20. April 2017 · Kommentare deaktiviert für „Calais und der Front National: Vom Schandfleck der Flüchtlingskrise zur rechten Hochburg“ · Kategorien: Frankreich · Tags: , ,

Süddeutsche Zeitung | 19.04.2017

Der „Dschungel“ ist geräumt, aber noch immer leben Flüchtlinge in Calais, obdachlos und versteckt. Die französische Stadt ist zerrissen: Verfallen die Bürger endgültig dem Front National?

Reportage von Leila Al-Serori, Calais

Als die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 ihren Höhepunkt erreicht, fährt Jean-Baptiste Vendeville zu einer Autobahnbrücke in Calais. Er rollt ein paar Meter dunklen Stoff aus, befestigt sie auf dem Brückengeländer, die weiße Schrift gut sichtbar für die Autofahrer. Dann postiert er sich dahinter und fuchtelt mit der Trikolore herum.

„Was ich auf das Banner geschrieben habe?“ Der heute 26-jährige Vendeville sitzt vor dem rotgeziegelten Rathaus der nordfranzösischen Stadt. „Illegale, es reicht!“ Er richtet sich selbstbewusst auf. Der hellblonde Versicherungsangestellte kommt direkt aus der Arbeit, trägt gestreiftes Hemd und Krawatte. Er will bald ein Haus kaufen, eine Familie gründen. Aber zuallererst will Vendeville eines: Marine Le Pen zur Präsidentin Frankreichs machen. Die Chefin des Front National liegt in Umfragen vorne. Der erste Wahlgang am kommenden Sonntag dürfte ein Triumph für Le Pen werden.

2011 ist Vendeville ihrer Partei beigetreten. Aber erst als immer mehr Flüchtlinge kamen, fing er an, seinen Zorn der Öffentlichkeit zu zeigen. „Frankreich muss den Franzosen gehören“, sagt Vendeville, wenn man ihn fragt, warum er beim Front National ist. Er spricht überlegt, ist höflich und zuvorkommend. Seine eisblauen Augen mustern einen durchdringend. Hier im Norden des Landes sind die Rechtspopulisten besonders stark, das hat mit der Arbeitslosigkeit von mehr als 12 Prozent zu tun, aber auch mit diesem ersten Wort, das einem bei Calais einfällt: Flüchtlinge. Wenige Orte in Europa hat die Flüchtlingskrise so gezeichnet wie diese 76 000-Einwohner-Stadt. Hier wird der Konflikt, der den ganzen Kontinent erfasst hat, besonders deutlich: Calais ist hin und hergerissen zwischen Offenheit und Abschottung. Werden die Rechtsradikalen am Ende gewinnen?

Als Vendeville sich auf die Autobahnbrücke stellt, leben 10 000 Migranten im Flüchtlingscamp von Calais, dem „Dschungel“. Manche haben sich durch Sahara, Mittelmeer und schließlich ganz Frankreich durchgeschlagen. Nun trennt sie nur der Ärmelkanal vom eigentlichen Ziel Großbritannien. Doch dieser wird zur unüberwindbaren Hürde, Calais zur Endstation.

Bilder von verzweifelten Menschen gehen um die Welt, von brennenden Zelten und Polizisten mit Tränengas. Touristen bleiben aus und Einheimische protestieren auf der Straße. 44,9 Prozent wählen bei den Regionalwahlen 2015 den Front National. Doppelt so viele wie bei den Wahlen zuvor. In der Presse bekommt Calais den Titel der „rechtesten Stadt Frankreichs“. Die Regierung lässt schließlich vergangenen Oktober die Sperrholzhütten räumen, die Bagger walzen alles nieder, die provisorische Schule und die gezimmerte Kirche. Die Bewohner werden auf ganz Frankreich verteilt.

Jetzt, ein halbes Jahr später ist scheinbar Normalität zurückgekehrt. Aber da sind auch die Absperrungen und die vielen Polizisten überall. Am Hafen wird kontrolliert, am Bahnhof sowieso, und am Eingang des früheren „Dschungels“, hinter der Autobahn bei den Dünen, ist ein Schild im abgebaggerten Nichts aufgebaut: Betreten verboten. Sowie eine ganze Liste an Gründen: Terrorismusgefahr, Umweltschutz, um dem Tourismus nicht zu schaden.

Trotz der Kontrollen kommen immer noch Dutzende Flüchtlinge täglich an. Schlafen im Freien, verstecken sich vor den Polizisten. Vendeville schüttelt den Kopf und zeigt auf das Rathaus: „Ganz klares Versagen.“

In einer Lagerhalle am anderen Ende der Stadt vibriert das Handy von Sarah Arrom. Die zierliche 23-Jährige hat in Paris Jura studiert, jetzt koordiniert sie Hilfen für die verbliebenen Migranten in Calais. Neben ihr schnippeln etwa ein Dutzend Menschen Gemüse, sortieren muffige Kleidung und andere Sachspenden, die mit jeder Woche weniger werden. Arrom steckt das Handy ein und bindet sich die dunkelblonden Haare aus dem Gesicht. Eine Gruppe minderjähriger Flüchtlinge hat angerufen, es gibt Arbeit.

Minuten später geht es auf dem Rücksitz eines weißen Kleintransporters durch das Industrieviertel, an mehreren Polizeikontrollen vorbei. Das Auto ist vollgepackt mit Wasserflaschen, Bananen und Feuchttüchern. Was immer die Flüchtlinge brauchen könnten. Heute ist es vor allem der Hunger, der sie zum Anrufen bewegt hat. Und die von Sonne und Wind ausgetrocknete Haut, die sich schuppt und juckt.

Helferin Arrom: „Die Politik will die Flüchtlinge unsichtbar machen“

Seit der Schließung des „Dschungels“ gibt es keine Camps oder öffentlichen Einrichtungen mehr, nur drei private Organisationen. Die konservative Bürgermeisterin, Natacha Bouchart, geht mit Härte vor, damit das so bleibt – wohl auch um dem Front National den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im März verbietet sie kurzzeitig den Helfern, Essen zu verteilen. Man wolle einen neuen Dschungel unter allen Umständen verhindern, erklärt sie damals. „Wir haben genug gelitten.“ Mit der Presse will sie nicht darüber sprechen, heißt es auf Anfrage.

„Wie viele Flüchtlinge noch hier sind, ist schwer zu sagen. Gestern haben wir an die 300 Mahlzeiten verteilt.“ Arrom ist müde, am Vortag ging die Arbeit bis drei Uhr früh. Sie schenkt gesüßten Schwarztee an fünf junge Männer aus, fast noch Kinder, aus Äthiopien und Eritrea. Sie haben schon im „Dschungel“ gewohnt, sind wegtransportiert worden und wiedergekommen. Nun sind sie seit zwei Monaten obdachlos. Schlafen hier hinter einem Strommasten auf einer Wiese. Oder wenn die Polizei sie wieder verjagt, in einem Wäldchen neben den Dünen. Ob sie immer noch nach Großbritannien wollen? Eifriges Nicken. Dann folgt ein Lobgesang auf Manchester United.

Wo die fünf Männer sitzen, war Monate zuvor ein stetiger Zug an Menschen unterwegs, vom „Dschungel“ in Richtung Stadt, weiter zum Eurotunnel und zurück, wenn die versteckte Überfahrt nach Großbritannien wieder nicht geklappt hat. Nun sitzen die Fünf hier einsam und verlassen.

Flüchtlinge, die sich nicht in und um Calais versteckten, landeten meist ein paar Kilometer weiter in dem Camp von Grande-Synthe. Auch hier: die Zustände katastrophal, die Verpflegung dürftig. Vergangene Woche brannte es ab – zuvor soll es zu Kämpfen zwischen den Bewohnern gekommen sein.

Dass sich die Probleme in der Region von selbst lösen, glaubt Arrom nicht. „Es wird hier immer Migranten geben, es ist schließlich die Grenze.“ Sie habe eine Verantwortung zu helfen, schließlich hätten die Ankommenden niemanden sonst. „Die Politik will die Flüchtlinge unsichtbar machen“, sagt sie und beißt sich auf die Lippe.

Wer durch Calais spaziert, sieht die Krise tatsächlich kaum. Es sind wenige Menschen unterwegs, von ein paar Häusern bröckelt der Putz. Ein Fritten-Verkäufer steht vor seinem Laden und wartet auf Kundschaft, ein älteres Ehepaar beobachtet die Schiffe am Hafen. Der Alltag ist zurückgekehrt am äußersten Ende Frankreichs, das sich so weit weg von Paris anfühlt. Aber wie es weitergehen soll, scheint niemandem klar.

Zwei extreme Positionen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen

Da sind die Bürger wie Sarah Arrom, die helfen und tolerant bleiben wollen, auch wenn sich die öffentliche Meinung längst gegen sie gedreht hat. Da sind Menschen wie Jean-Baptiste Vendeville, die sich im Stich gelassen fühlen und Einwanderer ablehnen. Zwei extreme Positionen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Wie im Wahlkampf, wo mit Europafreund Emmanuel Macron und Nationalistin Le Pen zwei sehr unterschiedliche Weltanschauungen dominieren.

Aber da sind auch die dazwischen, die noch nicht wissen, ob sie in die eine oder die andere Richtung gehen wollen. Die einfach Angst haben, dass die Touristen nicht wiederkommen. Dass die Restaurants und Geschäfte leer bleiben. Der ergraute Bäcker Philippe beispielsweise, der von besseren Tagen erzählt. Als in Calais noch fein gearbeitete Spitze produziert wurde und der Hafen florierte. Aber das war lange bevor die ersten Flüchtlinge kamen. Die geographische Nähe zu Großbritannien hat die Stadt schon vor Jahrzehnten zu einem Brennpunkt der Migrationsbewegung gemacht, lange bevor der Rest Europas davon Notiz nahm. 2002 war bereits ein Camp geschlossen worden, 2009 noch eines. Es sei eine Achterbahn, es werde besser, dann wieder schlechter, sagt Philippe. Andere Bewohner sind es leid, über das Thema zu sprechen, sie haben einfach genug und wollen an die Zukunft denken.

Calais ist nun wie ganz Europa in der Schwebe. Noch ist nicht klar, ob es aus den Krisen stärker hervorgeht, gewachsen am Chaos und der Bewältigung dessen. Oder doch schwächer, der Vergangenheit und Nationalisten nachhängend.

Jean-Baptiste Vendeville für seinen Teil hat sich längst entschieden. Er ist ehrenamtlich aktiv für den Front National, mittlerweile auch ins Comité Central gewählt, einem Parteigremium mit hundert Mitgliedern. Natürlich habe er nichts gegen die Menschen, die da kommen, sagt er. Er habe schon auch Mitgefühl, er sei „ja kein auferstandener Nazi“. Aber als Illegale hätten sie im französischen Territorium nichts zu suchen. „Sie denken das hier ist das El Dorado.“

Deshalb wolle er aus der EU austreten und die Grenzen schließen. Es könne nicht sein, dass die Jungen, also seine Generation, ärmer seien als ihre Eltern, sagt er. Viele in der Region würden das auch so sehen, schließlich lege der Front National „massiv zu“. Tatsächlich wählen nicht nur in Calais zuletzt fast die Hälfte der Wähler die Partei, die Region Nord-Pas-de-Calais generell (seit 2016 Teil der Gebietskörperschaft Hauts-de-France), durch den Niedergang dortiger Industrie und Bergbau geprägt, gilt als Hochburg der Rechten. Der Front National bemüht sich um das abgehängte Arbeitermilieu, inszeniert sich als Partei des kleinen Mannes. Bei den Regionalwahlen 2015 siegt Le Pen als Spitzenkandidatin im ersten Durchgang, in der Stichwahl unterliegt sie nur knapp dem konservativen Kandidaten für das Amt des Präsidenten des Regionalrats.

Ob auch bei der Präsidentschaftswahl 2017 auf die Front-National-Chefin gesetzt wird? Flüchtlingshelferin Arrom reißt die Augen auf: „Dann haben wir noch mehr Probleme.“

Für Vendeville hingegen ist Marine Le Pen eine „Staatsfrau“, eine politische Figur „wie Wladimir Putin“, richtig bewundernswert. „Man muss doch jemanden wählen, der nicht in der Vergangenheit an der Macht war und alles verbockt hat. Nur sie wird es besser machen.“ Dann zögert er kurz, senkt seine Stimme. „Das hoffe ich zumindest.“

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