18. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für „Nullkommanull“ · Kategorien: EU · Tags:

Süddeutsche Zeitung | 17.07.2017

Europa lässt Italien mit dem Flüchtlingsproblem allein. Das geht nicht mehr lange gut. Italien braucht Solidarität.

Von Mario Fortunato

Dimitris Avramopoulos ist EU-Kommissar für Migration. Ich würde ihm an dieser Stelle gerne einen Vorschlag polittouristischer Art unterbreiten. Er könnte doch unseren Mitbürgern aus Nordeuropa kostenlose Urlaubsreisen an den Küsten von Kampanien, Kalabrien, Apulien und Sizilien anbieten; die Plätze könnte man verlosen, mit speziellem Vorzugsrecht für die aus Ländern wie Österreich und Ungarn stammenden Interessenten, die der Idee anhängen, die eigenen nationalen Grenzen seien der Zaun ums Eigenheim.

Solche Ferienfahrten würden nicht nur die europäische Integration fördern, sondern gleichzeitig für eine schärfere Wahrnehmung des Migrationsproblems sorgen, was insbesondere EU-Kommissar Avramopoulos am Herzen liegen müsste. Man kann davon ausgehen, dass sich die EU-Bürger aus dem Norden beim Bad im Mittelmeer recht bald inmitten einer Anlandung Tausender Afrikaner wiederfinden würden, zwischen Menschen, die vor Krankheit, Hungersnöten und Diktatoren geflohen sind, vielen unbegleiteten Kindern, schwangeren Frauen, Sterbenskranken und Invaliden. Ich nehme an, dass diese Erfahrung, obgleich chaotisch und vielleicht hier und da beklemmend, von entscheidendem pädagogischen Wert wäre: Was soll man anfangen mit ihnen, die nun mal da sind, diesen tragischen Gestalten von elternlosen Kindern, schwangeren Frauen? Soll man sie an Ort und Stelle erschießen? Mit einer „Pizza Zyanid“ vergiften? Auf eleganten Kreuzfahrtschiffen unter der knatternden Flagge Luxemburgs nach Libyen zurückschicken? Oder sollte man ihnen nicht doch Unterschlupf gewähren und versuchen, mit dieser so entsetzlichen wie grenzenlosen Notsituation fertig zu werden? Sollten wir Europäer, die die Werte von Zivilisation und Demokratie so gerne im Munde führen, nicht nur als Nationen, sondern auch als Individuen, nicht doch zur Hilfe bereit sein?

Mir ist bewusst, wie schwer es sein muss zu verstehen, was in den vergangenen Monaten an den Küsten Süditaliens und Südeuropas geschehen ist, wenn man Tausende Kilometer entfernt lebt. 2016 haben insgesamt 180 000 Immigranten Italien erreicht, in diesem Jahr sind es schon jetzt mehr als 100 000. Die Anlandung von Flüchtlingsbooten setzt sich unvermindert fort, ohne dass eine Lösung in Sicht wäre, und das in einer Gegend – was nicht vergessen werden darf -, in der die Jugendarbeitslosigkeit zu den höchsten Europas zählt und die organisierte Kriminalität unvergleichlich mächtig ist. Ich war vor wenigen Tagen im kalabrischen Crotone, der Region, in der ich geboren bin. Jeden Tag kamen im Durchschnitt 1 000 Flüchtlinge an. An einem Nachmittag hörte ich, dass 3600 von ihnen an der Küste eingetroffen seien – genauso viele, wie mein Geburtsort Einwohner hat.

An der Migrationsfrage wird sich das Schicksal der EU entscheiden

Italien alleine schafft es nicht, kann es nicht schaffen. Wir sind kein Land, das sich durch seine organisatorischen Fähigkeiten besonders hervortun würde, und unsere Kommunen besitzen weder die sozialen noch die sanitären Strukturen, um diesem massiven und kontinuierlichen Ansturm standzuhalten. Es gibt viele freiwillige Helfer, und auch die Kirche trägt das Ihre bei (ich bin nicht katholisch, aber es wäre schäbig, diesen Beitrag nicht anzuerkennen). Dennoch könnte die Situation von einer Sekunde zur anderen explodieren. Und zumindest in diesem Fall scheint es mir nicht korrekt zu sein, wieder mal nur den italienischen Staat für sein Unvermögen und seine Versäumnisse anzuklagen.

Zweifellos hat die Politik das Problem unterschätzt, und es dem organisierten Verbrechen überlassen, seine Geschäfte auszudehnen (vom Kinder- und Menschenhandel über die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte bis zur Prostitution). Und sowohl die öffentliche als auch die veröffentlichte Meinung haben sich auf dümmliche Weise damit unterhalten, streng zwischen Kriegsflüchtlingen (allen voran den syrischen), denen man, zwar verdrießlich, aber dennoch Asyl gewähren sollte, und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterscheiden – als sei es politisch nicht korrekt und unseres Wohlwollens unwürdig, das eigene Land aus Hunger zu verlassen.

Aber wenn die italienische Politik nicht selten kurzsichtig war, so hat sich die europäische bisher als geradezu blind erwiesen. Vor nicht allzu langer Zeit hat sie einem Diktator wie Recep Tayyip Erdoğan mehrere Milliarden Euro gezahlt, damit die sogenannte Balkanroute geschlossen werden konnte, womit die Sache mehr oder weniger erledigt war. In der Zwischenzeit hat sich das Mittelmeer in eine Art Friedhof verwandelt, auf dem jeden Tag Tausende ihr Leben verlieren. Falls sie aber durch Schiffe aus aller Herren Länder oder von Nichtregierungsorganisationen aus dem Meer gerettet werden, liefert man sie infolge eines infamen Vertrags ausschließlich an italienischen Küsten ab. Und dann faselt man etwas von Hotspots und wirft mit anderen dummen Begriffen um sich, die die Wirklichkeit versüßen sollen: Die Flüchtlinge aber hausen in Lagern unter unwürdigen Bedingungen, während der junge und gut gelaunte Macron sich Trump zuwendet, um mit ihm zu scherzen, so wie es ein großer Teil Europas macht.

Es ist wohl nicht übertrieben festzustellen, dass sich am Migrationsproblem das Schicksal der EU entscheiden wird. Jedenfalls handelt es sich um ein Thema, das unsere Heuchelei offenbart: Du kannst so viel über die Werte der Zivilisation reden, wie du willst – sobald sich aber zeigt, was die Auffanglager konkret bedeuten, erkennt auch der Dümmste, dass der König nackt ist. Darüber hinaus ist offensichtlich, dass ein Großteil der Süditaliener inzwischen genauso wenig an Europa glaubt, wie ich an den Weihnachtsmann: In der Tat, wo bleibt dieses Europa, wenn es um die Verteidigung und den Schutz der eigenen Grenzen geht, zu denen auch die süditalienischen Küsten gehören? Welchen politischen Plan zur sozialen Integration und zur Verteilung der Flüchtlinge auf ihrem Gebiet hat die EU bisher erarbeitet und verwirklicht? Welche Initiativen hat sie ergriffen und welche Fonds für Afrika bereitgestellt, wo das Problem seinen Ursprung hat?

Das alles sind Fragen, auf die man weder echte noch faktische Antworten erhält. Der ein oder andere bereitwillige Minister tut, was er kann, der ein oder andere ernsthaftere EU-Kommissar setzt alles daran, keine Zeit zu verlieren, aber in der Zwischenzeit greift das Problem weiter um sich und die Europäische Union bringt nichts anderes zustande, als über so lächerliche wie beschämende Nullkommastellen bei den Haushalten zu streiten.

Aus dem Italienischen von Jan Koneffke

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