAsyl, hält diese Praxis für rechtswidrig: „Wenn ein EU-Staat Flüchtlinge aufgreift, darf er sie nicht einfach zurückschieben. Er muss in einem individuellen Verfahren prüfen, welcher Staat für das Asylverfahren zuständig ist, ob die Betroffenen bereits Familienmitglieder in der EU haben und ob durch die Abschiebung Gefahren bestehen. Eine einfache Rückschiebung ohne diese Prüfung ist europarechtswidrig.“

Besonders schlimm ist die Situation für unbegleitete Minderjährige. Laut „Save the Children“ befinden sich in Serbien derzeit über 700 von ihnen. Davon leben rund 200 in den Belgrader Ruinen, die Jüngsten sind gerade einmal acht Jahre alt. Der 14-jährige Kochi wärmt sich an einem Feuer in den Lagerhallen. Er trägt eine blaue Daunenjacke, seine Augenbrauen wachsen langsam zusammen, er hat erste Ansätze von Bartwuchs. Im Feuer verbrennt ein kaputter Stiefel, den jemand reingeworfen hat. Er beginnt zu husten und wedelt den Rauch weg: „Warum habt ihr den Stiefel reingeworfen?“, beschwert er sich. Auch er kommt aus dem Osten Afghanistans, aus der Provinz Laghman in der Nähe der pakistanischen Grenze. Dort hat er sich vor vier Monaten aufgemacht, um sich zu seinem Bruder durchzuschlagen, der in Frankreich lebt. Ohne seine Eltern und ohne seine Familie: „Ich will in die Schule gehen und Französisch lernen.“ Er ist mit einer Gruppe von sechs Personen unterwegs. Er hat sie in der Türkei getroffen. Auch zwei seiner Begleiter sind minderjährig. Sie haben in der Umgebung der alten Lagerhallen Holz und Plastik gesammelt und sich damit eine kleine Hütte in den Ruinen gebaut. Gemütlich ist es nicht, andere schlafen neben ihnen auf dem nackten und kalten Boden.

Kochi will eigentlich nicht in ein Asylzentrum, aber nach zwei Monaten hält er es nicht mehr in den Ruinen aus. Die serbische Regierung hat dem internationalen Druck nachgegeben und am 18. Januar ein Asylzentrum in Obrenovac, einem Belgrader Vorort, eingerichtet. Dort wollte er sich anmelden, aber er sagt, das ging nicht: „Wir wollten ins Lager gehen, aber die Polizei hat gesagt, es ist voll, verschwindet von hier.“

Serbiens Regierung behauptet, es gebe ausreichend Platz für alle Flüchtlinge, was nicht wahr ist. Derzeit sind es rund 6.450 Plätze für knapp 8.000 Flüchtlinge. In Belgrad befinden sich zwei Aufnahmezentren. Eines in Krnjača, wo 1.330 Menschen untergebracht sind, und eines in Obrenovac mit rund 500 Plätzen. Die vermeintlich freien Plätze soll es in der serbischen Peripherie geben. Da wollen viele Flüchtlinge aber nicht hin. Einerseits, weil sie in Belgrad, in der Nähe der Schlepper bleiben wollen, andererseits, weil sie Angst haben, nach Mazedonien oder Bulgarien abgeschoben zu werden.

Bis zu 1.000 Menschen sollen in Serbien laut dem Belgrader „Zentrum für Menschenrechte“ seit September Opfer von sogenannten Push-backs geworden sein. Diese Abschiebungen sind nach serbischem und internationalem Recht illegal, haben sich auf der Balkan-Route aber inzwischen etabliert. Auch das UNHCR und Human Rights Watch bestätigen, dass Flüchtlinge aus Serbien vermehrt nach Mazedonien und Bulgarien abgeschoben werden.

In der Nacht sind die Feuer in den Belgrader Ruinen das einzige Licht. Manche kochen Tee, andere schlafen, viele husten in den verqualmten Hallen. Jeden Tag wachsen auf Brachflächen neue kleine Zelte. Es kommen mehr Menschen hierher. Sie liegen an vielen Stellen dicht an dicht. Der serbische Staat lässt sie vor sich hinvegetieren und drückt bei den Schleppern beide Augen zu, um die Afghanen schnell loszuwerden. Die EU will sie nicht und lässt sie weiter vor ihren Toren frieren. Mielad Achkazai und Kochi werden hier noch eine Nacht schlafen. Sie werden frieren, hungern und husten, weil sie in Serbien feststecken. Es sind nur zwei Autostunden bis zur ungarischen Grenze. Das Ziel scheint nah, aber Brüssel macht dicht.

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