13. August 2017 · Kommentare deaktiviert für „Viele werden als Arbeiter ausgebeutet – davon profitiert die Mafia.“ · Kategorien: Italien · Tags: ,

Die Zeit | 10.08.2017

In Süditalien sind allein seit Jahresbeginn 100.000 Migranten angekommen. Viele werden als Arbeiter ausgebeutet – davon profitiert die Mafia.

von Ulrich Landurner

Crotone

Es ist Mittag, das Thermometer zeigt 45 Grad. Im Hafen von Crotone gibt es keinen Schatten. An der Mole stehen Polizisten, Ärzte, Krankenpfleger, Helfer, Übersetzer. Das norwegische Schiff Olympic Commander legt an. Es fährt im Auftrag der europäischen Grenzagentur Frontex und hat 1.242 Migranten an Bord. Zuerst kommen die Kranken und Verletzten auf die Mole, es folgen Frauen und Kinder, schließlich die Männer. Jeder von ihnen wird fotografiert, bekommt ein Schild angeheftet und wird in einen Bus gebracht. Unter den Übersetzern am Pier ist ein Mann aus dem Senegal. Am Pier rufen sie ihn nur Chico, seinen echten Namen will er nicht nennen. Seit sechs Jahren lebt er mit Frau und Kindern in Crotone. Er spricht fließend Italienisch, die Kinder gehen hier zur Schule, in der Stadt ist er ein bekanntes Gesicht.

Rund 60.000 Einwohner hat Crotone und sieht doch mancherorts aus wie eine Brache. Nichts ist geblieben von dem Traum der sechziger Jahre, den Süden Italiens mittels Industrie der Armut zu entreißen. Der größte Arbeitgeber der Stadt ist mit 350 Beschäftigten heute Misericordia, eine kirchennahe Hilfsorganisation.

Rund 100.000 Migranten sind seit Jahresbeginn an Italiens Küsten gelandet. Anders als früher winken die Behörden sie nicht mehr Richtung Norden durch – jedenfalls nicht so schnell. Sie versuchen, ihre europäische Pflicht zu erfüllen und den Asylanspruch der Ankommenden hier zu prüfen. Rund 80 Prozent haben keinen Anspruch.

Wer aber einmal im Land ist, bleibt und versickert im riesigen Schwarzmarkt, der von der Mafia dominiert wird. Wer über die Wüste und das Meer kommt, um in Europa ein besseres Leben zu finden, landet oft genug in einer neuen Form der Sklaverei.

Sant’ Anna

Das Erstaufnahmelager Sant’ Anna ist ein mit Stacheldraht umzäuntes Gelände am sonnenverbrannten Stadtrand von Crotone. Zwischen 2006 und 2015 zahlte die Regierung in Rom dem Betreiber Misericordia 103 Millionen Euro dafür, das Lager zu verwalten. Im Mai deckte die italienische Polizei auf, dass davon 36 Millionen in den Taschen der ’Ndrangheta – der kalabresischen Mafia – und ihrer Kumpane verschwunden sind. Misericordia gab den Migranten Essen, das man „normalerweise Schweinen zum Fraß vorwirft“, wie sich der ermittelnde Staatsanwalt Nicola Gratteri ausdrückte. Unter den Angeklagten sind ein Priester und der Leiter der Misericordia in der Region, Leonardo Sacco. Der verfügt über beste Kontakte in Rom, auf seiner Facebook-Seite ist er mit Papst Franziskus zu sehen und mit Außenminister Angelino Alfano. Der Skandal erschütterte Italien, doch da der Zustrom der Migranten nicht abnimmt, fließt das Geld weiter. Die Migration hält die marode lokale Wirtschaft am Laufen.

Und was erwartet jene, die aus der Erstaufnahme entlassen werden? Unten am Hafen, ein paar Hundert Meter vom Schiff Olympic Commander entfernt, in einem stillgelegten Tanklager, hausen etwa ein Dutzend Männer. Es riecht nach Benzin, Müll und Exkrementen. Die Männer mussten Sant’ Anna verlassen, sie haben keine Bleibe außer dieser Ruine. Seit vielen Wochen warten sie auf Papiere, die ihnen ein Existenzrecht in Europa geben. Sie sind jung und erschöpft.

Rignano

Die Tomate ist das „rote Gold“ Apuliens. Hier in der Region werden über 30 Prozent der italienischen Tomatenernte eingefahren, rund 22 Millionen Tonnen im Jahr. Frühmorgens sieht man Tausende Afrikaner auf Rädern über Feldwege rumpeln, nachmittags mühen sie sich über die glühend heiße Ebene zurück in ihre Behausungen. Die Räder sind schrottreif, doch die Arbeiter zahlen dafür zwischen 30 und 50 Euro. Das ist eine Investition, die sich bald ausgezahlt hat: Wenn sie einen Van in Anspruch nehmen, um von ihrem Lager auf die Felder zu kommen, müssen sie für die Hin- und Rückfahrt fünf Euro bezahlen. Das ist sehr viel Geld für die Arbeiter, die im Akkord schuften. Pro Kiste, das sind 350 Kilo, bekommen sie zwischen 2,50 und 3,50 Euro. Ein Erntehelfer schafft im besten Fall sechs Kisten am Tag, also ein Tageseinkommen zwischen 15 und 21 Euro, abzüglich der Fahrtkosten, Essen und Wasser. Fällt die Ernte aus, weil es regnet, ist auch der Lohn gleich null.

Außerdem zahlt jeder Arbeiter seinem Vorarbeiter in der Regel 50 Cent pro Kiste. Der Vorarbeiter wird Caporale genannt, denn er ist weniger Vorarbeiter denn Kommandant. Der Caporale hält den Kontakt zu Landbesitzern. Da die Tomate eine empfindliche, wetterabhängige Pflanze ist, brauchen die Landbesitzer bei der Ernte höchste Flexibilität. Die Caporali bieten das. Sie schieben ihre Erntehelfer mal hier-, mal dorthin, wie schnelle Einsatztruppen.

Mitten im Nichts zieht sich die Siedlung der Erntearbeiter an einem Feldweg entlang. Das Grande Ghetto besteht aus zusammengezimmerten, mit Planen abgedeckten Holzverschlägen, klapprigen Wohnwagen und halb verfallenen, alten Kornspeichern. Hier leben Menschen aus vielen afrikanischen Ländern mit ganz unterschiedlichem rechtlichen Status. Es gibt anerkannte und abgelehnte Asylbewerber. Viele bewegen sich seit Jahren ohne Papiere durch das Land, geräuschlos und unsichtbar wie Gespenster. Während der Erntezeit leben hier mehr als 1.500 Menschen. Viele Migranten, die über die Küsten ins Land gelangten, kommen hierher, weil sie einen Verwandten, einen Freund, einen Bekannten im Grande Ghetto haben.

Es ist ein mehrere Tausend Köpfe zählendes Heer von Wanderarbeitern. Wenn sie mit den Tomaten fertig sind, ziehen sie weiter zur Orangenernte, dann zu den Melonen. Sie suchen Jobs, irgendwo in Italien und, wenn möglich, in Nordeuropa. Im Grande Ghetto trifft man auf Afrikaner, die etwas Deutsch sprechen, sie waren ein paar Monate oder sogar Jahre in Deutschland, so lange, bis die Polizei sie aufgriff und in das Land zurückschickte, in dem sie als Erstes europäischen Boden betraten – nach Italien. Seinen vollen Namen will hier keiner in der Zeitung wissen.

Boubakar betreibt im Grande Ghetto seit zehn Jahren einen Laden. Er mag etwa 50 sein und verkauft Wasser, Milch, Kekse, Kerzen. Hinter seinem grob zusammengezimmerten Ladentisch stehend, ist er mit den Jahren ergraut. Auf den Feldern kann er schon lange nicht mehr arbeiten. Obwohl er wenig Profit macht, schickt er immer etwas Geld nach Gambia zu seiner Familie. Er lebte einigermaßen von seinem Geschäft, bis vor wenigen Wochen ein Brand ausbrach, der einen Teil des Ghettos zerstörte. Danach rollten die Bulldozer an.

Die Regierung Apuliens hatte beschlossen, das Lager zu räumen. Die Behörden boten den Bewohnern an, in ein Lager zu gehen, das von einer italienischen Organisation verwaltet wird. Nur wenige taten dies, denn dort dürfen sie nicht selbst kochen und müssen essen, was ihnen eine italienische Cateringfirma vorsetzt. Die Erntearbeiter verloren dadurch den wenigen Spielraum, den sie sich mühsam erarbeitet hatten.

Nardò

An den Mauern eines Gehöfts am Stadtrand von Nardò sitzen rund ein Dutzend Afrikaner und suchen Schutz vor der gnadenlosen Sonne. Rosa Vaglio begrüßt sie mit Handschlag. Vaglio, 27, ist Lehrerin und hätte in den Norden Italiens gehen müssen, um ihren Beruf ausüben zu können. Tausende gut ausgebildete junge Menschen verlassen jedes Jahr den Süden, weil sie keine Arbeit finden. Vaglio wollte in ihrer Heimat eine Zukunft haben und landete bei den Afrikanern, die hier die Erde bearbeiten. Vaglio engagiert sich für den Verein „Diritti del Sud“ („Rechte für den Süden“), dort sucht sie eine Perspektive für sich und für die Afrikaner.

Die Stadtverwaltung von Nardò hat den Erntearbeitern das Gehöft überlassen und auf dem Gelände Zelte aufgestellt. Es gib ein Reihe von Chemietoiletten sowie einen Wassertank mit Trinkwasser, der sich in der prallen Sonne schnell aufheizt. In den Zelten hat es tagsüber über fünfzig Grad Hitze. Die Afrikaner dürfen auf Anordnung der Gemeinde auf dem Gelände nicht kochen, es gibt auch keine Versorgung. Sie müssen sich selbst um das Essen kümmern, irgendwie, irgendwo. Die Menschen hier sollen arbeiten, möglichst wenig kosten und nicht stören. Da der Nachschub groß ist, muss sich kein Landbesitzer um den Verschleiß der Arbeitskraft kümmern. Diese Menschen sind den Caporali und den Landbesitzern ausgeliefert. Moudá, der aus dem Sudan stammt und schon viele Jahre hier lebt, sagt in fließendem Italienisch: „Ich konnte es lange nicht glauben, aber es ist wirklich so: Wir Afrikaner sind hier die neuen Sklaven.“

Das ist nicht etwa die Einzelmeinung eines Aktivisten, sondern eine Tatsache, mit der sich Gerichte beschäftigen. In Nardò läuft derzeit ein Prozess, bei dem den Angeklagten „Versklavung“ vorgeworfen wird. Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Haft. In Nardò weiß man um die Zustände. Sie bleiben niemandem verborgen, doch es regt sich kein Protest. „Es herrscht Schweigen“, sagt Angelo Cleopazzo, der wie Rosa Vaglio für den Verein Diritti del Sud arbeitet. Es ist dies die „Kultur“ der Omertá, des mafiösen Schweigens. Keiner spricht über das Unrecht, weil viele Angst haben und viele profitieren. Viele Landbesitzer seien, wie Staatsanwalt Gratteri sagt, Mafiosi. Auch in Nardò ist das Gewicht der Mafia spürbar. Die Menschen hier erinnern sich an die spektakuläre Ermordung einer Gemeinderätin vor mehr als 30 Jahren, an Brandanschläge, Bomben, sie wissen vom „pizzo“, der Steuer, welche Ladenbesitzer an die Mafia zahlen. Auch wenn die Macht der Mafia nicht immer greifbar ist, in den Köpfen der Menschen entfaltet sie ihre lähmende Kraft. Es erfordert Mut, dennoch aktiv zu werden. Die Aktivisten von Diritti del Sud gründeten eine Kooperative und gaben ihr den schönen Namen „sfruttazero“, was „null Ausbeutung“ heißt. Sfruttazero pachtet Land, pflanzt Tomaten ohne Einsatz von Pestiziden und zahlt den Erntearbeitern einen fairen Preis sowie die Sozialversicherungsbeiträge. 13.000 Flaschen Tomatensoße hat sfruttazero im vergangenen Jahr hergestellt. Das ist im Vergleich zur Gesamtproduktion Apuliens ein verschwindend kleiner Anteil. Wenn man nur den Preis der Tomatensoße sieht, dann ist das Produkt von sfruttazero nicht konkurrenzfähig: 2,80 Euro kosten 500 Milliliter auf dem Markt, gegenüber 90 Cent bei Massenproduzenten. Doch Rosa Vaglio und ihre Mitstreiter lassen sich nicht beirren. „Wir sind klein“, sagt Rosa Vaglio, „aber natürlich beobachtet man uns. Sollten wir größer werden, werden sie uns Schwierigkeiten machen, ganz sicher!“

Mineo

Am Fuße des sizilianischen Dorfes Mineo, in der glühend heißen Ebene des Colatino, liegt das größte Erstaufnahmelager Italiens. Mehr als 3.000 Migranten sind hier untergebracht. Das Lager trägt immer noch seinen alten Namen: Residence degli Aranci. Früher war es ein Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe, 2011 wurde er in ein Erstaufnahmelager umgewandelt. 2014 vergab die Regierung für drei Jahre einen Auftrag in Höhe von 100 Millionen Euro für die Verwaltung des Lagers an ein Konsortium lokaler Kooperativen. Es stellte sich heraus, dass das Konsortium den Auftrag gegen Bestechung zugeschanzt bekam. Im Visier der Ermittler befindet sich unter anderen Anna Aloisi, Beraterin des Konsortiums und gleichzeitig Bürgermeisterin von Mineo. Aloisi gehört zur Partei des amtierenden Außenministers Angelino Alfano. Diese Partei (Nouvo Centro Destra) erreichte landesweit nur vier Prozent der Stimmen. In Mineo aber gewann Aloisi 2014 fast 40 Prozent. Mineo hat etwas mehr als 5.000 Einwohner. 750 Leute arbeiten direkt oder indirekt für die Residence degli Aranci. Das erklärt die Popularität der Bürgermeisterin.

Das Gelände der Residence degli Aranci ist umzäunt und wird von Polizisten und Soldaten bewacht. Die Migranten können das Lager zwischen acht Uhr morgens und acht Uhr abends verlassen. Täglich gehen viele den steilen Weg in das Dorf hinauf. Da es sehr heiß ist und der Weg an Orangenhainen vorbeiführt, pflückt der eine oder andere Orangen, viele heben Früchte auf, die auf den Boden gefallen sind. Landbesitzer haben deswegen schon bei den Behörden geklagt und eine Entschädigung für die entgangene Ernte beantragt.

Im Dorf Mineo haben sich amerikanische Evangelikale niedergelassen. Sie bieten Bibelstunden an. Sie holen die Migranten mit dem Auto aus dem Lager ab und bringen sie wieder zurück. „Was hast du über Gott gelernt?“, fragen die Amerikaner die Gläubigen aus Afrika, die Antwort lautet: „Dass er gut ist!“ Nach dem Unterricht gibt es Melonen, Pfirsiche, Nektarinen und Bananen. Die Lagerinsassen haben ein Recht auf 2,50 Euro am Tag, das in Form eines Bons ausgestellt werden sollte. Doch sehr häufig bekommen sie dafür Zigaretten. Eine Schachtel kostet im Handel 5,40 Euro, die Migranten verkaufen sie für drei Euro an Bonbesitzer oder außerhalb des Lagers, auf dem „freien Markt“. Die Landbesitzer der Ebene von Colatino und ihre Caporali nutzen das Lager als billiges Arbeitskräftereservoir. Normalerweise bekommt ein Erntearbeiter bei der Orangenernte im Colatino zwischen 20 und 25 Euro pro Tag. Den Arbeitern aus dem Lagern werden nur 10 bis 15 Euro angeboten. Sie hätten, so lautet das Argument der Caporali, im Lager freie Kost und Logis.

Von den Höhen Mineos aus betrachtet, gleicht die Residence degli Aranci einer riesigen Feriensiedlung. In ihrer Nähe aber sind die Ausgebeuteten anzutreffen. Ein Mann eilt auf dem Fahrrad schwitzend zur Erntearbeit, eine sehr junge nigerianische Frau versucht an einer Seitenstraße mit viel nackter Haut und grellem Lippenstift Kundschaft anzulocken. Ein schmaler Mann aus Niger, der schon vor Tagen aus dem Lager entlassen wurde, weiß nicht, wohin er gehen soll. Er sitzt im Orangenhain und wartet. Ohne genau zu wissen, worauf.

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