19. April 2017 · Kommentare deaktiviert für „Sklavenmärkte in Libyen“ · Kategorien: Libyen · Tags:

Telepolis | 19.04.2017

Afrikanische Flüchtlinge werden in dem Land gehandelt wie Sklaven – Männer müssen schwer schuften, Frauen landen in der Prostitution

Birgit Gärtner

Die „Internationale Organisation für Migration“ (IOM) schlägt Alarm: Auf libyschen Marktplätzen würden öffentlich Geflüchtete aus afrikanischen Staaten verkauft. Für 200 bis 500 US-Dollar würden sie ihren „Herren“ übereignet. Männer müssen schwere Arbeiten verrichten, die Frauen werden als Sex-Sklavin gehalten oder in die Prostitution verschoben. Manchmal geht es auch „nur“ um Erpressung. Laut IOM gibt es diverse Zeugenberichte, in denen von Ausbeutung, Hunger, Folter und Erpressung die Rede sei.

Die Geschichte klingt wie die Vorlage zu einem schlechten Hollywood-Drama: Der Gambier Adam, so wird er in der IOM -Erklärung genannt, wurde gemeinsam mit 25 Landsleuten auf der Reise von Sabha nach Tripolis gekidnappt. Ein bewaffneter Gambier und zwei arabische Männer überfielen sie und brachten sie in ein „Gefängnis“, ein privates Haus, in dem 200 Männer und einige Frauen gefangen gehalten wurden. Diese waren offensichtlich aus verschiedenen afrikanischen Staaten.

Laut der Aussage von Adam wurden die Gefangenen täglich geschlagen, und gezwungen, ihre Familien anzurufen, damit diese sie freikaufen. In seinem Falle dauerte es neun Monate, bis die Familie das Geld aufbringen konnte. Dafür musste sämtlicher Besitz, inklusive des Hauses, in dem die Familie lebte, verkauft werden.

Adam wurde tatsächlich frei gelassen. Einer der Kidnapper brachte ihn nach Tripolis. Dort fiel er einem Libyer auf, der allerdings selbst so arm war, dass er ihm nicht helfen konnte. Deshalb brachte er ihn ins nächste Krankenhaus, da er bemerkte, dass Adam stark unterernährt war. Er wog gerade noch 35 kg.

Mitarbeiter des Krankenhauses schilderten den Fall auf der Facebook-Seite der Klinik und baten um Unterstützung, um ihn behandeln zu können. So kam IOM ins Spiel. Die Organisation übernahm die Patenschaft, versorgte Adam mit allem Notwendigen, übernahm die Behandlungskosten und sorgte dafür, dass er zu seiner Familie nach Gambia zurückkehren konnte, wo seine Behandlung fortgesetzt wurde.

Adam wurde verschleppt, die Kidnapper verfolgten offensichtlich einzig und allein das Ziel, Kapital aus ihrer „Beute“ zu schlagen. Andere wiederum wurden buchstäblich auf einem der Sklavenmärkte verscherbelt, die ganz offen auf Marktplätzen in den Städten abgehalten werden. Manche werden nach dem Verkauf wie Adam gefangen gehalten, um Angehörige zu erpressen, andere werden zu zum Teil schweren Arbeiten gezwungen.

Betroffene erzählten laut IOM, dass auch sie gezwungen wurden, ihre Angehörigen anzurufen, damit diese sie frei kaufen. Während des Telefonats seien sie geschlagen worden seien, um noch mehr Druck auf die Angehörigen aufzubauen.

Ein Zeuge ließ sich darauf ein, als Übersetzer für seine Peiniger zu arbeiten, um weitere Schläge zu vermeiden. Der Mann beschrieb katastrophale hygienische Zustände und gab an, dass den Gefangenen nur einmal am Tag etwas zu essen gegeben worden sei.

Der Zeuge sagte ebenfalls aus, dass libysche Privatmänner auf den Märkten Frauen kaufen, und in ihren Häusern als Sexsklavin halten würden. Berichtet wird auch von einer jungen Frau, die in einer Art Warenhaus gefangen gehalten wurde, und tätlich angegriffen und vergewaltigt wurde.

Expertinnen erstaunen diese Berichte nicht. „Das ist generell so bei Frauen und Mädchen im ‚Migrationsprozess‘, Flucht, Vertreibung – das heißt für Frauen meist Vergewaltigung und Versklavung“, erläutert die Publizistin Inge Bell gegenüber Telepolis. In einem Bericht im Weltspiegel deckte die Journalistin im Jahre 2000 auf, dass auch deutsche KFOR-Soldaten ein Bordell mit verschleppten Minderjährigen in Mazedonien aufsuchten. Bell engagiert sich für Zwangsprostituierte aus Osteuropa, und ist Co-Autorin des Buches „Verkauft, versklavt, zum Sex gezwungen“. Darin gewähren die Autorinnen einen Blick hinter die Kulissen des profitablen Frauenhandels.

In der Tat erinnern die Schilderungen in der Presseerklärung von IOM an den Handel mit nigerianischen Frauen, die als Prostituierte nach Italien und andere europäische Länder verschoben werden. Manche von ihnen, nachdem sie der islamischenTerror-Miliz Boko Haram entkommen sind (Von Boko Haram in die Fänge der Mafia).

Folter ist an der Tagesordnung

Mohammed Abdiker, verantwortlich bei IOM für die Einsätze und Notfälle, wird folgendermaßen zitiert: „Fallen Migrantinnen und Migranten in die Hände von Schmugglern, sind sie von systematischer Unterernährung, sexualisierter Gewalt und sogar Mord betroffen. Letztes Jahr mussten wir erfahren, dass 14 Geflüchtete in einem einzigen Monat in einem dieser Orte gestorben sind, wegen Krankheit und Unterernährung. Wir hören auch von Massengräbern in der Wüste.“

In der Tagesschau an Ostermontag beschrieb Michele Trainiti von der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ den erbarmungswürdigen Zustand, in dem sich viele Geflüchtete befinden, die aus Libyen kommend von den Schiffen der Hilfsorganisationen vor dem Ertrinken gerettet werden. Viele hätten sich vermutlich in den libyschen Auffanglagern die Krätze geholt, so der Mediziner.

„Wir haben Menschen aufgegriffen, die unter Gewalt gelitten haben. Wir sehen, dass das alles das Ergebnis der momentanen Lage in Libyen ist. Manche der Flüchtlinge haben Schusswunden. Und wir haben Augenzeugen, die von Folter in den libyschen Lagern berichten.“ Offenbar gibt es Gewalt und Folter nicht nur in den Lagern, sondern die Bedrohung breitet sich über das ganze Land aus.

Im Jahre 1324 verkaufte Mansa Musa, der Sultan von Mali, während seiner Pilgerfahrt nach Mekka in Kairo 14.000 Frauen, um die Reisekosten für sich und sein Riesengefolge aufzubringen.

Von Tripolis aus gingen Schiffe mit Sklaven an Bord nach Sizilien, Venedig sowie verschiedene Städte an der Adria. Über diese Route wurde u.a. Italien mit Sklaven versorgt. In Florenz wurden zwischen 1366 und 1397 insgesamt 387 Sklavenkäufe gezählt. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert nahm Istanbul die Hälfte aller in Libyen verschifften Sklaven auf. Schätzungsweise wurden etwa 6,5 Mio. Menschen aus Afrika in die Karibik und nach Mittelamerika verschleppt.

„In der größten erzwungenen Migration der Weltgeschichte wurden mindestens 13 Millionen Menschen unter grausamen Umständen von einem Kontinent zum anderen verschifft. Noch bevor Kolumbus Amerika entdeckte, hatten Mitte des 15. Jahrhunderts die Portugiesen mit dem Sklavenhandel begonnen; als letzter Staat verbot Brasilien die Sklaverei 1888“, schrieb Der Spiegel 1998.

In Libyen dauerte der Sklavenhandel trotz des Verbots bis ins 20. Jahrhundert hinein an. Rund 100 Jahre später lebt diese unselige Tradition begünstigt durch weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen offenbar wieder auf.

Fragwürdiger Flüchtlings-Deal mit Libyen

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete bereits im vergangenen Sommer über die verheerenden Zustände in libyschen Flüchtlingslagern (In Libyen werden Flüchtlinge willkürlich ermordet, gefoltert und vergewaltigt).

Der Bericht der Menschenrechtsorganisation warnte die EU eindringlich davor, mit Hilfe libyscher Kräfte den Flüchtlingsstrom eindämmen zu wollen. Flüchtlinge würden in die Hände von gewalttätigen Milizen, Verbrecherbanden und Regierungsmitarbeitern ausgeliefert. So seien erneut schwere Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Vergewaltigungen und Morde in Flüchtlingslagern dokumentiert worden, wo auch diejenigen landen, die von der Küstenwache abgefangen und wieder zurückgebracht werden.

„Den Fluchtweg zu versperren ist das einzige, was die EU an Libyen interessiert. Von dem Land ist praktisch ausschließlich nur dann die Rede, wenn es um Schlepperbekämpfung geht. Und auch die dreistellige Millionensumme, die Brüssel kürzlich für die machtlose al Sarradsch-Regierung bereitgestellt hat, soll diesem Zweck dienen“, kommentiert Christian Jacob die IOM-Erklärung in der taz. Gleichzeitig sei die Gesetzlosigkeit in Libyen der Grund, so Jacob, weshalb die Menschen sich überhaupt dorthin begeben würden – denn nur dort gebe es das, was sie wollen: Die Passage nach Europa, für die die Schlepper das Monopol haben, weil die EU selbst die Menschen lieber ertrinken ließe als sie auf Fähren zu lassen.

Ostern wurde deutlich, dass diese Befürchtung durchaus real ist. Zwei Mittelmeer-Rettungsschiffe internationaler Flüchtlings-Organisationen waren derart überfüllt, dass sie manövrierunfähig wurden. Die Retter mussten hilflos mit ansehen, wie Menschen ertranken.

Je wärmer es wird, desto mehr Menschen werden sich auf die abenteuerliche Reise über das Mittelmeer machen – sofern sie nicht vorher abgefangen und auf den Sklavenmärkten verkauft werden …

 

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