11. Oktober 2017 · Kommentare deaktiviert für „Flüchtlinge in Griechenland: Lieber tot als gefangen auf Lesbos“ · Kategorien: Griechenland · Tags: ,

taz | 10.10.2017

Die Lage der Flüchtlinge auf den ägäischen Inseln ist dramatisch. Das stellt ein Bericht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fest.

Christian Jakob

Die Situation für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln verschlechtert sich massiv. Im September erreichten über 2.200 Menschen allein die Insel Lesbos. Das sind so viele wie vor Inkrafttreten des sogenannten EU-Türkei-Deals.

Hilfsorganisationen berichten von katastrophalen Zuständen. Im Lager Moria auf Lesbos sind über 5.000 Menschen, ausgelegt ist es für 1.800. Flüchtlinge würden in Cafés die Zuckerstücke von den Tischen nehmen, weil sie nicht genug zu essen bekommen, schildert ein Helfer. Am 8. Oktober starb ein 4-jähriges syrisches Mädchen in Moria.

Am Dienstag legte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) einen Bericht über die Lage der Flüchtlinge auf den Ägäis-Inseln vor. Es herrsche ein „psychosozialer Notstand“, so MSF.

95 Prozent der seit Ende 2016 auf Samos und Lesbos angekommenen Menschen sind Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, meist aus Syrien oder Irak. Neuankömmlinge in den Lagern müssten teils auf Pappkartons auf dem Boden schlafen.

Mehr Selbstmordversuche

Fast die Hälfte der Befragten habe in der Türkei Gewalt erfahren, fast ein Viertel in Griechenland. Zwischen 50 und 70 Prozent der Gewaltvorfälle seien von staatlichen Autoritäten verübt worden. Selbstmordversuche, Selbstverletzungen oder psychotische Erkrankungen hätten im Sommer um 50 Prozent gegenüber den vorigen drei Monaten zugenommen.

Auch Schwerkranke würden interniert, wenn ihr Asylantrag abgelehnt werde. Die Menschen seien teils Opfer von Bombardements in ihren Heimatländern geworden, sagt Jayne Grimes von MSF Samos. Die Lebensumstände auf den Inseln trieben sie zur Verzweiflung: „Jeden Tag behandeln unsere Teams Patienten, die ihnen sagen, dass sie lieber in ihren Heimatländern gestorben wären, als hier gefangen zu sein“, so Grimes.

Der EU-Türkei-Deal sieht vor, dass Flüchtlinge in der Regel erst nach Abschluss des Asylverfahrens auf das griechische Festland gebracht werden. Die Folge war eine extreme Überfüllung der Aufnahmeeinrichtungen auf den Inseln. In der vergangenen Woche hatte es bei der EU-Kommission geheißen, sie habe „Hunderte Millionen mobilisiert, um menschenwürdige Bedingungen zu schaffen“.

Die Situation dürfte sich nun weiter verschärfen. Denn bislang wurden SyrerInnen noch am ehesten anerkannt und auf das Festland gebracht. Am 22. September aber entschied das höchste griechische Verwaltungsgericht, dass Abschiebungen von Syrern in die Türkei rechtmäßig seien – so dürften nun auch viele SyrerInnen länger in den überfüllten Lagern auf den Inseln bleiben.

Weniger Beamte

Besonders Schutzbedürftige, etwa Kranke oder Opfer sexualisierter Gewalt, haben Anspruch auf eine Verlagerung auf das Festland. Die griechischen Behörden hätten jedoch die Zahl der Beamten, die ermitteln sollen, wer zu dieser Gruppe gehört, stark reduziert, obwohl immer mehr Flüchtlinge kommen, so MSF.

Die EU-Staaten und die griechischen Behörden seien für das Leid auf den Inseln verantwortlich, sagte Louise Roland-Gosselin von MSF Griechenland. „Das komplette Versagen aller Ankunftssysteme auf den Inseln lassen keine andere Maßnahme zu, als die Menschen auf das Festland zu bringen.“ Dies sei ein „humanitärer Imperativ.“

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Zeit Online | 10.10.2017

Griechenland: Ärzte warnen vor „psychosozialem Notstand“ unter Asylsuchenden

Gewalt und schlechte Lebensbedingungen: Die Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln ist laut Ärzte ohne Grenzen katastrophal. Sie fordern eine Umsiedlung.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wirft Griechenland und der EU vor, für einen „psychosozialen Notstand“ unter Asylsuchenden auf den griechischen Inseln mitverantwortlich zu sein. Die Teams der Organisation auf Lesbos und Samos behandelten immer häufiger Patienten, die Selbstmordversuche oder Selbstverletzungen unternommen oder psychotische Episoden durchlebt hätten, heißt es in einem Bericht der Hilfsorganisation. Das komme von Gewalt, Vernachlässigung und den schlechten Lebensbedingungen in den Camps.

Ärzte ohne Grenzen fordert Konsequenzen von Griechenland und der EU. Alle Asylsuchenden müssten umgehend auf das griechische Festland umgesiedelt werden, wo sie angemessen untergebracht werden könnten und auch einen besseren Zugang zu der nötigen Gesundheitsversorgung hätten.

„Diese Menschen haben Bombardements, extreme Gewalt und traumatische Erfahrungen in ihren Heimatländern und auf der Flucht nach Europa erlebt“, sagte Jayne Grimes, die das psychosoziale Programm von Ärzte ohne Grenzen auf Samos leitet. „Doch es sind die Lebensumstände auf den griechischen Inseln, die sie in Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und selbstverletzendes Verhalten treiben. Es ist eine Schande.“

Während des Sommers seien pro Woche sechs bis sieben neue Flüchtlinge nach Selbstmordversuchen, mit Selbstverletzungen oder psychotischen Episoden mit akutem Behandlungsbedarf in die Klinik der Organisation auf Lesbos gekommen. Im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten sei die die Zahl der Patienten in dieser Klinik um 50 Prozent gestiegen

 

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