13. Oktober 2017 · Kommentare deaktiviert für Mittelmeer: 606 Menschen binnen 36 Stunden gerettet. SOS MEDITERRANEE ununterbrochen im Einsatz · Kategorien: Italien, Libyen · Tags: , ,

SOS Mediterranee | 12.10.2017

„In Libyen hängt die Höhe des Lösegeldes von deiner Staatsangehörigkeit ab“

Noch immer flüchten Menschen über das Mittelmeer, obwohl dies nach Augenzeugenberichten immer schwieriger wird. SOS MEDITERRANEE ist mit der Aquarius ununterbrochen im Mittelmeer im Einsatz und hat in den letzten 36 Stunden 606 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Die Einsätze in internationalen Gewässern erfolgten in Abstimmung mit der italienischen Seenotleitstelle Rom (MRCC).

Der erste von insgesamt sieben Einsätzen begann für das Team der Aquarius bereits am Dienstagmorgen östlich von Tripolis. 29 Menschen konnten aus einem Holzboot gerettet werden. Sie stammen mehrheitlich aus Syrien. Kurz darauf wurden die Rettungsteams der Aquarius durch das MRCC und das Aufklärungsflugzeug Moonbird über einen weiteren Seenotfall informiert. Alle 144 Menschen wurden von einem Schlauchboot sicher an Bord gebracht. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nahm SOS MEDITERRANEE dann auf Anweisung des MRCC 36 Personen an Bord. Sie waren zuvor von einem anderen Schiff gerettet worden.

Mittwochmorgen folgten die nächsten Notrufe über die Rettungsleitstelle in Rom. Drei weitere Schlauchboote mit insgesamt 350 Menschen an Bord waren östlich von Tripolis in Seenot geraten. Die Aquarius brauchte mehrere Stunden, bis sie vom ursprünglichen Einsatzgebiet im Westen der libyschen Küste am neuen Einsatzort ankam. Alle 350 Menschen konnten sicher an Bord der Aquarius gebracht werden. Viele der Geretteten benötigten sofortige medizinische Behandlung, unter anderem wegen schwerer Unterernährung und chronischer Krankheiten, die sich aufgrund fehlender medizinischer Versorgung in Libyen dramatisch verschlechtert hatten. Ein Mann musste mit einer Schuss- und Schnittwunde behandelt werden.

Erst spät in der Nacht beendete die Aquarius ihren 36-stündigen Einsatz. Von der NGO Save the Children übernahm sie östlich von Tripoli noch einmal 47 Gerettete, bevor sie auf Anweisung der italienischen Seenotleitstelle in Richtung Italien segelte. Dort wird sie am Freitagmorgen in Palermo erwartet.

„Die Aquarius hat in weniger als 36 Stunden sieben Einsätze durchgeführt: fünf Rettungen und zwei Transfers, zuerst östlich von Tripolis, dann westlich und dann wieder östlich. Dank der Professionalität der Rettungsteams und des milden Wetters gingen die Rettungseinsätze einigermaßen ruhig vonstatten.  Alle, die auf diesen behelfsmäßigen Booten auf offener See in ernster Gefahr waren, sind jetzt sicher an Bord der Aquarius“, so Madeleine Habib, Rettungskoordinatorin an Bord der Aquarius.

40% Minderjährige – Überlebende berichten von massiver Gewalt in Libyen

Die 606 Geretteten kommen aus mehr als 15 Ländern, unter anderem aus Ägypten, Eritrea, Mali, der Elfenbeinküste und Syrien. 40% von ihnen sind Jugendliche und Kinder, das Jüngste gerade mal eine Woche alt. Die überwiegende Mehrheit berichtete von massiver physischer Gewalt in Libyen, teilweise über mehrere Jahre. Viele der geretteten Frauen aus Subsahara-Afrika berichten den Teams an Bord von wiederholter sexueller Gewalt und mehreren Monaten Gefangenschaft in Libyen.

Auch zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien befinden sich unter den Überlebenden, darunter ganze Familien.

„Wir sind aus Syrien geflohen und kamen 2012 in Libyen an. Ich habe im Bausektor in Syrien gearbeitet, was ich auch in Libyen getan habe. Aber schon bald war alles sehr chaotisch in diesem Land. In Libyen gibt keinen Zugang zu Krankenhäusern, Dienstleistungen, keine Wirtschaft, kein Geld, keine Arbeit mehr. Alles dreht sich jetzt um kriminelle Machenschaften und Menschenhandel: Je nach Nationalität wird eine bestimmte Summe von dir gefordert. In Libyen hängt die Höhe des Lösegeldes von deiner Staatsangehörigkeit ab“, erklärte ein etwa 60-jähriger Syrer den freiwilligen Helfer*innen von SOS MEDITERRANEE.

„Wenn sie Syrer in Libyen sehen, sagen sie, ‚gib mir dein Geld.‘ Ich hatte keine andere Wahl, mein Pass war abgelaufen, es war das Meer oder der sichere Tod“, ergänzte der Mann, der angab in Deutschland Asyl beantragen zu wollen. Ein Teil seiner Familie lebt bereits dort.

Zivile Seenotrettung bleibt lebenswichtig

Auch wenn laut Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR die Zahl der ankommenden Flüchtlinge in Italien in den letzten Monaten gesunken ist, machen sich nach wie vor Menschen in seeuntüchtigen Booten auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben auf den Weg nach Europa.

„Die Rettungseinsätze, der letzten 36 Stunden zeigen, dass die humanitäre Krise im zentralen Mittelmeerraum weiter anhält. Die Männer, Frauen und Kinder, die wir gerettet haben, fliehen vor dem Chaos und der Gewalt in Libyen. Ohne eine sichere und legale Alternative, bleibt ihnen nichts Anderes übrig, als die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer zu riskieren“, erklärte Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V.. In Bezug auf die aktuelle Libyenpolitik der EU sagte sie: „Die Zusammenarbeit der EU mit der libyschen Küstenwache und die Auslagerung des europäischen Grenzschutzes dient dazu, Flüchtende an der Überfahrt nach Europa zu hindern. Dies führt dazu, dass viele Menschen keine Möglichkeit mehr haben, der Gewaltspirale in Libyen zu entkommen. Diejenigen die es doch schaffen, ertrinken entweder im Mittelmeer oder werden von Schiffen wie der Aquarius gerettet. SOS MEDITERRANEE kann die europäischen Mitgliedsstaaten nur immer wieder zum Handeln auffordern und wie bisher auf die absolute Notwendigkeit eines europäischen Seenotrettungsprogramms hinweisen.“

In diesem Jahr hat SOS MEDITERRANEE bereits 12.428 Flüchtende an Bord der Aquarius aufgenommen. 9.830 wurden direkt durch die Rettungsteams geborgen, 2.598 von anderen Schiffen übernommen.

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Corriere della Sera | 13.10.2017

Migranti, a Palermo «nave di bimbi» A bordo 606 salvati, 241 i minori

Nel porto la «Aquarius» di Sos Mediterranèe: 606 le persone (provenienti da 15 Paesi diversi) soccorse in sette operazioni condotte in 36 ore. «Un naufrago su tre è bambino o adolescente», ha confermato Madeleine Habib, coordinatrice Sar della Ong

È arrivata nel porto di Palermo nave Aquarius di Sos Mediterranee, con a bordo 606 migranti salvati in sette operazioni di soccorso in meno di 36 ore. La «nave dei bambini» è stata ribattezzata: sul natante dell’organizzazione franco-italo-tedesca, infatti, 241 minori, 178 dei quali non accompagnati. Sono undici le donne incinte, di cui due al nono mese di gravidanza; e c’è anche un neonato di appena una settimana. Diversi naufraghi presentano sintomi di malnutrizione e appaiono provati dalla prolungata mancanza di cure, un giovane porta i segni di ferite da arma da fuoco e da machete. Numerose donne di origine subsahariana hanno dichiarato di essere state ripetutamente vittime di violenze sessuali e di essere state imprigionate per diversi mesi. «Un naufrago su tre è bambino o adolescente», ha confermato Madeleine Habib,coordinatrice Sar (Search and Rescue) di Sos Mediterranee. I migranti soccorsi martedì e mercoledì provengono da più di 15 Paesi differenti: Siria, Egitto, Mali, Costa d’Avorio, Guinea Bissau, Sudan, Marocco, Somalia, Eritrea, Senegal, Camerun, Nigeria, Liberia, Etiopia, Algeria, Ghana, Benin, Gambia, Yemen. Tra loro anche un migrante originario della Turchia; 50 sono i richiedenti asilo siriani in fuga dalla Libia, tra i quali intere famiglie con bambini

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