14. September 2017 · Kommentare deaktiviert für „Die Vertreibung aus dem Menschenhändler-Paradies“ · Kategorien: EU, Italien, Libyen · Tags: ,

Welt | 14.09.2017

Die Schleusung von Migranten nach Europa war ein hochlukratives Business. Es machte skrupellose Männer zu reichen Provinzfürsten. Auch in der Stadt Zuwara. Nun aber ändert sich die Lage plötzlich.

Von Beat Stauffer, Zuwara

Zuwara wirkt auf den ersten Blick wie eine vom Bürgerkrieg verschonte Provinzstadt Libyens. Entlang der erstaunlich gepflegten Hauptstraße gibt es zahlreiche Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Handyshops, Cafés sowie eine Apotheke. Einzig die geschlossenen Banken lassen erahnen, dass sich das Land in einer schweren Krise befindet.

Die Frauen sind verschleiert; die rund 45.000 Bewohner von Zuwara bekennen sich zu der kleinen Glaubensgemeinschaft der Ibaditen, die als strenggläubig, sparsam und fleißig gelten. Dunkelhäutige Migranten gehören zum Straßenbild. Die Hafenstadt nahe der tunesischen Grenze im Nordwesten Libyens ist eine der wichtigsten Drehscheiben der illegalen Emigration in dem Land. Zumindest war sie das bis vor wenigen Wochen.

Inzwischen schlägt die international anerkannte libysche Regierung von Fajis al-Sarradsch in Tripolis eine härtere Gangart gegen das Schlepper- und Schmugglerwesen an. Sie ist von der Europäischen Union stark unter Druck gesetzt worden, hat aber gleichzeitig auch massive Finanzhilfen erhalten, vor allem von Italien.

Rückblende: Noch Anfang August war die Anlaufstelle für alle Fremden, die nach Europa emigrieren wollen, das Café „Delfin“ an der Siahli-Straße im Zentrum von Zuwara. Anwerber der Schlepper verkehrten dort. Junge Männer aus rund zehn verschiedenen Ländern sprachen Neuankömmlinge in ihrer jeweiligen Sprache an, erkundigten sich nach ihren Plänen und unterbreiteten ihnen konkrete Vorschläge.

Eine Überfahrt auf einem sicheren, modernen Schiff mit einem professionellen Kapitän kostete 500 Euro, war vor Ort zu erfahren. Eine Passage auf einem alten, überfüllten Kahn war für rund 300 Euro zu haben, und per Schlauchboot ging es noch billiger. Das waren Discountpreise; im Sommer 2016 mussten Ausreisewillige rund das Doppelte hinlegen.

Der Kellner des Cafés „Delfin“ trug im Hosenbund eine Pistole. „In diesen Tagen wollen alle im Schleppergeschäft maximal profitieren, denn sie wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird“, sagte er damals. Zu dieser Zeit war bereits klar, dass die Regierung gegen die Schleuser vorgehen wird.

Mit dem Kutter nach Lampedusa

Der 38-jährige Khalifa aus Zuwara arbeitete lange im Schleuser-Business. Seine Biografie ist typisch. Er stammt aus einem kleinen Dorf im tunesischen Hinterland. Bis zum Ausbruch der tunesischen Aufstände im Jahr 2011 arbeitete er als Bauarbeiter. Mit der Verschlechterung der Umstände entschloss er sich, Tunesien zu verlassen und in Libyen Arbeit zu suchen. Er heuerte in der bloß 80 Kilometer von der tunesischen Grenze gelegenen Provinzstadt bei einem Unternehmer an, der mehrere große Fischkutter besaß. Zuerst als Gehilfe an Bord, später als Kapitän. Sein Chef war Hadsch Ghassen.

Im Sommer 2012 bot Ghassen Khalifa einen anderen Job an: Er sollte Migranten schleusen. Das war zehn- bis 20-mal so lukrativ wie die Arbeit auf dem Fischkutter und weniger anstrengend. „Nimm meinen Vorschlag an, mein Sohn, du stehst unter dem Schutz meiner Leute“, habe Hadsch Ghassen damals gesagt.

Fast fünf Jahre lang überführte Khalifa mit einem Kutter drei- bis fünfmal pro Monat Migranten nach Lampedusa. Dabei verdiente er pro Fahrt bis zu 2500 Euro; eine astronomische Summe für einen ungelernten tunesischen Arbeiter.

Khalifa und auch Maher, ein weiterer Helfershelfer Ghassens, sind überzeugt, dass ihr Chef einer der großen Schlepperbosse in Zuwara ist. „Jedermann in Zuwara kennt Hadsch Ghassen“, sagte Khalifa bei dem Gespräch Anfang August. Dieser habe nach eigenen Aussagen mehr als 100.000 Migranten nach Europa geschleust. Viele Einwohner Zuwaras hätten Angst vor ihm, sie verachteten ihn, und Hadsch Ghassen verkehre nicht mehr oft in der Stadt. „Er ist nett mit den Netten, brutal hart mit denen, die sich ihm widersetzen“, sagt ein Einwohner von Zuwara.

Viele ärmere Leute sähen in ihm aber auch einen Wohltäter, weil er bei religiösen Festen großzügig spende. Bei Migranten sei Hadsch Ghassen beliebt, weil er die modernsten Schiffe besitze und zudem eine kleine Halle organisiert habe, in denen die Kandidaten für die illegale Ausreise Fußball spielen könnten.

Ghassen soll in den letzten Jahren ein riesiges Vermögen angehäuft haben, Villen in Tunesien und in der Türkei besitzen und regelmäßig mit seiner Familie nach England reisen. Seine Villa in Zuwara ist schwer bewacht. Maher – ein früherer Friseur Ende 30, der für die Kontaktpflege zu den lokalen Milizionären zuständig ist – riet dringend davon ab, näher hinzufahren oder gar zu fotografieren.

„Kommission“ für italienische Küstenwache

Nicht ohne Grund, wie sich später herausstellte: Als sich ein tunesischer Mittelsmann bei einem anderen jungen Mann, der ins Schleppergeschäft verwickelt ist, informieren wollte, holte dieser zu einem Schlag mit seiner Pistole aus. Ein Rippenbruch war die Folge.

Khalifa erzählte, bei seinen Schleusertouren habe er der italienischen Küstenwache gelegentlich eine „Kommission“ bezahlen müssen, damit sie ihn wieder nach Libyen zurückreisen ließ. Und mit der Küstenwache in Zuwara habe sein Chef Ghassen einen Deal geschlossen. So sei nur etwa jedes zehnte Boot kontrolliert worden, und auch da habe sich meist eine Lösung finden lassen. Die Milizen vor Ort hätten das Schleppergeschäft tatkräftig unterstützt, tüchtig mitverdient und die auslaufenden Migrantenboote stets eskortiert.

Doch seit Mitte August hat sich vieles geändert. Milizen in Zuwara hätten die Seiten gewechselt und unterstützten nun die Politik von Fajis al-Sarradsch, erklärt nun ein Kenner der lokalen Szene. Ob dabei direkte Geldzahlungen aus Italien wie angeblich in der Nachbarstadt Sabratha oder der Druck der Regierung in Tripolis ausschlaggebend waren, ist zurzeit nicht klar.

Mehrere Quellen berichten zudem, dass italienische Spezialtruppen in Zuwara, Sabratha und al-Garabulli bei Tripolis stationiert seien. Sie unterstützten offiziell die dortige Küstenwache, aber auch Milizen, die sich loyal gegenüber der Regierung der Nationalen Einheit verhalten. Dabei geht es sowohl um die Bekämpfung des Schlepperwesens wie auch um den Schmuggel von Erdöl und Erdölprodukten.

Schlepper unter Schutz des Clans

Auch Schlepperboss Hadsch Ghassen schien zu spüren, dass sich der Wind gedreht hat. Nach der Verhaftung eines anderen mächtigen Schleusers sollen laut mehreren Quellen Haj Ghassen und andere Schlepper Zuwara verlassen haben und nach Sabratha geflüchtet sein. In Zuwara fühlten sie sich offenbar vor den Behörden von Tripolis und deren Eingreiftruppe RADA, aber auch vor den italienischen Spezialeinheiten nicht mehr sicher.

In Sabratha stehen die Schlepper von Zuwara angeblich unter dem Schutz des Clans der Gharabli. Diese verfügen über eine schwer bewaffnete Miliz, die sich „Brigade des Märtyrers Gharabli“ nennt. Sie steht radikalen Islamisten nahe und hat ihr Hauptquartier in einer Villa in einem wohlhabenden Viertel der Stadt Sabratha.

Khalifa hat seinen lukrativen Job schon im Frühjahr aufgegeben. Die Bilder der ertrunkenen Flüchtlinge verfolgen ihn bis in seine Träume, sagte er. Ein Drecksgeschäft sei das. Nun arbeitet er für den Besitzer einer Luxusyacht. Dieser schmuggelt Haschisch und Kokain.

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