14. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlingslager in der Wüste: Gefangen im Niemandsland“ · Kategorien: Jordanien, Syrien · Tags: , ,

taz | 13.07.2017

An der geschlossenen jordanischen Grenze sitzen mitten in der Wüste zehntausende Geflüchtete fest. Hilfe kommt nur spärlich durch.

Marianne Sievers

RUKBAN taz | Wenn Maryam morgens die Plane ihres selbst gebauten Zeltes hochhievt, sieht sie nichts als Staub. Kein Horizont in Sicht, keine Perspektive. Vor zwei Tagen erst fegte wieder ein Sandsturm unbarmherzig über alles hinweg, was sich ihm entgegenstellte. Er zerriss die Planen und Seile, zerstörte die einfachen Behausungen. Mitten im Niemandsland versucht Maryam, mit ihrem Mann, ihrer alten Mutter und zwei kleinen Kindern zu überleben. Niemandsland, weil es für niemanden gedacht ist, weil es niemandem gehört und weil in diesem Stück Wüste eigentlich auch niemand sein sollte.

Eigentlich. Mit Maryam harren rund 80.000 Syrerinnen und Syrer in dem Flüchtlingslager aus. Die meisten sind Frauen und Kinder. Geflohen sind sie vor Krieg und Terror, von wem auch immer er ausging. Sie haben sich zwischen zwei Erdwällen niedergelassen, in einer demilitarisierten Zone zwischen Syrien und Jordanien. Rukban heißt dieser karge Teil der Wüste im Süden Syriens.

Kein Strauch ist zu sehen, kein Schutz zu finden. Hin und wieder rasen Beduinen in ihren Pick-up-Geländewagen an der demilitarisierten Zone vorbei. Ihre Vorfahren haben sich über Generationen auf ein Leben in der Wüste eingestellt. Nicht so die Geflohenen. Die südsyrische Wüste war nicht ihr Ziel, sie wollten weiter nach Jordanien. Doch die Grenze, die so verheißungsvoll nahe vor ihnen liegt, ist geschlossen.

Luis Eguiluz arbeitet in Jordanien für Ärzte ohne Grenzen. „Es gibt nichts in Rukban. Sie sitzen fest“, sagt er. Trotzdem reißt der Strom der nach Rukban Flüchtenden nicht ab. Kämpfe in Rakka, Dera’a und bei Palmyra haben die Zahl der hier Schutz Suchenden zuletzt erneut steigen lassen. Ein Leben im Niemandsland scheint für viele noch immer die beste aller Optionen zu sein. „Sie sind Opfer von allen Seiten“, sagt Eguiluz, „am Ende fühlen sie sich hier trotz der schlechten Situation zumindest besser vor Gewalt geschützt. Die Lebensgefahr ist geringer.“

Unter einer grauschwarzen Wolke

Viele in Rukban flohen vor dem sogenannten Islamischen Staat, andere vor den Gruppen Assads. Sucht man bei Google Maps nach dem Dorf Maheen, aus dem Maryam und ihre Familie kommen, erscheint eine grauschwarze Wolke, die sich über die flachen Häuser des Dorfes erhebt und in den sattblauen Himmel emporsteigt. Es ist die Aufnahme von einem russischen Luftangriff.

Als Maryam mit ihrer Familie in Rukban ankommt, ist von ihrem Proviant nichts mehr übrig. Kein Wasser, kein Essen und kaum Geld. Schlepper und Schutzgelder sind teuer. Maryams Mutter berichtet: „Wir haben in der Wildnis geschlafen.“ Im Lager angekommen, wollte die Familie schnell weiter nach Jordanien. „Nun sind wir seit 18 Monaten hier.“

Im Sommer 2014 kommen die ersten Schutzsuchenden in Rukban an. Es ist die letzte Möglichkeit, noch ins sichere Jordanien zu gelangen, nachdem das Königreich alle anderen Grenzübergänge geschlossen hat. Mehrere Hundert Flüchtlinge täglich lässt die Regierung in Amman anfangs einreisen. Doch infolge der russischen Luftangriffe ab September 2015 schießt die Zahl der Zuflucht Suchenden in die Höhe. Ein halbes Jahr später stauen sich laut Human Rights Watch 70.000 Menschen an der Grenze.

UN-Jeeps nur in der Ferne

Dann erschüttert der erste Anschlag das Camp. Im Juni 2016 reißt ein Attentäter sechs jordanische Soldaten mit in den Tod. Das Königreich schließt sofort seine Grenze. So gut wie niemand darf sie noch passieren, auch Hilfslieferungen kommen nicht mehr durch. Seitdem müssen die Menschen in Rukban weitgehend ohne fremde Hilfe auskommen. Lediglich vier größere Lieferungen haben das Lager im vergangenen Jahr erreicht. Für das mittlerweile fünftgrößte Flüchtlingslager der Welt reicht das hinten und vorne nicht.

Selbst ohne die aus anderen Camps bekannten Zelte des Flüchtlingshilfswerks UNHCR müssen die Menschen in Rukban auskommen. Ein offizielles UN-Flüchtlingslager muss mindestens fünfzig Kilometer von Konfliktzonen sowie Landesgrenzen entfernt sein. Rukban liegt direkt an der Grenze. Keine zehn Kilometer entfernt von hier ist der strategisch wichtige Grenzübergang al-Tanf an der Autobahn Damaskus–Bagdad. Dort kommt es zu Anschlägen und Luftangriffen.

Nur in der Ferne sehen die Bewohner manchmal UN-Jeeps und Lastwagen der jordanischen Armee. Ihr Ziel ist nicht das Camp, sondern ein sogenannter Servicepoint der Vereinten Nationen. Im Dezember letzten Jahres wurde er auf der jordanischen Seite des Erdwalls erbaut. So können die UN zumindest – wenn auch nur dürftig – Hilfe leisten.

Schlaglöcher und Sand

Fast zwei Stunden brauchen die Nothelfer für die fünfzig Kilometer vom jordanischen Ruwaished aus dorthin. Sie donnern über die Sandpiste, werden von Schlaglöchern und Fahr­rillen hin und her geworfen, der aufgewirbelte Sand verstopft die Atemwege.

Rund zehn Metallcontainer haben die UN in der zumindest bisher sicheren Entfernung von sieben Kilometern zum Camp aufgebaut. Stacheldraht wölbt sich um die Außenseiten der weißen Container, Metall kratzt auf Metall. Schwer bewaffnete jordanischen Soldaten, schussbereit in Panzern und Militärfahrzeugen sitzend, schlagen die Zeit tot. Der Sand knirscht in den Scharnieren, wenn sie die Türen zum Schichtwechsel öffnen.

Im spärlichen Schatten, den einer der Container wirft, sitzt Maryams Mutter. Sie durfte ihre hochschwangere Tochter zum Servicepoint begleiten und wartet nun. Genügend Stühle für sie und die Handvoll anderer Mütter mit ihren Kleinkindern gibt es nicht, doch immerhin verteilen NGO-Mitarbeiter Essen für die mangelernährten Kinder. Heute gibt es sogar noch etwas Reis, Hühnchen und Cola – Reste des Caterings, das für die Soldaten und Journalisten bereitgestellt wurde. Immerhin: Wer in den Servicepoint gelassen wird, wird satt.

„Die Tür des Erbarmens“

Maryam erzählt: „Es war schwierig, zum UN-Servicepoint zu kommen. Ich habe zwei Wochen versucht, einen Termin zu bekommen. Gott hat die Tür des Erbarmens für mich geöffnet, alhamdulillah.“ Die Ärzte haben ihr wegen ihrer früheren zwei Kaiserschnitte nun sogar versprochen, dass sie ihr Kind in einem jordanischen Krankenhaus zur Welt bringen kann.

Damit wird Maryam bald zu den 221 Patientinnen und Patienten aus Rukban gehören, die bislang in ein jordanisches Krankenhaus gebracht wurden, weil sie im Servicepoint selbst nicht behandelt werden konnten. Nach dem Krankenhaus aber müssen sie zurück nach Rukban. Dorthin, wo Erdlöcher als Toiletten dienen und es ­Duschen erst gar nicht gibt.

3.936 weitere Menschen wurden im Servicepoint selbst behandelt. Dabei hätten es nach Auskunft eines UNHCR-Arztes sehr viel mehr sein können, bis zu 33.000. „Die Stämme sind verantwortlich dafür, uns hier rein- und rauszubringen“, erklärt Maryam. Auch sie hat es nur deshalb zum Servicepoint geschafft, weil sie Kontakte hatte. Die Tribal Army, ein Zusammenschluss verschiedener Rebellengruppen, die der Freien Syrischen Armee nahestehen, ist Jordaniens Verbündeter auf syrischer Seite. Sie ist für den Transport der Kranken vom Camp zum Checkpoint zuständig.

Die Stämme und die Tribal Army

Die Tribal Army vertritt längst nicht alle im Camp agierenden Stämme. „Wir nehmen an, dass der Grad der Befangenheit in ­Bezug auf die Gesundheitsversorgung sehr hoch ist“, sagt auch Eguiluz von Ärzte ohne Grenzen. „Wir sind sehr besorgt über diese Art von Missbrauch“, klagt der Helfer.

Die Stämme rivalisieren miteinander, oft kommt es zu Kämpfen innerhalb des Camps. Die stärkste Fraktion behält das Sagen. „Es gibt keine oberste Autorität im Camp“, sagt Eguiluz. Dieses Machtvakuum macht sich der IS zunutze. Auch den vierten Anschlag in diesem Jahr, bei dem Attentäter wieder jordanische Grenzposten angriffen, reklamierte die Terrormiliz er für sich.

Um 16 Uhr verlassen die weißen, kugelsicheren UN-Fahrzeuge die unwirkliche Gegend in einer Kolonne. Die Nothelfer machen sich wieder auf den Weg in die Zivilisation. Zurück bleiben die auf dem Boden kauernden Frauen. Sie versuchen, ihre Kinder vor Hitze und Staub zu schützen, indem sie sie in Decken einwickeln.

Schmale Kindergesichter

Wer nur den Servicepoint gesehen hat, erahnt zumindest, wie es im Lager Rukban selbst aussieht. YouTube-Videos von Helfern, die Zutritt hatten, zeichnen das Bild eines Provisoriums. Zusammengeflickte Planen, dazwischen Gruppen verloren wirkender Kinder. Die jungen Gesichter sind schon gezeichnet von einem Leben in Entbehrung. Auch Maryams ausgetrocknete, wettergegerbte Hände, die unter ihrem langen schwarzen Gewand hervorschauen, erzählen von den rauen Lebensbedingungen. Vereinzelt Hütten aus Lehmziegeln – erbaut von Menschen, die nach fast drei Jahren nicht mehr an Rückkehr in die Heimat oder ein Weiterziehen glauben.

Ein Militärtransporter bringt Maryam, ihre Mutter und die anderen jungen Mütter kurze Zeit später zurück, er rast mit ihnen über die Sandpiste in Richtung Checkpoint. Auf dem harten Boden des Laderaums sitzend, drücken die Frauen mit einem Arm ihre Kinder an sich, mit dem anderen versuchen sie, sich an den Metallstangen im Wageninneren festzuhalten, damit sie von den Schlaglöchern nicht allzu sehr hin und her geworfen werden. Durchgerüttelt klettern sie aus dem Planwagen. Hinter dem Stacheldraht wartet auf sie das trostlose Camp.

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