10. Februar 2018 · Kommentare deaktiviert für „Migranten in Calais: Verzweifelt in der Sackgasse“ · Kategorien: Frankreich, Schengen Migration · Tags:

ARD Tagesschau | 10.02.2018

Trotz Kälte und Hunger sind derzeit 600 bis 800 Migranten und Flüchtlinge in Calais. Nach dem Gewaltausbruch vor wenigen Tagen sprechen sie selber von „Krieg“, die Lage ist verzweifelt.

Von Isabel Schayani, WDR

Herr Abebe ist ein höflicher Herr. Wenn er mit erkennbar fränkischem Dialekt Deutsch spricht, drückt er sich gewählt aus. Er sagt Dinge wie: „Sie befinden sich hier im afrikanischen Calais“. Und: „Deutschland möchte, dass wir Äthiopier gehen. Wir sind Dublin-Fälle und Sklaven unserer Fingerabdrücke. Wo sollen wir hingehen?“

Herr Abebe sitzt zwischen Müll und zehn bis zwölf weiteren Migranten und Flüchtlingen auf Holzstumpen im Schlamm am Rande eines Waldes von Calais. Die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt. Die Kälte kriecht unter jede Schicht Stoff. Mal regnet es, mal schneit es. Das kleine Feuer wärmt die Gruppe um Herrn Abebe.

Man kann sich Herrn Abebe, Mitte 30, Anfang 40, geboren und aufgewachsen in Äthiopien, besser als Krankenpfleger vorstellen, was er auch bis vor kurzem in Bayern war. Sieben Jahre hat er dort gelebt. Dann kamen die Ablehnung des Asylgesuchs, nachdem er durch alle Instanzen hindurch war. Jetzt könne er nur noch nach Großbritannien. Dort gelte Dublin nicht.

Von Bayern nach Calais

Ob es denn Menschen tatsächlich von Calais über den Kanal schaffen? Der Fährhafen ist ein Hochsicherheitstrakt mit Wällen aus NATO-Draht. Herr Abebe lächelt die Reporterin an, eigentlich lacht er sie ob dieser Frage aus: „Wären wir sonst hier?“

Die anderen um ihn herum kommentieren – auf Deutsch. Alle waren in Bayern. Dutzende dieser bayrischen Äthiopier sind hier in Calais am Rand des Industriegebietes. Sie haben noch Zelte und stehen dicht nebeneinander. Sie verachten Deutschland, weil sie sich bemüht haben, sagen sie, aber trotzdem abgeschoben werden sollten.

Die französische Polizei räumt die Zelte und Behausungen regelmäßig weg. Vor zwei Tagen waren 70 Afghanen an der Reihe. Erstaufnahmen gibt es nicht. Wer in Heime geht, wird wie Herr Abebe, dahin abgeschoben, wo er herkommt – in die Heimat oder das europäische Land, wo er zuerst registriert wurde.

600 bis 800 Migranten und Flüchtlinge sollen in Calais sein, sagen die Hilfsorganisationen. Die Polizei spricht von 350. Ihnen stehen fünf Polizeieinheiten mit 450 Polizisten gegenüber. Erst im Januar hatte der französische Präsident Emmanuel Macron den Sicherheitskräften den Rücken gestärkt: Die Polizei soll hart gegen die Migranten vorgehen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty und Human Rights Watch kritisieren dieses harte Vorgehen.

Kälte, Hunger, Kriminalität, das harte Durchgreifen der Polizei und diese große Anspannung sind ein ungesundes Gemisch.

„Wir sind im Krieg“

Frage an einen Iraner, Mütze tief ins Gesicht gezogen, der in der Essensschlange unter den Afrikanern auffällt: Wo sind die Afghanen und die Iraner? „Hier ist Krieg, meine Dame. Viele Afghanen sind nach Paris geflohen oder in einen anderen Park. Hier ist afrikanisches Gebiet. Wissen Sie, meine Dame, wie gefährlich es ist, dass ich hier stehe?“

Ein Blick über das Gelände, auf dem es vor einer Woche zu einem Ausbruch von roher Gewalt kam. Und ein Blick zurück zum einzigen Iraner. Sofort ist er verschwunden.

Vor einigen Tagen kam es zum bislang schwersten gewaltsamen Zwischenfall. Ein „nie gekanntes Ausmaß an Gewalt“ nannte Innenminister Gérard Collomb die Zusammenstöße zwischen Afghanen und Eritreern. Der Innenminister hält die Schlepper für schuldig. Ein Afghane soll während der Essensausgabe mit einer Waffe auf einen Eritreer geschossen haben.

Dann zogen die Eritreer zu den Afghanen, mit Knüppeln bewaffnet, fast eine Stunde Fußmarsch. „Die Schwarzen haben hier auf uns eingeschlagen und wir haben uns gewehrt“, sagt Kazem, der seit sechs Monaten in Calais auf der Straße lebt. Der Afghane wirkt wie jemand, der die Gesetze der Straße kennt. Anfang 20 ist er.

Er bietet der Reporterin Tee an, den er gar nicht hat. „Viele von uns sind dann nach Paris abgehauen. Es war ihnen hier auf der Straße zu gefährlich.“ Die Afghanen stehen nun in der Kritik. Mehr als 20 Männer wurden zum Teil schwer verletzt, vier lebensgefährlich. Das Krankenhaus möchte sich dazu nicht äußern. „Wir sind im Krieg“, sagt auch Kazem.

Gerüchte treiben die Migranten nach Calais

Michael Garcia Bochenek von Human Rights Watch hatte länger schon beobachtet, wie sich die Lage zuspitzte und die Spannungen zunahmen. „Die Lage ist verzweifelter. Belgien geht härter gegen die Einwanderer vor, deshalb ziehen manche nach Calais weiter. In Paris kommen sie einfach nicht ins Hilfesystem. Die Polizei ist feindselig. Man konnte ahnen, dass etwas passieren würde. Stellen Sie sich vor, sie würden im Schlamm leben.“

Dazu kam das Gerücht, Großbritannien würde mehr Menschen aufnehmen. Solche Gerüchte treiben die Menschen in die Sackgasse nach Calais.

Tatsächlich versprach die britische Regierung, 480 Minderjährige aufzunehmen. Aber nicht nur aus Frankreich, auch aus Italien und Griechenland. Bei den Flüchtlingen kam an: Da geht was! So waren im Januar plötzlich mehr da. Und die Situation eskalierte.

Einer muss zurückbleiben

„In Deutschland ist Herr Seehofer Innenminister geworden, ich weiß“, kommentiert Herr Abebe die Koalitionsverhandlungen, während er ins kleine Feuer schaut und seine Füße im Matsch stecken.

Man fragt sich, wie er das mitkriegt. Die französische Polizei nimmt den Migranten und Flüchtlingen regelmäßig Handy, Zelt und Gut ab. Er ist trotzdem gut informiert. Herr Abebe und der zähe Kazem wollen es über den Kanal schaffen. „Abends“, erzählt einer leise am Rand, „ziehen wir zu dritt oder viert los. Wir ziehen dann ein Los. Wer es bekommt, der muss die Tür des Lkw zuschlagen und zurückbleiben. Pech gehabt.“ Herr Abebe ist ganz sicher, dass er es schafft, dabei gelingt es den wenigsten.

Kazem macht es anders. Er holt eine kleine Klinge in ein Taschentuch gewickelt aus der Hosentasche. Sie ist sein Werkzeug. Er klettert auf einen Lkw, schneidet mit dieser Klinge ein Loch in die Decke der Ladefläche und springt hinein. „Bislang haben sie mich immer am Hafen in Calais gefunden und eingesperrt.“ 45 Tage war er im Gefängnis.

Macron wird die Gangart gegen Menschen wie Kazem und Herrn Abebe verschärfen. Kazem ist abgehärtet. Den „Krieg“ kennt er schon, aus Afghanistan und jetzt, hat man den Eindruck, auch den Kampf um Calais.

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