17. August 2017 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlinge in Niger: Endstation Teneré-Wüste“ · Kategorien: Afrika, andere Länder, Libyen, Sahara · Tags: ,

ARD Tagesschau | 16.08.2017

Sie fallen vom Pritschenwagen und verdursten – in der Teneré-Wüste sterben laut Experten drei Mal so viele Migranten wie auf dem Mittelmeer. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) will deshalb in der Region in Niger Rettungsaktionen starten.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Meistens schauen die Menschen zurzeit aufs Mittelmeer, wenn es um das Drama der Flüchtlinge geht, die von Afrika nach Europa wollen. Die Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) blicken aber auch auf die Teneré-Wüste im westafrikanischen Staat Niger. Dort laufen wichtige Fluchtrouten Richtung Libyen zusammen, von wo aus die Menschen versuchen, ans Mittelmeer und dann weiter nach Norden zu gelangen.

In der Teneré-Wüste sterben viele Migranten. Viele werden von ihren Schleppern im Stich gelassen. Andere fallen schlicht vom Pritschenwagen und verdursten in der Wüste. Die IOM schätzt, dass in der Teneré-Wüste drei Mal so viele Migranten umkommen wie auf dem Mittelmeer. Sie versucht deshalb gemeinsam mit den nigrischen Behörden Rettungsaktionen zu fahren.

Touren mit Mobiltelefon gefilmt

Die Menschenschmuggler sind meist mit mehreren Pritschenwagen in der Wüste unterwegs, die sie voll mit Migranten geladen haben. Sie filmen ihre Touren häufig mit dem Mobiltelefon. Und sie zeigen diese Videos auch bereitwillig.

In einer der Aufnahmen halten mehrere Pick-up-Transporter irgendwo in der Wüste. Einer der Schleuser sagt in die Kamera: „Nigrisches Militär ist auf der Route – wir warten.“ Der Fahrer sagt: „Man hat uns gesagt, dass weiter vorne auf der Route Soldaten sind. In einer halben Stunde können wir weiterfahren.“

Völlig ausgelaugte Migranten

Natürlich filmt kein Schleuser, wenn Migranten in der Wüste zurückgelassen werden. Wenn sich die Menschenschmuggler aus dem Staub machen und ihre „Kunden“ ihrem Schicksal überlassen. Alberto Preato von der Internationalen Organisation für Migration hat solche Migranten selbst getroffen. Preato war für die IOM auf einer Erkundungstour in der Teneré-Wüste.

An einem der wenigen Wasserlöcher trafen er und sein Team auf eine Gruppe völlig ausgelaugter Migranten. „Sie wirkten wie unter Schock als wir sie fanden. Einige waren in einem wirklich schlechten Zustand, sie hatten seit Tagen nichts gegessen.“ Ihre Schleuser hatten sie in der Wüste ausgesetzt. Warum, das habe er nicht herausfinden können, sagt Preato.

Dreimal so viele Tote wie im Mittelmeer

Teams der IOM fahren immer häufiger in die Wüste, um Migranten zu suchen. Seit Januar, sagen sie, haben sie mehr als 1000 Menschen gerettet. Aber immer häufiger finden sie auch Leichen. Im Mai stießen sie auf 44 Frauen, Männer und Kinder, die in der Wüste umgekommen waren.

„Migranten sagen uns: Die Wüste ist ein viel größerer Friedhof als das Mittelmeer“, erklärt Giuseppe Loprete, der Chef der IOM-Mission in Niger. „2016 starben 5000 Menschen im Mittelmeer. Es wird geschätzt, dass es in der Wüste dreimal so viele Tote gab.“

Die holländische Regierung finanziert jetzt ein Projekt der Internationalen Organisation für Migration. Damit regelmäßiger Suchteams in die Teneré-Wüste fahren, um nach Migranten zu fahnden, die ausgesetzt wurden oder deren Schleuser-Fahrzeuge liegen geblieben sind.

Schwierige Kooperation

Die IOM versucht, mit den Sicherheitskräften von Niger zusammen zu arbeiten. Aber Alberto Preato weiß aus eigener Anschauung, wie begrenzt die Polizei-Kapazitäten im Grenzgebiet von Niger und Libyen sind: „Sie haben einen kleinen Polizeiposten in der Ortschaft Dirkou. Dort gibt es nicht mal einen Computer. Manchmal sind auch Polizisten im Ort Seguedine. Die haben aber kein Fahrzeug.“

Dann bleibt also das Militär. Die Soldaten haben aber eigentlich ganz andere Aufgaben. Deshalb blieben die Such- und Rettungsmissionen bisher ein Sandkorn in der riesigen Teneré-Wüste.

Ähnliche Beiträge

Kommentare geschlossen.