04. Februar 2018 · Kommentare deaktiviert für „Calais: Schwerverletzte bei Massenschlägereien“ · Kategorien: Frankreich · Tags:

ARD Tagesschau | 02.02.2018

In der Hafenstadt Calais sind bei Zusammenstößen von Migrantengruppen 18 Menschen verletzt worden, fünf von ihnen schwer. Frankreichs Innenminister zeigte sich besorgt. Die Stimmung vor Ort bleibt angespannt.

In der französischen Hafenstadt Calais wurden bei Massenschlägereien unter Migranten mehrere Menschen verletzt, einige von ihnen schwer. Fünf Flüchtlinge mussten wegen lebensbedrohlichen Schusswunden behandelt werden. 18 weitere seien durch Schläge mit Eisenstangen verletzt worden, so die Staatsanwaltschaft.

Frankreichs Innenminister Gérard Collomb reiste in die Stadt. Er sprach von „schlimmen Vorfällen“ und beklagte ein nie gekanntes Ausmaß der Gewalt. Die Situation für die Einwohner der Hafenstadt am Ärmelkanal sei unerträglich, sagte der Minister. „Wir können nicht das Recht des Stärkeren in unserem Land herrschen lassen.“

Schüsse auf Eritreer

Zu den ersten gewaltsamen Zusammenstößen kam es nach Polizeiangaben am Donnerstag Nachmittag: Rund hundert Migranten aus Eritrea und rund 30 Afghanen gingen bei der Essensausgabe aufeinander los, nachdem ein Afghane Schüsse abgefeuert hatte.

Eine zweite Schlägerei habe es kurze Zeit später fünf Kilometer weit entfernt auf einem Industriegelände gegeben. Dort hätten mehr als hundert Eritreer eine Gruppe von 20 Afghanen mit Eisenstangen und Stöcken angegriffen. Die Polizei musste eingreifen, um die Afghanen zu schützen.

Zuletzt hatten in Calais im vergangenen November Migranten aufeinander geschossen. Bei dem damaligen Streit unter Afghanen wurden fünf Menschen verletzt. Anfang Juli 2017 waren 16 Menschen bei Zusammenstößen verletzt worden, im Juni 2016 erlitten 40 Menschen bei Schlägereien Verletzungen.

Symbol der Hilflosigkeit

In Calais halten sich nach Schätzung von Hilfsorganisationen derzeit rund 800 Migranten auf, die örtlichen Behörden sprechen von bis zu 600 Flüchtlingen. Sie versuchen, versteckt auf Lastwagen auf dem Seeweg oder durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Sie leben unter elenden Bedingungen, weshalb es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen unterschiedlichen Nationalitäten kommt.

In einem „wilden“ Flüchtlingslager, das 2016 von der Polizei abgerissen wurde, hatten zeitweise bis zu 10.000 Flüchtlinge in Calais gehaust. Das als „Dschungel“ bekannte Lager war in Frankreich zum Symbol für die Hilflosigkeit der Behörden im Umgang mit der steigenden Zahl von Migranten geworden.

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Süddeutsche Zeitung | 02.02.2018

Schüsse nach der Essensausgabe

  • In Calais sind die Zusammenstöße unter Flüchtlingen eskaliert. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt.
  • Eritreer und Afghanen gingen bei einer Essensausgabe aufeinander los, es fielen Schüsse.
  • In der Hafenstadt sind mehrere hundert Flüchtlinge, die hoffen, nach Großbritannien zu gelangen.

Von Andrea Bachstein

„Die Gewalt hat ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht“, stellte Frankreichs Innenminister Gérard Collomb fest, als er am Donnerstagabend im Hubschrauber nach Calais geeilt war. Vier junge Männer rangen dort von Kugeln getroffen mit dem Tod. Insgesamt 21 Verletzte mussten am Donnerstagnachmittag in Krankenhäuser gebracht werden, Flüchtlinge, Migranten und zwei Polizisten. Viele hässliche Szenen hat die Hafenstadt in den vergangenen zwei Jahren erlebt, weil sie Anlaufpunkt jener ist, die hoffen, von dort irgendwie nach Großbritannien zu gelangen. Aber Schüsse in eine Menge waren bisher nicht gefallen.

Afghanen und Eritreer sind am Donnerstag aufeinander losgegangen, und einer feuerte eine Waffe ab. Vermutlich Schleuser hätten geschossen, sagte der Minister, denn normale Flüchtlinge besäßen keine Waffen. Wäre die Polizei nicht eingeschritten, so Collomb, wäre es noch schlimmer ausgegangen. Die Lage für die Bürger in Calais nannte er unerträglich.

Die Welle der Gewalt begann am frühen Nachmittag nahe des Klinikzentrums am Boulevard des Justes bei einer Essensausgabe für Migranten, die vor allem Afghanen nutzen. Was eine Prügelei zwischen etwa 100 Afghanen und 30 Eritreern, die mehr als eine Stunde dauerte, ausgelöst hatte, sei unklar, berichtete Le Figaro. Sie endete jedenfalls für fünf Eritreer mit Schussverletzungen. Die Polizei fahndete nach einem 37-jährigen Afghanen.

Offenbar sprach sich die Tragödie schnell herum. Wenig später machten sich in Marck, fünf Kilometer von Calais entfernt, etwa 100 Eritreer daran, mit Eisenstangen und Stöcken auf Afghanen loszugehen, die Polizei griff ein. Gegen 17 Uhr gerieten Afghanen und Eritreer wieder aneinander, an einer Essensausgabe in einem Gewerbegebiet; sechs seien verletzt worden, meldete die Präfektur. Hunderte Polizisten waren im Einsatz, noch abends sprühten sie Tränengas.

Calais war aus den Schlagzeilen verschwunden, seit Frankreichs Regierung dort Ende Oktober 2016 mit Polizeigewalt den „Dschungel“ räumen ließ, die berüchtigte Ansammlung von Zelten und Hütten, in der bis zu 10 000 Flüchtlinge unter desaströsen Umständen hausten. Aber ganz ruhig wurde es nie. Wenn auch sehr viel weniger, so kommen doch weiter Flüchtlinge, die um jeden Preis auf die andere Seite des Ärmelkanals wollen. Die Polizei versucht zu verhindern, dass neue Camps entstehen. Es ist ein Katz-Maus-Spiel, und Schleuser spielen mit. Immer wieder gab es Zusammenstöße unter Migranten. Die schwersten zuletzt im vergangenen Juli, als man 16 Verletzte zählte. Auch diesmal waren es Schlachten Verzweifelter, wobei die Rolle des Schützen zunächst noch unklar war.

Hunderte campieren im Winter im Gebüsch und unter Brücken

Etwa 800 Flüchtlinge und Migranten hielten sich derzeit in und um Calais auf, schätzen Hilfsorganisationen, Behörden gehen von 500 bis 600 aus. Es gibt aber nur etwa 200 Plätze in staatlichen Unterkünften, in denen die Leute zehn Tage bleiben können. Hunderte campieren deshalb auch im Winter im Gebüsch, unter Brücken. Helfer verteilen Schlafsäcke, Mahlzeiten, bieten Waschgelegenheiten, aber die Umstände sind extrem. Und wegen erhöhter Sicherheitsmaßnahmen sind die Chancen der Migranten schlechter denn je, in den Fährhafen zu gelangen oder auf einen der Lkws, die in Calais in den Eurotunnel nach Folkestone einfahren. Immer wieder enden solche Fluchtversuche tödlich.

Die Lage sei so angespannt, dass jede Kleinigkeit die Migranten, fast alles junge Männer, aneinandergeraten lassen könne, sagte ein Mitarbeiter einer katholischen Hilfsorganisation der Zeitung La Croix, und: „Hinter all dem steht oft die Logik eines Kriegs um Gebiete zwischen den Gruppen.“ Offenbar rivalisieren Schleuser um die für Migranten strategischen Plätze. Ihre Reise nach Großbritannien wäre immer illegal, weil sie in anderen EU-Ländern registriert sind und laut Dublin-Abkommen dort bleiben müssen – oder sie nie registriert wurden.

Collomb sagte in Calais, wer sich dort aufhalte, suche die Illegalität, denn jeder fände Platz in Aufnahmezentren. Von Calais gelange man nicht nach Großbritannien. Collomb appellierte auch an Hilfsorganisationen, vor allem jene, die sich geweigert hatten, Präsident Emmanuel Macron zu treffen, als der Mitte Januar in Calais war. Sie sollten angesichts der Ereignisse überlegen, ob es richtig sei, vorbei am Staat Flüchtlinge an festen Punkten mit Essen zu versorgen, weil es dort zur Störung der öffentlichen Ordnung komme. Der Staat werde binnen zwei Wochen im Stande sein, die Menschen mobil mit Essen zu versorgen.

Auch Macron hatte einigen Hilfsorganisationen vorgeworfen, sie würden Migranten „ermutigen, sich in der Illegalität einzurichten, um heimlich auf die andere Seite der Grenze zu gelangen“. Collomb will nun mehr Polizei nach Calais schicken.

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