03. November 2017 · Kommentare deaktiviert für „Libyen und der Balkan sind dicht – dann eben Spanien“ · Kategorien: Afrika, Marokko, Spanien · Tags:

Spiegel Online | 02.11.2017

Kaum noch Boote können Libyen verlassen – ein Resultat der EU-Blockade. Dafür meldet Spanien immer mehr ankommende Flüchtlinge. Zwei von ihnen erzählen hier ihre Geschichte.

Aus Jerez de la Frontera und Tarifa berichtet Laura Delle Femmine, „El Pais“

Das Wasser des Mittelmeers wird blauer und blauer, fast schwarz mit zunehmender Tiefe. Patricia sieht es heute noch vor sich. Genau wie die immer größeren Wellen, die das Boot auf- und niederschaukeln. „Du weißt nicht, ob du es schaffst“, sagt die 39-Jährige über ihre Fahrt über die Straße von Gibraltar. „Das geht dir im Kopf rum, wenn du in das Boot steigst.“

Im August hatte sich die Frau von der Elfenbeinküste an die Überfahrt gewagt, zusammen mit ihren siebenjährigen Zwillingen. Ihr kommen noch immer die Tränen, wenn sie daran zurückdenkt. Heute sitzt sie in einem Park von Jerez de la Frontera, nicht weit von der Wohnung, die sie durch eine Hilfsorganisation bekommen hat. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass sie einmal nach Europa auswandert. Schon gar nicht eingepfercht in ein Boot mit 31 anderen Menschen, den Elementen ausgeliefert. „Nie im Leben würde ich das nochmal machen“, schluchzt sie.

Patricia ist einer von 12.400 Flüchtlingen, die zwischen Januar und September über das Meer nach Spanien gekommen sind. Laut Uno handelt es sich um den höchsten Wert seit 2008 – und schon jetzt um einen Anstieg von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Spanien-Route ist nicht neu, im Gegenteil: Seit vielen Jahren versuchen Marokkaner, auf diesem Weg in ein vermeintlich besseres Leben nach Europa aufzubrechen. Seit Jahren jedoch mischen sich auch immer mehr Menschen aus Ländern südlich der Sahara unter die flüchtenden Nordafrikaner. Länder wie Guinea, die Elfenbeinküste, aber auch Ghana und Nigeria haben deutliche Abwanderungsbewegungen verzeichnet. Seit der Weg über Libyen, vor allem durch die Bollwerk-Mentalität der EU, schwierig bis unpassierbar geworden ist, versuchen immer mehr Menschen die West-Route.

Laut Uno machen Frauen rund neun Prozent der Flüchtenden aus – doch sie sind auf ihrer Reise nach Norden besonders gefährdet. „Die Frauen sind so vielen Risiken ausgesetzt. Von Diebstahl über Misshandlung bis hin zu Entführungen“, sagt Elvira Garcia von der Hilfsorganisation Accem.

Patricia floh vor sieben Jahren, als nach den Wahlen an der Elfenbeinküste der Bürgerkrieg wieder aufflammte. Sie hatte schon schlimmere Unruhen erlebt, doch dieses Mal war etwas anders: Jetzt war sie nicht nur für die eigene, sondern auch für die Sicherheit ihrer Zwillinge, damals noch Säuglinge, verantwortlich.

Sie schildert die Stationen ihrer Reise: Über Burkina Faso gelangte Patrica nach Mali. Als auch dort 2012 Kämpfe ausbrechen, geht es weiter über den Senegal und Mauretanien bis nach Marokko.

Als Frau mit Baby in höchster Gefahr

Helferin Elvira Garcia und ihre Kollegen registrieren nach eigenen Angaben immer häufiger die Ankunft von jungen Frauen, manche allein, manche schwanger oder mit kleinen Kindern. Waren es vor Kurzem noch vor allem Frauen aus Nigeria, treffen derzeit immer mehr aus Kamerun und von der Elfenbeinküste ein. „Wir müssen die Route irgendwie sicherer machen“, sagt Garcia: „Eine Frau, die allein mit einem Säugling reist, schwebt ständig in höchster Gefahr.“

Drei Jahre hielt es Patricia in der marokkanischen Küstenstadt Casablanca aus. Sie beschreibt diese Zeit als Sklaverei: eine dunkelhäutige Katholikin ohne Papiere in einem muslimischen Land, das Flüchtlinge aus Sub-Sahara-Staaten ohnehin nicht unbedingt mit offenen Armen empfängt. Jobben konnte Patricia dort zwar, aber die Aussichten für die Zukunft waren düster.

Also entschied sie sich zum letzten, entscheidenden Schritt. Über das Wasser, weg aus Afrika, der Heimat. Dieser Schritt, genauer die 14 Kilometer Überfahrt kosteten sie umgerechnet 2000 Euro. Und war eine Tortur.

Die Fahrt wird zum Albtraum

„Es ging schon vor der Bootsfahrt los“, erinnert sich Patricia. Die Flüchtlinge mussten durch einen Wald an den Küstenstreifen laufen. „Frauen und Männer werden in diesem Wald angegriffen, manche ausgeraubt, manche vergewaltigt“, so berichtet sie.

Dann die Fahrt mit dem Boot, auch diese wird rasch zum Albtraum. Zehn Stunden lang treiben die Flüchtlinge auf dem Wasser, bis ein spanisches Fischerboot ihnen den Weg in Richtung Küste weist. Als dann ein Hubschrauber über ihnen kreist, weiß Patricia: Es ist geschafft.

José Cristobal Maraver ist der Mann, der den Hubschrauber losgeschickt hat. Als stellvertretender Leiter der Küstenwache in der Region Tarifa beobachtet er die Entwicklung genau. „Dies ist ein starkes Migrationsjahr. Bis Ende August hat Spanien rund 5800 Menschen auf dem Meer gerettet.“ Er spricht von einer Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Auch hier machen sich die Auswirkungen der europäischen Blockadepolitik bemerkbar – ebenso wie ihre Grenzen. Die Flüchtlinge finden andere Wege und die Schleuser verdienen prächtig an der Not der Hilfesuchenden.

Oder sie lassen sich anders entlohnen. „Wenn du kein Geld mehr hast, musst du mit den Männern Sex haben, die dich von Ort zu Ort bringen. Mit allen“, erzählt Bahoumou, die sich mit Patricia eine Wohnung teilt. Sie selbst hatte zwar genug Geld, um zumindest diesem Schicksal zu entgehen. Stattdessen plagt sie nun eine andere, große Sorge. Auf der Flucht wurde sie von ihrem vierjährigen Sohn getrennt. Nun sitzt die Mutter in Jerez de la Frontera, das Kind aber in der Obhut der spanischen Behörden, auf der anderen Seite des Mittelmeers in der Enklave Melilla.

Bahoumou hat bereits einen DNA-Test hinter sich, um zu beweisen, dass es sich wirklich um ihren Sohn handelt. Doch bisher klappt es mit der Zusammenführung noch nicht. Woran es genau hakt, weiß die 33-Jährige auch nicht so recht. Nur, dass sie ihr Kind wiederhaben muss – notfalls mithilfe der Gerichte.

So hat sie sich den Traum von Europa nicht vorgestellt.

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