19. April 2017 · Kommentare deaktiviert für „Kenias Dürre – mehr als nur ein Klimaschock“ · Kategorien: Afrika · Tags:

DW | 19.04.2017

Bei der Hungersnot im Osten Afrikas stehen Somalia und der Südsudan im Fokus. Im benachbarten Kenia herrscht kein Krieg, doch auch hier benötigen Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe. Die Politik ist mitverantwortlich.

Es ist spät am Nachmittag und viele Augen in der kleinen Siedlung sind glasig und gerötet. Der Geruch von selbstgepanschtem Alkohol liegt in der Luft. Die Menschen, die hier in Hütten aus Zweigen, Tierhäuten und Plastikplanen leben, gehören zum Hirtenvolk der Turkana. Doch sie ziehen wegen der Dürre nicht mehr als Nomaden umher, sondern sie haben sich niedergelassen – in direkter Nachbarschaft zum Flüchtlingslager Kakuma, in dem die Vereinten Nationen zurzeit rund 180.000 Menschen versorgen.

Forderung nach gleicher Hilfe

Die Flüchtlinge im Lager stammen überwiegend aus den umkämpften Nachbarländern Südsudan und Somalia, in denen Krieg und Dürre für Hunger und Elend sorgen. In der kleinen, verwahrlosten Siedlung neben der Lagergrenze fordern auch Einheimische wie Ekiru Elimlim Hilfe. „Wir sollten die gleiche Hilfe bekommen wie die Flüchtlinge. Wir brauchen auch Nahrung, Wasser und Jobs. Diese Flüchtlinge siedeln hier auf unserem Land, dafür sollten wir kompensiert werden.“

Seine Familienangehörigen sind erregt, alle reden laut durcheinander. Es dauert, bis Ekiru weiterreden kann. „Wir haben nie Hilfe bekommen, irgendwo sesshaft zu werden. Uns baut keiner ein Haus. Die Flüchtlinge bekommen Hilfe, wir gehen leer aus, das ist nicht richtig.“

Kakuma ist nach Dadaab an der somalischen Grenze das zweitgrößte Flüchtlingslager in Kenia. Wie in allen großen UN-Flüchtlingslagern ersetzen die Vereinten Nationen den Staat und übernehmen die Grundversorgung mit Nahrung, Wasser und Medikamenten. Doch die finanziellen Mittel sind sehr knapp. Die Hilfe reicht zum Überleben, aber sie bietet keine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft führt die Flüchtlinge in die Abhängigkeit. Das Lagerleben ist ein Leben im Wartestand – oft über viele Jahre.

Die Vereinten Nationen haben das Mandat, für die Flüchtlinge im Lager als Ersatzstaat zu fungieren und sie zu versorgen . Die finanziellen Mittel sind knapp. Die Versorgung reicht zum Überleben, aber sie bietet keine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft führt die Flüchtlinge in die Abhängigkeit. Das Lagerleben ist ein Leben im Wartestand – oft über viele Jahre.

„Nationale Katastrophe“ im Wahlkampf

Für die heimischen Nomaden vom Hirtenvolk der Turkana ist der kenianische Staat verantwortlich. Die Hirten sind von ihren Herden abhängig. Verendet ihr Vieh, verlieren sie ihre Lebensgrundlage. Die kleine Siedlung von Ekiro Elimlin neben dem Lager der Vereinten Nationen ist eine Siedlung von Bettlern und Tagelöhnern, die auf Hilfe warten.

Kenias Präsident hat die Dürre am 10. Februar zwar zur „nationalen Katastrophe“ erklärt, doch das Krisenmanagement ist mangelhaft. In Kenia herrscht Wahlkampf, im August finden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Politik lähmt sich durch gegenseitige Schuldzuweisungen.

Emathe Namwar ist in der Landesregierung der Region Turkana für die Wasserversorgung zuständig. Er steht der Opposition nahe und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zentralregierung im fernen Nairobi. „Es gibt keinen koordinierten Ansatz. Die nationale Regierung bezieht uns nicht mit ein, um eine Lösung zu finden. Es mag sein, dass es Hilfsgelder gibt, aber wenn es keinen gemeinsamen Ansatz gibt, dann strampeln wir uns ab, ohne viel zu erreichen.“

Die Landesregierung der Turkana liefere Notrationen an über 600.000 Haushalte, „aber wenn die nationale Regierung an die gleichen Haushalte liefert, dann gibt es Menschen, die wir nicht erreichen.“

In der Hauptstadt Nairobi schiebt Staatssekretär Andrew Tuimur aus dem Landwirtschaftsministerium den schwarzen Peter zurück an die Verantwortlichen in der Turkana. „Wir müssen die Landesregierungen sehr unterstützen, weil sie wirklich nicht auf diese Dürre vorbereitet waren. Sie hatten keinerlei Notreserven in ihren Budgets.“ Die nationale Regierung sei gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen. „Erst durch unseren Druck reagieren jetzt auch die Landesregierungen. Wir raten ihnen für die Zukunft, sich besser auf solche Notlagen vorzubereiten“, fügt Staatssekretär Tuimur an.

Es wird noch schlimmer kommen

Präsident Kenyatta sei unermüdlich unterwegs sei, um Streit zwischen den Hirtenvölkern zu schlichten, die um Wasser und Land kämpfen. Im Nachbarland Uganda habe Kenyatta sich persönlich dafür eingesetzt, dass die Hirten der Turkana mit ihren Herden die Grenze überschreiten und ungehindert nach neuen Weidegründen suchen dürften. Staatssekretär Andrew Tuimur aus dem Landwirtschaftsministerium in Nairobi glaubt, dass sich die Lage in Kenia verschlechtern wird.

„Die Vorhersage geht davon aus, dass der Regen weiter ausbleiben wird. Er fällt bestenfalls sporadisch und in den trockenen Gegenden bleibt er ganz aus. Die Ernte wird in diesem Jahr vermutlich schlecht sein. Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf eine Nahrungsmittelkrise zusteuern. Die Regierung bereitet sich darauf vor.“

Wie diese Vorbereitung konkret aussieht, bleibt offen. In den vergangenen Wochen hat die nationale Regierung Dieselgeneratoren in die Turkana geliefert, um Wasserpumpen an Bohrlöchern anzutreiben. Doch vor Ort fehlt der Diesel. Die Landesregierung kann den Treibstoff nach eigenen Angaben nicht bezahlen. Sie hat selber 18 Wassertrucks im Einsatz, um die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen. Auch die Trucks verschlingen viel Diesel, der Schuldenberg wächst, die Wasser-LKW stehen oft still. Die Straßen der Turkana sind in einem erbärmlichen Zustand. Emathe Namwar von der Landesregierung sieht allein Nairobi in der Verantwortung. „Warum passiert da nichts? Die Regierung der Turkana spürt die staatliche Vernachlässigung der vergangenen 50 Jahre.“

Vernachlässigung der Landwirtschaft

Doch alle Beteiligten müssen sich die Frage gefallen lassen, warum so wenig Geld in die ländliche Entwicklung fließt, obwohl die internationale Gemeinschaft Hilfsgelder zur Verfügung stellt. Klimawandel und Dürre sind die externen Faktoren einer Hungersnot. Doch politische Ignoranz und Korruption bereiten auch in Kenia den Boden für die verheerenden Folgen der Dürre. Kenia ist kein Einzelfall: Von den knapp 40 Ländern, die weltweit auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, liegen fast 30 auf dem Kontinent Afrika.

Die Vernachlässigung der Landwirtschaft durch die urbanen, afrikanischen Machteliten rächt sich in der Krise. Im kenianischen Wahlkampf werfen sich Regierung und Opposition gegenseitig politisches Versagen und die Veruntreuung von Geldern vor. Um die nachhaltige Entwicklung der Dürregebiete streiten die Verantwortlichen nicht. Die eine Million Hirten der Turkana scheinen politisch zu unwichtig, um ihnen Perspektiven zu eröffnet. Die Politik vertraut vielmehr darauf, dass schon bald das Öl sprudelt. 2012 wurden in der Turkana Reserven entdeckt. Das weckt neue Begehrlichkeiten, während Hirten zu Bettlern neben dem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen werden.

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