24. Februar 2017 · Kommentare deaktiviert für „Abschiebung nach Afghanistan: Keine Kekse für die Rückkehrer“ · Kategorien: Deutschland · Tags: ,

taz | 23.02.2017

Der dritte deutsche Abschiebeflug nach Kabul zeigt große Lücken in der Nachbetreuung. Die Unterbringung ist nur für zwei Wochen geklärt.

Thomas Ruttig

„Ich begrüße euch nicht als Polizist, sondern als Landsmann.“ General Al-Hadsch Muhammad Asif Dschabbarchel, beleibter Kommandant des Hamid-Karsai-Flughafens in Kabul, bemüht sich redlich, die 18 sichtlich niedergeschlagenen abgeschobenen Männer aufzumuntern.

Sie sind Minuten vorher an Bord einer Chartermaschine in der afghanischen Hauptstadt gelandet. Er schnauzt seine Leute an, dass sie weder Tee noch Kekse bereitgestellt hatten und erklärt den Ankömmlingen, man werde sich um ihre Erstunterbringung kümmern. Er kann sie sogar zu einem gemeinsamen Gebet bewegen.

Obwohl die bayerische Polizei bereits am Mittwochabend kurz nach Start in München informiert hatte, lag die Zahl den afghanischen Behörden am nächsten Morgen zunächst genauso wenig vor wie die Passagierliste dieses dritten deutschen Abschiebeflugs seit Dezember 2016. Diese erhalten sie erst von einem Vertreter der deutschen Botschaft, nachdem die Maschine gelandet ist.

Der älteste Abgeschobene, der teilweise paralysiert scheint, muss von zwei Helfern gestützt werden, als er den Bus verlässt, der die Männer im Alter von 19 bis 53 Jahren von der Maschine abgeholt hat. Er bekommt sofort ärztliche Betreuung.

An Bord sind weit weniger Afghanen als von den deutschen Behörden geplant. Bei mindestens acht anderen hatten richterliche Beschlüsse die Abschiebung gestoppt.

Vertreter der afghanischen Innen- und Außenministerien können am Morgen auch nicht sagen, ob Straftäter in der Gruppe sind. Deutsche Flüchtlingsaktivisten sprachen von zweien. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte Abschiebungen wiederholt mit der Notwendigkeit begründet, Straftäter und „Gefährder“ loszuwerden.

Sieben Abgeschobene kommen aus Provinzen, die selbst die Bundesregierung in ihrer umstrittenen Einschätzung der Lage in Afghanistan nicht als sicher betrachtet. Unter ihnen ist ein etwa 30-Jähriger aus der Provinz Paktia. Er wurde auf seiner Arbeitsstelle verhaftet und direkt zum Abschiebeflug verbracht. Man habe ihm keine Gelegenheit gelassen zu packen. So kommt er ganz ohne Gepäck und noch in der Jacke der Sicherheitsfirma an, für die er in Deutschland gearbeitet hat. In seinen Heimatdistrikt Gerda Zerai könne und wolle er nicht. Dort herrscht Dschalaluddin Haqqani, Chef eines der gefährlichsten Terrornetzwerke des Landes.

Bei einem jungen Paschtunen aus der Ostprovinz Nangrahar, ebenfalls umkämpftes Gebiet, hört man nach über fünf Jahren Aufenthalt im Südwesten Deutschlands kaum noch einen Akzent – und wenn, dann einen badischen. Er habe bis zu seiner Abschiebung als Koch in einer hochklassigen Bar mit Restaurant gearbeitet und „meine Steuern gezahlt“. Seine Kollegen hätten sich vergeblich für seinen Verbleib eingesetzt.

Je ein Abgeschobener stammt aus den Taliban-Hochburgen Kandahar und Urusgan im Süden, Chost im Südosten, Maidan-Wardak nahe Kabul und Kundus im Norden, dem früheren Hauptstationierungsort der Bundeswehr. Den hatten die Taliban im Oktober 2015 einmal ganz und im Oktober 2016 teilweise erobert.

Aber auch in den Herkunftsgebieten der elf anderen – Kabul, Balch mit der Hauptstadt Masar-i-Scharif und Herat kommt es immer wieder zu Kämpfen und Terroranschlägen. In Masar griffen die Taliban im November das deutsche Generalkonsulat an.

Im Terminal bieten Vertreter afghanischer Ministerien, der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sowie einer von der Bundesregierung finanzierten Hilfsorganisation die Erstbetreuung der Abgeschobenen. Acht von ihnen gehen in eine IOM-betriebene Übergangsunterkunft in Kabul, wo sie zwei Wochen bleiben dürfen.
Was danach kommt, ist unklar. Afghanistans Regierung hat keine Infrastruktur zur Reintegration. Auch ein neues IOM-Programm, das Zuschüsse für Ausbildung oder für ein Kleingewerbe von umgerechnet 700 bis 2.000 Euro stellt, erscheint sehr gering.

Als die letzten Abgeschobenen die Passkontrolle passieren, sind Kekse und Tee immer noch nicht da.

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