31. Oktober 2017 · Kommentare deaktiviert für „Gestrandete Flüchtlinge: Algerischer Alptraum“ · Kategorien: Algerien, Libyen

Spiegel Online | 31.10.2017

Libyen macht seine Küsten dicht – auch weil die EU die Zahl der ankommenden Flüchtlinge radikal senken will. Das sorgt für Rückstau in den Transitländern. Ein Besuch bei den Wartenden von Algerien.

Aus Algier und Oran berichtet Zahra Chenaoui, „Le Monde“

Der Brunnen ist atemberaubend, ein Kunstwerk mitten in einem gepflegten Garten. Drumherum, sorgfältig inszeniert, posieren Desiree, Helene und Grace. Sie sind jetzt in Italien und lassen das in den sozialen Medien auch jeden wissen. Eigentlich stammen sie alle drei aus Kamerun, aber die vergangenen Jahre haben sie in Algerien verbracht, im selben Viertel.

Dort, am Rand der Hauptstadt Algier, sitzt Luc in seiner winzigen Wohnung. Er muss Platz schaffen, morgen kommt Besuch: die Cousine seiner Freundin mit ihrem zehnjährigen Sohn. Wie Luc und die drei Mädels von den Glamour-Posts im Netz kommt sie aus Kamerun. „Sie hat Familie in Frankreich, die haben die Reise letztes Jahr gemacht“, erklärt Luc.

Er spricht von der Libyen-Route. Zwei Jahre war sie offen. Allerdings starteten die Überfahrten nur in seltenen Fällen direkt von Algerien aus. Zu genau werden dort die Küstenstreifen überwacht. Stattdessen diente Algerien als Transitland ins benachbarte Libyen. Krieg und Chaos hatten dort ein Paradies für Menschenschmuggler hinterlassen. Wen es also von Algerien aus nach Europa zog, der konnte fahren. Ob er es schaffte, stand auf einem anderen Blatt. Heute ist es schwieriger. Die Behörden haben, gefördert durch eine EU auf Anti-Flüchtlingskurs, auch in Libyen ihre Bewachung der Küste verschärft. Dazu gibt es immer wieder Kämpfe gegen Verbände von Extremisten. Jetzt gerade toben sie rund um Sabratha. Die Route ist de facto dicht.

Den Jungen, der auf einer schmutzigen Matratze auf dem Asphalt sitzt, scheint das nicht zu schrecken. Er schaut sich auf einem Telefon ein Video aus seiner Heimat Douala an, Kameruns größter Stadt. Vor sechs Monaten ist der Teenager angekommen, seitdem wartet er auf einer Wiedereröffnung der Libyen-Route. „Ich bin hier, um ein Boot zu kriegen“, sagt er. Dann spricht er leise von Europa: „Es ist dort besser für mich. Bessere Schulen.“ Für die Reise hat ihm sein Vater Geld geschickt. Aus Europa – er hat vor einem Jahr dieselbe Route genommen.

Jeden Tag warten sie wieder am Straßenrand

Etwas entfernt hockt eine Gruppe Jugendlicher aus Guinea, ebenfalls auf hingeworfenen Matratzen, sie färben sich gegenseitig die Haare. „Ich bin seit drei Monaten hier“ sagte Mohamed, 17 Jahre: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, hier Arbeit zu finden.“ Denn solange er auf die Weitereise nach Europa warten muss, will er Geld verdienen. So wie er warten jeden Tag Dutzende junge Männer am Straßenrand auf jemanden, der einen Tagelöhner braucht. Doch die Autos fahren vorbei.

Die Szene steht für ein größeres Problem. Immer mehr junge Menschen aus Guinea und anderen westafrikanischen Ländern stranden in Algerien, scheitern an der Sprache und geraten mit Einheimischen in Streit. Gerade erst gab es in mehreren algerischen Metropolen heftigen Ärger, weil sich nigerianische Migranten zu Bettlerbanden organisiert haben. Der Rückstau der Flüchtlinge hier in Algerien, die vielen frustrierten jungen Menschen sind ein Resultat der europäischen Migrationspolitik. Die EU schottet sich ab, das Problem wird auf die Bürgersteige, Lager und Absteigen des Landes verlagert.

Besonders gefährlich leben geflüchtete Frauen. Das zeigt sich vor dem Krankenhaus von Oran, 400 Kilometer westlich von Algier, wo wir Adamo treffen. Aufgeregt läuft er vor dem Tor hin und her und versucht, per Telefon den Weg hierher zu beschreiben. Irgendwann kommt die Person am anderen Ende der Leitung dazu. Eine junge Frau, offensichtlich schwanger.

Die Behörden gehen immer härter gegen Flüchtlinge vor

„Sie ist vergangene Woche aus Tamanrasset angekommen“, erklärt Adamo und meint die Sahara-Stadt weit im Süden des Landes, einem wichtigen Transitort für Flüchtlinge. Seit fünf Monaten ist sie schwanger, war davon die meiste Zeit unterwegs und hat noch keinen Arzt gesehen. Untergekommen ist sie bei anderen Flüchtlingen, die schon länger in der Stadt sind und ihre bescheidene Unterkunft teilen.

Mit so viel Solidarität kann sie bei weitem nicht überall rechnen. „Die Frauen, die gerade erst angekommen sind, sind verwundbar. Die Alteingesessenen schikanieren und nutzen sie aus.

Und auch von den Behörden können sie wenig Unterstützung erwarten. Im Gegenteil: Seit September wurden mehr als 1200 Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara festgenommen. Es gibt sogar Berichte von jungen Müttern, die nach der Entbindung noch vor dem Krankenhaus geschnappt wurden. Wer in die Fänge der Behörden gerät, muss damit rechnen, zurück nach Tamanrasset gebracht zu werden. Und von dort an die Grenze.

Trotzdem harren die Flüchtlinge aus. Was sollen sie auch machen? Einer, er kommt aus Liberia, will aber seinen Namen nicht verraten, fasst es so zusammen: „Ich bleibe, weil ich hier mehr für meine Arbeit bekomme als zu Hause. Also beiße ich die Zähne zusammen und warte, bis das alles vorbei ist.“

 

siehe auch The Guardian

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