16. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlingsfamilien: Warten auf ein Wiedersehen in Deutschland“ · Kategorien: Deutschland, Griechenland · Tags:

ARD Tagesschau | 16.07.2017

Sie sitzen oft lange in Griechenland fest und haben nur ein Ziel: ihren Angehörigen nach Deutschland folgen zu dürfen. Doch bei der Familienzusammenführung von Flüchtlingen tritt die Bundesregierung auf die Bremse.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Istanbul

Sprachunterricht in Thessaloniki bei der Flüchtlingshilfe von „Naomi“: Fatima aus Syrien sitzt mit leuchtenden Augen im kleinen engen Klassenzimmer und bekommt Lob von ihren beiden Lehrerinnen. Denn sie hat schon viel gelernt. „Ich heiße Fatima Achmad, ich komme aus Syrien. Ich wohne in Thessaloniki. Ich denke, ich möchte nach Deutschland gehen. Ich möchte meinen Sohn sehen. Und maybe das ist not richtig. Aber ich versuche“, sagt sie.

Sohn wartet in Frankfurt

Und wie sie versucht, möglichst schnell noch besser Deutsch zu lernen. Die 5-fache Mutter hofft, mit dem in Griechenland festsitzenden Teil ihrer Familie bald weiterreisen zu dürfen nach Frankfurt. Dort ist ihr Sohn inzwischen 14 geworden, der Sohn, den sie vorgeschickt hatten, als es über die Balkanroute noch schnell nach Deutschland ging.

„Die Situation ist verherrend in meiner Heimat Syrien“, sagt Fatima. Sie erzählt von Bomben und Gewalt. Es gebe „keine Schule für die Kinder, so gut wie keine medizinische Versorgung. Und meinen Sohn hätten sie in den Krieg geschickt.“ So habe die Familie keine andere Wahl gehabt und die Heimat verlassen müssen.

Bundesregierung bremst bei Familienzusammenführung

Menschlich gesehen hat diese Frau ein Anrecht hat auf rasche Familienzusammenführung. Doch was bisher nicht offiziell bestätigt wird aus dem Bundesinnenministerium in Berlin, wirkt sich in den Aufnahmelagern in Griechenland für zigtausende Flüchtlinge ähnlich bitter aus: Die Verantwortlichen nicht nur in Berlin, sondern auch im Migrationsministeirum in Athen haben bei der Familienzusammenführung kräftig auf die Bremse gedrückt. Das Bundesinnenministerium bestätigt auf Nachfrage einen starken Rückgang der Fallzahlen.

Dorothe Vakaris, die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde in Thessaloniki, versucht in ihrer Hilfsorganisation „Naomi“ das schlimmste Leid zu lindern. „Griechenland ist zum Aufbewahrungsstaat geworden. Und es gibt für diese Warteschleife keine Programme, keine Aussichten, auch wenig Informationen“, sagt Vakaris. „Die Menschen wissen nicht, wann werden sie jetzt weiterreisen können? Wann werden die Familien wieder vereinigt sein, die über viele Monate oder manchmal auch über Jahre getrennt sind.“

Fatima aus Syrien mag Deutschland nicht die Schuld geben für ihre quälend lange Wartezeit. Sie möchte einfach nur dorthin, dort sei vieles besser, ist sie sich sicher.

„Ich muss stark bleiben“

Ihr Sohn habe jetzt in Deutschland lange genug alleine bei einer anderen Famlien klar kommen müssen ohne seine Mutter: „Er braucht mich jetzt nach den zwei Jahren allein. Ich vermisse ihn sehr“, sagt Fatima. „Eigentlich könnte ich ständig losheulen – auch wenn ich mal mit ihm am Telefon spreche. Aber ich muss stark bleiben, immer muss ich das tun als Mutter. Ich muss ihn auch auf diese Distanz beschützen. Wenn ich meine Kraft verliere, verliere ich meine Familie.“

Nicht alle Flüchtlinge, die seit langem auf Famlienzusammenführung warten, gehen damit so geduldig und stark um wie Fatima. Vakaris sagt, es sei ein Skandal, dass Deutschland als reiches Land diesen einigen tausend in Griechenland wartenden Menschen nicht schnell eine humanitäre Lösung anbietet. „Dieses Ausgeliefert Sein ist für die Menschen sehr schwer zu ertragen. Und ich denke, es gibt nicht die Strukturen, die Menschen in dieser Situation wirklich begleiten und auffangen zu können“, sagt Vakaris. „Es gibt viel zu wenig Sozialarbeiter, es gibt viel zu wenig Juristen, die solche Verfahren intensiv begleiten könnten.“

Ehrenamtliche Helfer frustriert

Die vielen ehrenamtlichen Helfer, die in Griechenland versuchen, Flüchtlinge möglichst gut zu begleiten, sind deshalb auch immer wieder überfordert. Viele sind inzwischen auch frustriert.

Mit schuld an der Situation, meint die ehemalige evangelische Pfarrerin in Thessaloniki, sei die Bundesregierung, die ganz bewusst auf eine humanitäre Geste, auf schnelle Familienzusammenführung im Moment verzichte. „Ich habe den Eindruck, dass das politisch einfach nur benutzt worden ist, um vor den Wahlen jetzt bestimmte Bevölkerungsgruppen weiterhin zu beruhigen.“

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