20. April 2017 · Kommentare deaktiviert für „Migranten sind für viele Libyer ein Geschäftsmodell“ · Kategorien: Afrika, Libyen · Tags: , ,

Zeit Online | 19.04.2017

Gefoltert und versklavt: Migranten erleben in Libyen Unmenschliches. Es gibt keine Regeln, die Schleppern Einhalt gebieten, sagt Migrationsexperte Leonard Doyle.

Interview: Andrea Backhaus

ZEIT ONLINE: Herr Doyle, am Wochenende wurden vor der Küste Libyens erneut Tausende Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Retter berichteten von Schusswunden und Folterspuren bei den Geflüchteten. Was widerfährt den Migranten in Libyen?

Leonard Doyle: Die Menschen geraten in Libyen in ein System von Ausbeutung und Gewalt. Wir wissen von Sklavenmärkten in Libyen, auf denen Migranten und Flüchtlinge als Arbeitskräfte verkauft werden. Frauen werden als Sexsklavinnen angeboten. Für die Männer kommt zu der Ausbeutung als Arbeitskraft hinzu, dass sie extrem schlecht behandelt werden. Viele werden von ihren Hausherren geschlagen und gefoltert.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das Geschäft auf den Sklavenmärkten?

Doyle: Es sind öffentliche Märkte. Viele Geschäftsleute gehen dort hin und kaufen für 200 bis 500 Dollar einen Menschen. Die Käufer können ihn dann für ihre Arbeiten ausnutzen, wie sie wollen. Die Migranten werden oft aus den Gefängnissen geholt und dann angeboten. Sie arbeiten auf Farmen, in der Landwirtschaft, im Haushalt. Die Frauen werden vor allem sexuell ausgebeutet. Das wissen wir aus vielen Berichten von Opfern.

ZEIT ONLINE: Wie viele Menschen sitzen in Libyen im Gefängnis?

Doyle: Es sind schätzungsweise 20.000 Migranten in libyschen Gefängnissen inhaftiert. Sie leben dort unter ganz unterschiedlichen Bedingungen. Einige sind in regulären Gefängnissen, zu denen Hilfsorganisationen und auch wir Zugang haben. Wir können dort zumindest eine Grundversorgung leisten, bringen Decken, Hygieneartikel – eben die Grundausstattung, damit die Menschen überleben können. Die meisten aber sitzen in Foltergefängnissen fest. Sie haben sehr wenig oder kein Essen, werden geschlagen und gefoltert, es gibt keinerlei hygienische Standards, Frauen und Männer werden zusammen auf kleinstem Raum gehalten. Das sind unmenschliche Zustände.

ZEIT ONLINE: Warum kommen die Migranten trotzdem?

Doyle: Man kann sagen: Die Menschen sind am Ende der Kette, sie sind Teil einer organisierten Tötungsmaschine. Sie verlassen ihre Heimatdörfer in Westafrika, in Nigeria, Gambia, Senegal, aber auch in Eritrea und Bangladesch, weil sie auf ein besseres Leben hoffen. Schmuggler erzählen ihnen, dass in Libyen Arbeit und Wohlstand auf sie warten und sie von dort einfach nach Europa aufbrechen können. Die Schlepper stellen inszenierte Erfolgsgeschichten auf Facebook und WhatsApp. Die Menschen lesen das und sehen einen Ausweg aus ihrer Armut und Perspektivlosigkeit. Sie haben keine Ahnung, was sie in Libyen erwartet. Sie ignorieren die Warnungen von Menschen, die die Gefahren vor Ort kennen.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Migranten, wenn sie in Libyen ankommen?

Doyle: Sie werden von Milizen entführt und festgehalten. Die Milizen nehmen ihnen das restliche Bargeld ab, alle Wertsachen und Papiere. Einige werden auf der Stelle erschossen. Die anderen werden zur Ware der Menschenhändler. Dieses System funktioniert vor allem deshalb, weil Libyen seit dem Sturz von Gaddafi ein failed state ist, ein Land ohne funktionierende staatliche Strukturen. Es gibt keine Regeln, die den Schleppern Einhalt gebieten könnten.
Libyen hat sechs Millionen Einwohner und ist doppelt so groß wie Frankreich. Man schätzt, dass etwa eine Million Migranten in Libyen leben. Die Migranten sind für viele Libyer ein Geschäftsmodell geworden, eine wichtige Einkommensquelle.

„Libyen ist zu einem Paradies für Schmuggler geworden“

ZEIT ONLINE: Wer profitiert von diesem Sklavenhandel?

Doyle: Die Milizen verwenden das Geld, das ihnen die Sklavenverkäufe bringen, für Waffen und Kampfmaterial. Viele ganz normale Libyer, Geschäftsleute, kaufen Migranten, um sie als Arbeitskräfte auszubeuten. Die Schmuggler, die die Menschen auf die Boote Richtung Europa setzen, bereichern sich daran. Sie verdienen mit den Überfahrten manchmal an einem Wochenende Hunderttausende US-Dollar. Andere foltern die Migranten, um von deren Angehörigen Lösegeld zu erpressen.
Das ist die große Tragik dahinter: Dass sich sehr viele Menschen wegen des Elends der anderen enorm bereichern können. Ein großes Problem sind die vielen Zwischenmänner, die die Menschen über Falschnachrichten in den sozialen Netzwerken nach Libyen locken. Dagegen brauchen wir dringend eine starke Handhabe.

ZEIT ONLINE: Das Internet hat den Menschenschmuggel befördert?

Doyle: Auf jeden Fall. In Westafrika gibt es schon seit Jahrhunderten Menschenschmuggel. Aber die modernen Kommunikationsmedien haben in den vergangenen fünf bis zehn Jahren dafür gesorgt, dass sich große Menschenmengen in Bewegung gesetzt haben. Ein Tweet kann eine enorme Reichweite haben. Man kann sagen: Der Umstand, dass es heute überall Smartphones gibt und niemand den Inhalt der Postings in den sozialen Netzwerken prüft, hat die libyschen Geschäftsmänner sehr reich gemacht.

ZEIT ONLINE: Inwiefern sind Politik, Polizei und Sicherheitsdienste in diese Geschäfte verwickelt?

Doyle: Wir haben keine Beweise dafür, dass sie es sind. Es ist aber klar, dass in einem gescheiterten Staat wie Libyen, in dem seit mehreren Jahren ein komplizierter Bürgerkrieg herrscht, alle Seiten überleben wollen. Die Lage in Libyen ist brandgefährlich: Es gibt zwei rivalisierende politische Fraktionen, Dutzende Milizen und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die weite Gebiete kontrolliert. Von offizieller Seite heißt es immer, dass die Horrorberichte von den Migranten nicht stimmen. Aber wir haben Dutzende Aussagen der Opfer. Sie haben keinen Grund, nicht die Wahrheit zu sagen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man gegen das Grauen vorgehen?

Doyle: Am effektivsten ist es, die Menschen in ihren Heimatländern darüber zu informieren, welcher Horror sie in Libyen erwartet. Da unterstützt auch Deutschland Projekte, die sich für die Aufklärung vor Ort einsetzen. Wir tragen die Aussagen der Opfer zusammen und verbreiten sie in deren sozialen Netzwerken, damit alle um sie herum wissen, was ihnen passiert ist. Am besten ist es, wenn die Menschen, die selbst in Libyen durch die Hölle gegangen sind, sich für die Aufklärung in ihrem Umfeld einsetzen. Denn die Zahl der Menschen, die nach Libyen kommen, ist noch immer enorm.

ZEIT ONLINE: Hilft es, härter gegen die Schlepper vorzugehen?

Doyle: Libyen liegt an einem wichtigen Punkt an der südlichen Grenze von Europa. Über viele Jahre war es ein wichtiges Land für Migranten aus Westafrika, die dort temporär mit guten Jobs Geld verdienen und dann zurückgehen konnten. Heute ist die Lage eine völlig andere. Libyen ist zu einem Paradies für Schmuggler geworden, die Menschen hemmungslos ausnutzen. Nur die Schleppernetzwerke zu bekämpfen ist sinnlos, solange Dutzende Menschen vor den Folgen des Klimawandels, der Armut und Arbeitslosigkeit in ihren Ländern fliehen und in Europa ein besseres Leben für sich sehen.

ZEIT ONLINE: Was sollte die EU in Libyen konkret tun, um die Ausbeutung von Migranten zu unterbinden?

Doyle: Niemand weiß genau, was in Libyen passiert, wer die Kontrolle hat, wie schlimm es noch werden kann. Es gibt keine zentrale Stelle, mit der man reden oder verhandeln könnte. Die EU versucht das Problem auf verschiedenen Ebenen anzugehen. Sie investiert in Informationszentren für Migranten, in Entwicklungsprojekte in den Herkunftsländern, sie versucht, die Küstenwache zu schulen und die Lage in den Gefängnissen zu verbessern. Das alles ist wichtig.
Aber man muss an einer organisierten Migration arbeiten. Zum Beispiel sollte es mehr Möglichkeiten geben, dass gut ausgebildete Menschen legal nach Europa kommen können. Man muss den Migranten die Möglichkeit geben, in Europa Geld zu verdienen und damit zurückzugehen, um in der Heimat Strukturen aufzubauen. Die Türen zuzuschlagen, wird das Problem nicht lösen. Die Lage in den Herkunftsländern muss verbessert werden, um den Menschen dort Perspektiven aufzeigen. Sonst werden sie sich immer wieder auf den Weg machen.

LEONARD DOYLE ist Pressesprecher bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

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