20. Juni 2017 · Kommentare deaktiviert für „Die Welt weiß nicht, wie ernst die Lage ist“ · Kategorien: Italien, Libyen · Tags:

Einblick in die Arbeit des Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) der italienischen Küstenwache im Rahmen eines Presseevents

FR | 20.06.2017

von Regina Kerner

Die Seenot-Retter in Rom koordinieren die Hilfe für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Sie retten viele Leben, doch viel zu oft können sie nichts mehr tun.

Es ist ungewöhnlich ruhig an diesem Vormittag in der Seenot-Rettungszentrale in Rom. Grund dafür könnte ein violetter Fleck auf der aktuellen Seewetterkarte sein. Auf einem riesigen Wandbildschirm leuchtet das Mittelmeer in hellem Türkis, nur in Richtung nordafrikanische Küste wird es düster. Das Violett steht für Wellen, die sich bis zu drei Meter hoch auftürmen, und es liegt genau vor Libyen.

Vermutlich tobt die Brandung an den Stränden nahe Zuwara und Tripolis. Dort legen die Schlauchboote ab, in die Menschenhändler Männer, Frauen und Kinder aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Asien zwängen. Vielleicht ist das Meer zu aufgewühlt, als dass die wackeligen Gummiboote aus chinesischer Produktion ablegen könnten. Das würde erklären, warum tausend Kilometer entfernt, in dem nüchternen, neonbeleuchteten Raum mit Glaswänden und Monitoren in Rom ausnahmsweise die Telefone still bleiben.

Hier im Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) der italienischen Küstenwache gehen die Notrufe ein, wenn die überfüllten Boote nach etlichen Stunden auf dem offenen Meer mit Wasser volllaufen und zu sinken beginnen. Dann hören die Küstenwache-Offiziere die verzweifelten Hilferufe von Menschen in Todesangst. Dutzende solcher Anrufe gehen an manchen Tagen ein, erzählt Filippo Marini, Sprecher des Generalkommandos. Die Schlepper geben den Menschen in den Schlauchbooten Satellitentelefone mit und die Nummer des MRCC. „Sie wissen, dass wir die Pflicht haben zu helfen“, sagt Marini. Vom rund um die Uhr besetzten Kontrollraum aus leitet die Küstenwache sämtliche Rettungseinsätze zwischen Italien und Nordafrika, in einem Meeresgebiet von 1,1 Millionen Quadratkilometern – das ist größer als Deutschland und Frankreich zusammen. Der bisherige Rekord wurde vergangenes Jahr an einem Augusttag erreicht: Die Retter in Rom kümmerten sich um 53 Schlauchboote gleichzeitig.

180 000 Bootsflüchtlinge sind 2016 auf der zentralen Mittelmeerroute gerettet und nach Italien gebracht worden. 60 000 waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. Es werden noch sehr viel mehr werden, glaubt Konteradmiral Vincenzo Melone, Generalkommandant und oberster Befehlshaber der Küstenwache. „Es geht um Millionen Menschen aus weiten Teilen Afrikas“, sagt er. Die meisten Migranten kommen aus Ländern wie Nigeria, Eritrea, Mali, Guinea, Senegal. Gerade in letzter Zeit sind aber auch sehr viele Pakistaner und Bangladescher darunter, die über Libyen nach Europa wollen.

Die Flüchtlingsrettung nimmt Italiens Küstenwache jedenfalls immer stärker in Beschlag. Dabei muss sie eigentlich vor allem Häfen, Schiffsverkehr und Fischfang kontrollieren. „Die enorme Anstrengung zehrt an uns“, sagt Melone, „wir stehen in vorderster Linie.“ Libyen und Tunesien haben sich im Gegensatz zu vielen anderen Staaten weltweit nie für die Seenot-Rettung auch jenseits ihrer zwölf Meilen breiten Hoheitsgewässer zuständig erklärt. Damit sind Melones Leute gezwungen, bis kurz vor der nordafrikanischen Küste zu operieren.

Er sei stolz, dass Italien so viel für die Rettung der Flüchtlinge tue, betont der Kommandant. Aber dem größten Teil Europas sei immer noch nicht bewusst, dass es sich um ein Phänomen von epochaler Dimension und Tragik handele, um einen historischen Exodus. „Die Welt weiß nicht, wie ernst die Lage ist“, sagt Melone.

Dass die Küstenwache an diesem Tag ausländische Journalisten eingeladen hat, soll dazu beitragen, dass sich das ändert. Von seiner Seite aus sei es ein „Schmerzensschrei“, sagt der 64-Jährige, erstaunlich emotional für einen hochrangigen Militärvertreter. Er erinnert an die vielen individuellen tragischen Schicksale, die hinter Begriffen wie Flüchtlingsstrom und Exodus stehen. Viele seiner 11 000 Untergebenen erleben sie tagtäglich hautnah. Videos der Küstenwache von Rettungseinsätzen zeigen erschütternde Bilder.

Die Hand eines Ertrinkenden etwa, die wie zum verzweifelten letzten Gruß aus den Wellen ragt. Ein Retter bekommt sie im letzten Moment zu packen. Sie zeigen weinende Männer, erschöpfte Schwangere und Kleinkinder. Was sie nicht zeigen, sind die aufgeschwemmten Toten, die Helfer fast täglich bergen müssen oder die Verletzten, deren Haut vom ausgelaufenen Treibstoff der Boote verätzt ist. Seit Beginn dieses Jahres sind nach einer Zählung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) schon mehr als 1800 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben, beim Versuch, die Festung Europa zu erreichen.

Sobald ein Notruf in der Rettungszentrale in Rom eingeht, zählt jede Sekunde. Die Offiziere müssen so viele Informationen wie möglich vom Anrufer erfragen. Aber auf den Schlauchbooten haben sie es mit verängstigten Menschen zu tun, die von Seefahrt keine Ahnung haben und ein Kauderwelsch aus Englisch, Arabisch oder afrikanischen Dialekten sprechen. Der Kontrollraum arbeitet mit Übersetzern in 27 verschiedenen Sprachen zusammen. Kennt der Anrufer die Koordinaten des Bootes nicht, wird der Satellitentelefon-Betreiber Thuraya in den Vereinten Arabischen Emiraten eingeschaltet. Er kann anhand der Verbindungsdaten dessen Längen- und Breitengrad ermitteln.

Die Rettungszentrale in Rom gibt die Daten dann an Flugzeuge und Hubschrauber von Küstenwache und Militär weiter sowie an Schiffe, die in der Nähe sind. Ein zweiter Großbildschirm im Kontrollraum zeigt die Position Tausender Schiffe in Echtzeit als leuchtende Punkte im Mittelmeer an – Containerschiffe und Öltanker, Fregatten der EU-Grenzschutzagentur Frontex und des europäischen Sophia-Einsatzes, Patrouillenboote der Küstenwache und private Rettungsschiffe von Ärzte ohne Grenzen, Sea Watch, SOS Mediterranee und anderen Hilfsorganisationen.

Die Offiziere in Rom können anhand des automatischen Identifikationssystems AIS Nationalität, Größe, Geschwindigkeit, Ladung und Kurs jedes einzelnen Schiffes abrufen. Sie entscheiden, wer zur Rettung geschickt wird, wer die Flüchtlinge an Bord nimmt, wer sie ans Festland bringt. Verweigern darf sich kein Schiff, das gebietet das internationale Seerecht.

Je besser die Rettung funktioniere, desto höher sei der Anreiz für Migranten, die Überfahrt zu wagen und desto stärker beflügele es das Geschäftsmodell der kriminellen Schlepper, argumentieren Kritiker. Manche reden gar vom Pull-Faktor oder von einem Taxi-Dienst zwischen Libyen und Italien, den Hilfsorganisationen anböten, die angeblich mit Schleppern zusammenarbeiteten.

Natürlich kalkulieren die Menschenhändler ein, dass Retter herbeieilen, wenn sie Flüchtlinge auf seeuntüchtige Schlauchboote zwängen. Das wissen auch die Leute der Küstenwache. Aber dass sie niemanden ertrinken lassen dürfen, versteht sich von selbst. Konteradmiral Melone denkt lieber über Lösungen nach. „Dieser enorme Strom muss gelenkt werden. Und dazu braucht es viele Kräfte und eine langfristige Vision“, sagt er. Stoppen könne man die Menschen nicht, solange sich in ihren Heimatländern nichts ändert. „Wenn die Leute nicht so verzweifelt wären, würden sie ihr Zuhause nicht aufgeben.“

Deshalb müsse man in Afrika und anderswo investieren, Arbeit schaffen, eine lebenswerte Zukunft aufbauen. Kurzfristig ändern kann jedoch nur eine UN-Resolution etwas, glaubt der Küstenwache-Kommandant. „Es müssen humanitäre Korridore nach Europa eingerichtet werden“, sagt er. Dann könnten die Flüchtlinge schon in Nordafrika Asylanträge stellen, ohne erst Kriminellen Tausende Dollar zahlen und ihr Leben in Schlauchbooten riskieren zu müssen.

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