28. August 2017 · Kommentare deaktiviert für „Migration aus Süd- und Südosteuropa nach Westeuropa: Kontinuitäten und Brüche“ · Kategorien: EU, Lesehinweise · Tags:

bpb | 14.08.2017

Südosteuropa ist vor allem mit Mittel- und Westeuropa durch eine lange Tradition der Migrationen von Menschen in beide Richtungen eng verbunden. Sylvia Hahn macht in ihrem Beitrag die langwährende Verflechtung der beiden Gegenden unseres Kontinents durch vielfältige Migrationsströme deutlich.

Julys Geschichte

July M. stammt aus Kičevo in Mazedonien. Sie war Mitte Zwanzig, als sie sich Mitte der 1980er Jahre entschloss, ihrer Tante nach München zu folgen. Es kam dann aber doch anders. Ihre Cousine, die in Linz (Oberösterreich) als Reinigungskraft arbeitete, hatte bereits eine Arbeit für sie in Aussicht. So fuhr July nicht nach München, sondern nach Linz. Hier blieb sie ein knappes Jahr. Dann zog sie nach Salzburg, wo in der Zwischenzeit einer ihrer Brüder als Maler Fuß fassen konnte. Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Dorf außerhalb von Salzburg. Auch July M. fand in diesem Ort eine Gemeindewohnung und konnte ihren Sohn einige Jahre später aus Mazedonien nachholen. Seit knapp über 30 Jahren arbeitet July M. nun schon als Reinigungskraft in Salzburg. Ihre Ersparnisse investierte sie in einen Hausbau in ihrem Herkunftsort und, wie viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Südosteuropa, verbringt sie ihre Urlaube in ihrem Haus in Mazedonien.

July M. ist in vieler Hinsicht ein typisches Beispiel einer im Gefolge der Anwerbeabkommen mit Jugoslawien und der Türkei in den 1960er Jahren nach Deutschland und Österreich gekommenen Arbeitsmigrantin.1 In den 1960er und frühen 1970er Jahren erfolgte die Anwerbung der „Gastarbeiter“ über Anwerbeagenturen in Jugoslawien und der Türkei, finanziert durch Wirtschaftsverbände oder Unternehmen. Damit sollten eine geregelte Anwerbung und ein zeitlich begrenzter Aufenthalt garantiert werden.

Aber bereits nach einigen Jahren wurde dieses Anwerbesystem sowohl von den Unternehmen als auch von den Arbeitskräften ausgehebelt. Die Rekrutierung der Arbeitskräfte erfolgte immer öfter durch die bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder in Frankreich anwesenden Arbeitskräfte selbst. Diese in den Zielländern der Migration lebenden Bekannten oder Familienmitglieder holten, durchaus unterstützt von den Unternehmen, die dadurch Anwerbekosten einsparen konnten, Verwandte oder Freunde als Arbeitskräfte nach. Derartige Kettenmigrationen von einzelnen Familienmitgliedern oder Bekannten aus der Herkunftsregion waren ein typisches Element der Arbeitsmigration aus Südosteuropa. Und: Es waren nicht nur Männer, die kamen, sondern ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil waren Frauen. Auch darum war July M. keine Ausnahme. Gerade unter den Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Jugoslawien war der Anteil von Frauen mit rund 30 bis 40 Prozent relativ hoch. Bei den Migranten aus der Türkei war der Frauenanteil etwas niedriger. Es gibt auch Beispiele, dass Männer aus der Türkei ihren Frauen nachfolgten,2 nicht immer waren es nur die (Ehe-)Männer, die ihre Frauen und Familien nachholten. […]

  1. Das Beispiel ist eines von zahlreichen lebensgeschichtlichen Interviews, die im Migrationsarchiv der Stadt Salzburg abrufbar sind, www.stadt-salzburg.at/migrationsarchiv, letzter Zugriff am 30.5.2017.
  2. Sylvia Hahn, Geschichte der Arbeitsmigration in Österreich, in: Ali Özbaş, Joachim Hainzl und Handan Özbaş (Hg.), 50 Jahre jugoslawische Gastarbeit in Österreich, Graz 2016, 22–39; dies., Meral und Erol. Ein Leben zwischen Salzburg und Istanbul, in: Jochen Jung und Arno Kleibel (Hg.), Menschen aus Salzburg, Salzburg 2016, 101–105; Sylvia Hahn, Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, in: Karl Husa, Christof Parnreiter und Irene Stacher (Hg.), Internationale Migration. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts? Wien 2000, 77–96.
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