15. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für Marokko: „Vive le Rif!“ · Kategorien: Marokko · Tags:

junge Welt | 15.07.2017

Wer protestiert, kommt in Marokko ins Gefängnis. Doch die Demonstranten lassen sich nicht unterkriegen

Von Gerrit Hoekman

Unerschrocken: In Marokko gehen die Frauen trotz zahlreicher Festnahmen auf die Straße
Foto: Youssef Boudlal/REUTERS

Silya muss vor Gericht. Die 23jährige Sängerin aus Marokko, die eigentlich Salima Ziani heißt, soll die innere Sicherheit des Landes gefährdet haben. Denn die Künstlerin gehört zu den kräftigsten Stimmen der »Hirak«-Bewegung, die im marokkanischen Rif-Gebirge seit Monaten einen sozialen Aufstand gegen die Regierung probt. Ziani wird vorgeworfen, sich an einer unerlaubten Demonstration beteiligt zu haben. Anfang Juni wurde sie festgenommen, seit Mittwoch wird sie verhört.

»Wir fordern heute ihre Freilassung«, erklärte Zianis Vater noch am selben Tag gegenüber der marokkanischen Zeitschrift Telquel. Ihrem Anwalt zufolge leidet die Sängerin seit der Verhaftung an Depressionen. Ihre Festnahme hat zu einer Welle von Solidaritätskundgebungen geführt, auch der berühmte arabische Komponist und Protestbarde Marcel Khalifé spricht Ziani aus dem fernen Libanon Mut zu.

Am vergangenen Samstag räumte die Polizei vor dem Parlament in der Hauptstadt Rabat eine friedliche Sitzblockade von Frauen, die »Hirak« unterstützen. Ein von der deutschsprachigen Nachrichtenseite Maghreb Post verbreitetes Handyvideo zeigt, wie brutal die Beamten dabei vorgehen. Die Frauen werden beleidigt, getreten, geschlagen. Dazu lieferte »Human Rights Watch« Augenzeugenberichte, die das gewaltsame Vorgehen in dem Video bestätigen. »Trotz der Repression: Die Mobilisierung der Frauen wird nicht aufhören«, versicherte eine Sprecherin der Frauen vergangenen Sonntag gegenüber dem Sender Al-Dschasira.

Als im vergangenen Oktober in der Hafenstadt Al Hoceima ein Fischverkäufer, der seine von der Polizei konfiszierte Ware retten wollte, in der Presse eines Müllwagens starb, war das Maß voll. Das Unglück geriet zum Fanal: Schaut her, so behandelt uns die Zentralregierung! Aus dem Protest heraus gründete sich wenig später die immer größer werdende Gruppierung »Hirak Rif«, »Hirak« bedeutet »Bewegung«. Mittlerweile hat sie sich über ganz Marokko und bis ins Ausland verbreitet.

Im Rif-Gebirge mit der Provinzmetropole Al Hoceima fühlen sich die Menschen seit langem von der Regierung benachteiligt. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher als im Rest des Landes, besonders unter den Jüngeren. Die medizinische Versorgung ist schlechter, die Ausstattung der Schulen auch. Korruption und Veruntreuung bestimmen Politik und Behörden. Also weg von dort: Die Jugendlichen aus dem Rif stellen einen großen Anteil aller Marokkaner, die in der EU ein neues Leben beginnen wollen. Für Deutschland aber ist Marokko ein »sicheres Herkunftsland«.

Aktuell sitzen laut »Human Rights Watch« mindestens 185 Personen aus dem Widerstand im Gefängnis. Mehrere Aktivisten sind in den vergangenen Wochen verurteilt worden, mit Haftstrafen bis zu 18 Monaten. Ein Strafmaß, das auch der Sängerin Silya droht. Sie ist in den vergangenen Wochen in die Lücke gestoßen, die Nasser Zefzafi hinterlassen hat.

Zefzafi ist das Gesicht der Bewegung, er sitzt bereits seit Ende Mai in U-Haft und wurde dabei misshandelt. Er stammt aus einer Politikerfamilie in Al Hoceima, sein Großvater war in den 1920ern Innenminister der kurzlebigen Rif-Republik. Sein Vater war ein unermüdlicher Streiter für die Nationale Union der Volkskräfte und ihren Nachfolger, die Sozialistische Union der Volkskräfte.

Anstatt den Protest zu lähmen, stacheln die Verhaftungen ihn an. In Al Hoceima, dem Epizentrum des Widerstands, gerieten Polizei und Demonstranten Ende Juni heftig aneinander. 60 Personen wurden verhaftet. Ministerpräsident Saad Eddine El Othmani kündigte am Donnerstag eine Reise durch die Region an, um sich ein Bild zu machen. »Ich bin mir bewusst, dass einige Regionen im Königreich nicht von dem Fortschritt der letzten Jahrzehnte profitiert haben«, zitiert ihn das britische Blatt Daily Mail.

Der allmächtige König Mohammed VI. schlüpft unterdessen in die Rolle des besorgten Landesvaters. In einem Statement von Ende Juni teilte das Pressebüro des Monarchen mit, Seine Hoheit sei enttäuscht von der Regierung. Es gebe mehrere Projekte für das Rif, die einfach nicht vorankämen. Er habe deshalb für alle Minister eine Urlaubssperre verhängt. Der Geheimdienst wird ihm zugetragen haben, dass die Rufe »Es lebe der König!«, die auch auf den Demonstrationen im Rif noch zu hören waren, weniger werden.

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