02. November 2017 · Kommentare deaktiviert für „Nur die Hoffnung bleibt“ · Kategorien: Balkanroute, Serbien

Zeit Online | 01.11.2017

Seit die Balkanroute geschlossen ist, stranden viele Flüchtlinge in Serbien. In Auffanglagern werden sie notdürftig versorgt, bevor sie sich erneut auf den Weg machen.

Von Thomas Roser, Obrenovac

Entschlossen guckt der auf seinem Stockbett sitzende Saud Khan auf die weiße Wand vor sich. Das Ziel seiner 19-monatigen Odyssee scheint unerreichbar fern, dennoch hält der Afghane eisern daran fest. „Ich will in mein Land zurück – nach England“, wiederholt der 25-Jährige im Auffanglager im serbischen Obrenovac gebetsmühlenhaft.

Als die Taliban 2009 seinen Vater getötet hätten, sei er aus seinem nordafghanischen Heimatort Baghan geflohen, berichtet der Mann mit dem unsteten Blick niedergeschlagen. Ein Jahr habe er damals benötigt, um nach Großbritannien zu gelangen. Fünf Jahre lang habe er in Gloucestershire gewohnt, bevor er nach Ablehnung seines Asylgesuchs abgeschoben worden sei. Doch in seinem Dorf hätten ihm die immer wieder aufflackernden Gefechte und erneute Todesdrohungen der Taliban keine Ruhe gelassen: „Ich fühlte mich nie sicher.“

Ein Onkel gab ihm das Geld, um 2016 die Flucht erneut zu wagen. Mit gequältem Gesichtsausdruck berichtet Saud über raffgierige Schlepper, Todesängste auf stürmischen Schiffspassagen, Schläge von Grenzern und islamistischen Landsleuten, Abschiebungen und Angstträumen. Spricht er über die Erlebnisse seiner ersten oder zweiten Flucht? Sprunghaft und fahrig lässt er sein Flüchtlingsleben Revue passieren. Er sei durcheinander, sein Gedächtnis funktioniere „nicht mehr richtig“: „Ich träume oft, dass sie mich verfolgen.“ Sein Leben sei „ruiniert“, seufzt Saud: „Wer würde in einer solchen Lage nicht verrückt werden?“

„Minderjährige und Familien hängen fest“

Bis zu 14.000 Menschen täglich zogen im Herbst 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise über die sogenannte Balkanroute durch einen Korridor von den griechischen Ägäisinseln bis Österreich in Richtung Westen. Dessen offizielle Schließung im März 2016 und verstärkte Grenzbarrieren haben die Zahl der Transitmigranten in den Anrainerstaaten inzwischen merklich reduziert, deren stark abgebremsten Drang in den Westen aber keineswegs ganz versiegen lassen.

Flüchtlinge würden noch stets kommen und gehen, „allerdings in viel kleinerer Zahl“, berichtet im serbischen Belgrad Radoš Đurović, der Direktor der Hilfsorganisation Zentrum zum Schutz für Ayslsuchende (CZA). Auf „mindestens 20 Menschen“ pro Tag beziffert er die Zahl der Flüchtlinge, die meist von Bulgarien, aber auch von Mazedonien nach Serbien gelangten. Zwar gebe es noch immer Menschen, die dank ihrer Mittel und dank der Schlepper relativ schnell durchs Land ziehen würden: „Doch vor allem Minderjährige und Familien ohne Geld hängen immer länger fest. Sie sind oft orientierungslos, wissen nicht mehr, was sie tun sollen und wie ihre Zukunft aussehen könnte. Und ihr psychischer Zustand ist meist sehr schlecht.“

In dem fast ausschließlich von jüngeren Männern unter 30 Jahren bewohnten Auffanglager in der ehemaligen Kaserne von Obrenovac gebe es „viel Energie“, berichtet dessen Leiter Sava Rakić: „Je mehr der Mensch wartet und über seine Lage nachdenkt, desto nervöser wird er.“ Immerhin: Obwohl die durchschnittliche Verweildauer in dem derzeit rund 700 Menschen zählenden Lager mittlerweile vier bis fünf Monate betrage, sei es noch zu keinen nennenswerten Zwischenfällen gekommen.

Manche seiner meist aus Afghanistan, Pakistan und Somalia stammenden Schützlinge blieben nur wenige Tage oder Wochen, andere hätten schon 25-mal ohne Erfolg versucht, die Grenzen nach Kroatien, Ungarn oder Rumänien zu überwinden, berichtet Rakić: „Sie werden gefasst, geschlagen und abgeschoben. Sie lassen sich hier von den Ärzten behandeln, ruhen sich ein wenig aus – und versuchen es dann erneut: Die meisten kommen von den Grenzen wieder zurück, manche aber auch nicht. Es gibt also noch immer einen Durchzug.“
Kaum Integration in Serbien
So ganz einheitlich ist diese Entwicklung aber nicht. So wird auf den griechischen Ägäisinseln in den letzten Wochen wieder verstärkter Andrang registriert: Eineinhalb Jahre nach Schließung des Korridors bei Idomeni hat sich die Zahl der in Griechenland gestrandeten Flüchtlinge mit 60.000 Menschen kaum vermindert. Stark rückläufig sind die Zahlen in Bulgarien, wo die neue rechtsnationalistische Regierung den Ausbau des Grenzzauns zur Türkei zu einer Priorität erklärt hat. Offiziell würden sich nur noch 2.200 Flüchtlinge auf bulgarischem Territorium befinden, meldete im September etwas verblüfft die Nachrichtenagentur Novinite: „Die Migranten haben Bulgarien fast verlassen.“ Während die Zahlen in Rumänien leicht steigen, sind sie in Serbien mit 4.000 Flüchtlingen in offiziellen Lagern und knapp 1.000 Menschen, die unter freiem Himmel oder in leerstehenden Häusern leben, etwas geschrumpft.

Im Gegensatz zu Ungarn oder Bulgarien gebe es in Serbiens Regierung keine offen fremdenfeindlichen Kräfte, so Đurović. Doch obwohl die Mehrheit der Flüchtlinge mittlerweile zumindest mit Unterkunft und Nahrung versorgt werde, gebe es kaum staatliche Anstrengungen, die immer länger im Land verweilenden Flüchtlinge dauerhaft zu integrieren. In diesem Jahr seien erst zwei Asylanträge positiv beschieden worden: „5.000 Leute sind eigentlich nicht viel. Deren schlechte Integration hat nicht nur mit dem Mangel an Mitteln, sondern auch mit Unfähigkeit und dem Mangel an politischem Willen zu tun.“

Im Hof der einstigen Kaserne in Obrenovac messen Pakistani ihre Kricket-Talente. Hinter den Scheiben des Unterrichtssaals versucht eine Lehrerin einer Handvoll Schülern einige Grundkenntnisse Serbisch zu vermitteln. „Wir drängen ihnen die Sprachkurse oder Sportaktivitäten nicht auf, bieten ihnen das nur an, um ihren Tag zu füllen,“ versichert Leiter Rakić: „Die Leute haben schließlich alle Zeit der Welt.“

„Unterkühlungen und Entbehrungen“

Ihre Patienten seien „oft eher nervös als dankbar“, sagt in ihrem Sprechzimmer die Lagerärztin Ljiljanka Filipović: „Alle haben es sehr eilig, weiterzukommen: Selbst zehn Minuten Warten fällt ihnen schwer, auch wenn sie monatelang hier festhängen.“ Nicht nur Verletzungen bei „Schlägen mit stumpfen Gegenständen“ habe sie bei den Rückkehrern von den Grenzen zu behandeln: „Oft sind weniger die Schläge der Grenzer die Ursache für ihren schlechten Zustand als die Folgen der Unterkühlungen und Entbehrungen ihres tagelangen Aufenthalts in den Wäldern.“ Stress und psychische Erschöpfung macht der für das Flüchtlingslager zuständige Psychologe Nenad Kalabić als Grund für „depressive Angstzustände“ seiner Patienten aus: „Manche kommen auch mit Problemen zu uns, die ihnen schon vor ihrer Flucht zu schaffen machten.“

Zumindest der 19-jährige Dalmar aus dem somalischen Mogadischu hat seine zweijährige Flucht scheinbar gut verkraftet. Seinen 18. Geburtstag habe er auf der griechischen Insel Lesbos, seinen 19. in Obrenovac gefeiert, berichtet der Abiturient mit einem Lächeln. Er habe während seiner mittlerweile acht Monate in Serbien schon mehrmals versucht, die Grenzen nach Kroatien, Ungarn oder Rumänien zu überqueren. Vor allem an der ungarischen Grenze gebe es „viel Technologie“ und bissige Hunde, so seine Erfahrung: „Immer, wenn wir den Zaun überquerten, waren sie sofort da, schlugen uns übel zusammen.“

Geld für die geplante Weiterreise zu den Schwestern nach England habe er keines mehr, wolle sich darum im Winter erst einmal „ausruhen und dann im Frühjahr weitersehen“, so Dalmar. Viele Lagerinsassen hätten „psychische Probleme“, berichtet der aufgeweckt wirkende Hobby-DJ: „Alle wollen ein besseres Leben. Doch manche hängen hier auch mental völlig fest.“ Er versuche, sich nicht hängen zu lassen, spiele viel Fußball, lasse die Finger von Drogen, erklärt er seine Überlebensstrategie. Obwohl er sich ein paar Brocken Serbisch angeeignet hat, verschwendet er an einen dauerhaften Verbleib in dem Balkanstaat ebenso wenig Gedanken wie an eine Rückkehr in das bürgerkriegsgeplagte Somalia. „Die Leute behandeln uns gut. Aber Serbien hat selbst nicht genug, um uns wirklich zu helfen.“

Vor 27 Jahren kam Obrenovac-Leiter Sava Rakić selbst als Flüchtling aus Kroatien nach Serbien. Zunächst betreute der vollbärtige Ökonom Vertriebene der Jugoslawien-Kriege, nun Flüchtlinge aus aller Welt: „Manchmal sagen sie mir, du weißt nicht, wie das ist, auf der Flucht zu sein. Ich sage ihnen, ich habe selbst alles zurückgelassen.“ Trotz der vermehrten Grenzbarrieren habe er nicht das Gefühlt, dass sich seine Schützlinge mit dem Los eines längeren Verbleibs in Serbien abfinden könnten: „Alle wollen weiter, meist nach Deutschland oder nach Italien. Denn auch auf der Flucht stirbt die Hoffnung zuletzt.“

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