27. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlinge in Serbien: Ein Leben ohne viel Hoffnung“ · Kategorien: Balkanroute, Serbien, Ungarn · Tags:

Deutschlandfunk Kultur | 26.07.2017

Seit Ungarn seine Grenze dicht gemacht hat, dürfen nur noch fünf Geflüchtete pro Tag den Grenzzaun passieren. Wer illegal übertritt, wird zurück nach Serbien geschickt. Das Land droht damit vom Transitland zu einer der größten Wartehallen für Flüchtlinge im Herzen Europas zu werden.

Grenzübergang Horgos. Der Fahrer verlässt die Autobahn, wir folgen einem Schleichweg. Zwischen Feldern. Meterhohes Schilfgras, Lehmwege. Dann flattern  ein halbes Dutzend Zelte im Wind vor uns. Der Geruch von Gaskochern und Reis in der Luft.

„Hier ist die Grenze nach Ungarn. Drüben, auf ungarischer Seite, stehen die Container. Ein geschlossenes Lagersystem. Die Flüchtlinge werden durch eine Schleuse mit Stacheldraht geführt. Dann verschwinden sie in den Containern drüben. So endet das für uns hier.“

Amir, stämmig, mit Schnäuzer und Baseballcap, ist Anfang 20. Er hat den Iran verlassen im vergangenen Jahr. Politischer Druck, sagt er nur.

„Ich bin ein community leader hier. Wir helfen den anderen Flüchtlingen hier. Wir machen das für die Grenzbehörden und die UN, bevor die Leute hier früh am Morgen in die ungarische Transitzone wechseln.“

Hamid kommt aus Afghanistan, Ende 20. Er schnippelt Kartoffeln im Zelt über dem Kochtopf. Auch er einer der inoffiziellen Ordner hier.

„Bevor die Flüchtlinge in die Transitzone rüber nach Ungarn gelassen werden, verbringen die Familien hier eine Nacht. Wir geben ihnen Essen, Kleidung, sagen ihnen, was auf sie zukommt beim Wechsel in die Transitzone. Das Prozedere folgt einem genauen Plan. Jeden Morgen um Punkt 8 Uhr oder 8:15 Uhr findet der Transfer statt.“

Eingepfercht wie Kriminelle

Der Grenzzaun und die Aussicht, über Monate hinweg in metallenen Containern wie Kriminelle eingepfercht zu sein, macht ihnen Angst. Amir und Habib hoffen, dass sich zumindest ihre Arbeit als Ordner auszahlt.

„Vor einem Monat durfte man noch rüber, wenn man wie wir als Ordner geholfen hat. Legal, für 28 Tage Aushilfe. Aber jetzt haben die Regeln geändert. Ich bin seit acht Monaten in Serbien jetzt und will unbedingt weg hier. Nach Österreich, Deutschland oder Belgien.“

Hamid findet, dass die EU sich hinter Ungarn versteckt. Er sagt das höflich. Skeptisch auch, ob seine Worte überhaupt die Verantwortlichen erreichen.

„Ich fordere die EU auf, sich für eine bessere Lage der Asylbewerber hier einzusetzen. Aber leider lässt man uns hier ausharren, wie in einer Sackgasse.“

Sorgen und Bitterkeit dieser jungen Männer vermengen sich mit den Resten eines Traums, der gerade vor ihren Augen zugrunde zu gehen scheint.

„Weißt du, das hier ist nicht Europa, ich meine Serbien. Ungarn dagegen ist Schengen-Land. Von dort können die Leute den Rest der EU-Länder erreichen. Deshalb sehen sie es immer noch als Chance, auch wenn einige Afghanen zurück sind nach Griechenland. Es ist grausam. Ein einziger Horror. Als Mutter im Container auf der anderen Seite, das ist wie ein Gefängnis. Aber wir haben Gott. Er wird uns helfen.“

Wer nimmt sich der Menschen an in diesem Niemandsland? Tibor Varga ist Pfarrer. In den 90er Jahren hat er in Subotica, 10 Kilometer landeinwärts von Horgos, die Osteuropa-Mission gegründet. Seine Pfarrei liegt gegenüber der Kirche im Ortskern.

„Die ersten Flüchtlinge hat es hier 2010 gegeben. Wer sind sie, fragten wir uns damals? Sie richteten sich in der Nähe von Müllhalden ein, in einer verlassenen Ziegelstein-Fabrik am Rande der Stadt und direkt im Wald, dem Dschungel, wie wir sagen. Ihre Kultur ist anders. Sie sprechen nicht die Sprache der Einheimischen. Viele Unbekannte also. Das kann zu Spannungen führen.“

Varga findet es richtig, dass sich Ungarn vor gewaltsamen Grenzübertritten schützt. Gerade habe die serbische Polizei drei Busse mit Flüchtlingen aufgegriffen, erzählt er. Sie weit ins Landesinnere gebracht, bis zurück nach Presevo an die mazedonische Grenze. Eine Demütigung für die Flüchtlinge.

„Sonst gibt es eine humanitäre Katastrophe“

„Es muss sich etwas ändern, sonst gibt es eine humanitäre Katastrophe. Ich bin ein Christ. Gott liebt die Menschen. Und alle brauchen wir ein Quäntchen Liebe. Wenn die Flüchtlinge das nicht bekommen und spüren, kann gerät hier alles außer Kontrolle und es gibt Chaos.“

Dann erzählt Varga vom game, dem Spiel, wie es die Flüchtlinge nennen. Gemeint ist wie Flüchtlinge nachts Löcher in den Grenzzaun nach Ungarn schneiden um unerkannt durchzukommen. Schlepper geben ihnen Tipps, aber auch serbische Grenzern. Denn Serbien möchte Durchfahrtsland bleiben. Habib hat es mehrmals versucht.

„Ich habe mehrere Versuche über die ungarische Grenze hinter mir. Für 2500 Euro, mit Ziel Österreich. Wir haben ein Loch in den Grenzzaun geschnitten. Aber die Polizei erwischte uns. Sie hetzten Hunde auf uns. Einige wurden gebissen. Die Ungarn nahmen uns die Handys weg und machten sie kaputt. Ein anderes Mal im Winter nahmen sie uns die Socken weg und ließen uns barfuß durch den Schnee marschieren. Sie machen das zur Abschreckung, damit keiner es ein zweites Mal versucht.

Misstrauen und Erschöpfung sprechen aus den Gesichtern vieler Flüchtlinge. Als sei Europa jetzt dabei, sie ein weiteres Mal um die besten Jahre ihres Leben zu berauben. Viele besitzen keinen Pass. Ohne Ausweis aber ist man kein voller Mensch. EU-Bürger haben Bürgerrechte. Flüchtlinge nur Menschenrechte.

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